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Der Februar

Erich Kästner

Der Februar

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins: die Zeit.

Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.

In Brokat und seidnen Resten,
eine Maske vorm Gesicht,
kommt sie dann zu unsren Festen.
Wir erkennen sie nur nicht.

Bei Trompeten und Gitarren
drehn wir uns im Labyrinth
und sind aufgeputzte Narren
um zu scheinen, was wir sind.

Unsre Orden sind Attrappe.
Bunter Schnee ist aus Papier.
Unsre Nasen sind aus Pappe.
Und aus welchem Stoff sind wir?

Bleich, als sähe er Gespenster,
mustert uns Prinz Karneval.
Aschermittwoch starrt durchs Fenster.
Und die Zeit verläßt den Saal.

Pünktlich legt sie in die Truhe
das Vorüber und Vorbei.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
Sorgenkleid und Einerlei.

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht,
bleibt uns doch nur eins: die Zeit.

Im Café

SA 7.52
SU 16.34
1-2 Bft aus Nord-Ost

Und einmal, Sonntag Nachmittag, FrauFreitag hat es irgendwie geschaft, pünktlich gegen halb 4 frisch geduscht zu ihrer Martial-Arts- Verabredung zu stiefeln. Gar nicht übel da draußen, es wird sogar noch ein bisschen hell, kurz vor Sonnenuntergang. Der liebe Chef-Kollege hat eingeladen und mir fällt meine gute Kinderstube wieder ein, also geh ich mal eben noch am Vrouwenlopplatz (Name geändert) ins Café, das da schon immer ist, wo ich schon als Kind mit Oma Schokolade mit Sahne hatte. Dingdong die Glocke und der Caféleiter steht an der Tür, gestikuliert und wirkt verzweifelt, irgendwas stimmt hier nicht, das sind nicht die üblichen Sonntagsnachmittagscafévibrations hier drin, denkt FrauFreitag. Im Zentrum der Unruhe sitzt eine alte Dame, die die Aufregung, die sie verursacht, mit stoischer Gelassenheit hinnimmt.  Wie ich aus aufgeregten Wortfetzen des Inhabers entnehme, kommt die alte Frau Weiß täglich, will Kaffee und Kuchen, den sie weder essen darf noch kann, weil sie ihre Arme nicht mehr bewegen kann. Sie wohnt zwei Straßen weiter im Stift, geht da aber nicht hin. Immer muss man die Polizei rufen.
Buarks, denke ich, kaufe Apfelkuchen und Mandelhörnchen und fasse einen Plan. Ja, da sei frei sagt sie, als ich sie frage, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Dann starren wir uns ein bisschen an. Blaue Augen, tiefseetief, die andere Sachen sehen als meine. Zum Beispiel.
Ob ich sie nach Hause bringen dürfe, frage ich. Sie schaut mich lange an. NEIN, sagt sie dann fest und sicher, und ich muss ihr Recht geben. Natürlich lässt man sich nicht von irgendwem nach Hause bringen, den man gar nicht kennt. Hm. Polizei finde ich aber auch keine echte Alternative. Sie wolle Kaffee und Kuchen, sagt sie mit Bestimmtheit. „Darfse nich essen“ ruft der Chef vom Tresen her. Ich versuche es noch einmal. Vielleicht Kaffee und Kuchen zu Hause? NEIN. HIER.
Die Frau hat wirklich Recht. Natürlich. Kaffee und Kuchen. Mit Sahne. Im Café. Wie es sich gehört. Und nicht von irgendwem anquatschen lassen.
Ich verabschiede mich höflich. Was jetzt kommt, wird sicher unerfreulich. Aber so isses nun mal. Und ich muss ja auch weiter, die Kampfkunst ruft.
Vielleicht geh ich da jetzt öfter mal hin, und wir lernen uns kennen. Dann kauf ich der heimlich Kuchen, der Frau Weiß. Wenigstens das muss doch drin sein.

Ein historischer Tag

SA 7.44
SU 18.42
2 Bft aus Ost

Heute war Landpartie. Die FrauenFDPH machen ihren traditionellen Herbst-Ausflug, dieses Jahr ist schon das zweite Mal. Die Partie geht dieses Jahr auf die Mathildenhöhe nach Darmstadt, da gibt es was zu sehen und Einkehr ist auch möglich. Ich unke zwar rum, wo jetzt das Land in der Partie ist, aber da fahren wir diesmal nur durch. Geht auch.

Wir picknicken erstmal. Dann muss man nicht das ganze Zeug stundenlang rumschleppen. Also wird auf einer Parkmauer das Büffet errichtet und mit vollem Mund gekaut. Wir könnten wohl Eintritt nehmen, so werden wir bestaunt. In diesem Land ist ja vieles wunderlich. Im kühlen Herbstwind und Nebel vor einer Jugendstilkulisse stehend zu picknicken ist so eine beachtliche Sache. Nun gut. Hauptsache die Leute haben was gelernt.
Gestärkt gehts an die geistig-seelische Erbauung. Heute ist Hans Christiansen dran.
Selbiger 1866-1945 (Lungenentzündung), Wegweiser und Protagonist des deutschen Jugendstils. Malerei, Plakatkunst, Möbel, Keramik, Glas etc. Kunst und Handwerk.
Ich persönlich bedauere es, dass der Jugendstil nicht einfach gewonnen hat. Dann wäre heute immer noch alles so erbaulich. Und so umfassend künstlerisch. Die Lebensgefährtin und ich stehen vor den Möbel/Tapeten/Silberleuchter/Weinglas-Exponaten und uns wird klar, die Wohnung muss optimiert werden in ihrer Einrichtung. Auch ein Wandteppich fehlt uns noch. Schwertlilien sollten m. E. drauf sein und ein Pan und 3 Nymphen.
Nachdem wir alles umfassend angeschaut haben, betrachten wir noch die Wohnobjekte auf der Höhe. Das ein oder andere scheint uns ansprechend und wir kommen mal wieder zum Thema „Wie wollen wir leben?/Später zum Beispiel?/Und wann fängt später an?/Und man sollte sich rechtzeitig kümmern/ Alters-WG-Planung muss erfolgen, ehe die Demenz das Rennen gewonnen hat./Also am besten sofort.“

Erstaunlich ist, dass wir nicht mal fragen müssen. Nee, gar nicht erstaunlich. Eigentlich naheliegend, dass FrauFreitag und FrauH. die sich seit nunmehr–Kunstpause– vierzig Jahren kennen, irgendwann zusammen Treppenlift fahren wollen. Und die Damen P. und D. sind auch schon seit —–Hilfe, mir wird beim Rechnen schwindelig, denn das kann doch nicht die richtige Zahl sein, da stimmt doch schon im Ansatz was nicht, aber FrauD. bestätigt: seit sechsunddreißig Jahren, Sie haben richtig gelesen, sind wir quasi „zusammen“. Da bricht mein Münchner Erbe durch und mein Kopf sagt ‚Dosetztdinieda‘.
Also, wir kennen uns eine ganze Weile und da liegt es nahe. Schließlich wissen wir, was wir uns sind, was wir zu erwarten und zu befürchten haben. FrauF. und FrauD. tuns ja auch schon.
Und schon überschlagen sich Vorschläge. Einigkeit herrscht vor allem beim Vorhandensein von jungem männlichen Personal, Gärtner, um FrauF. zur Hand zu gehen, die ohne Garten eine Depression ausbilden wird, ein Turnlehrer für FrauH., für FrauP. einen Masseur bitte und FrauD. bekommt einfach einen persönlichen Begleiter. Natürlich darf man tauschen. Wegen der Personalkosten und um mal realistisch zu bleiben- selbstverständlich werden wir aus wirtschaftlichen Überlegungen Deutschland verlassen müssen. Schließlich sind wir alle mehr oder minder Prekariat. Also Niediglohnländer. Drei von Vieren wünschen viel Wärme. Gutgut, wegen des Rheumas, ich sehe es ein. Im Sommer fahre ich eben an den Kühlungsborn. Thailand. Mittelmeerinseln, Marokko. Alles wird überlegt. Feststeht jedenfalls: Heute gibts mal bei aller Phantasiererei und bei allem Gekicher Nägel mit Köppn und Butter bei die Fische.
Ja. Wir wollen. Ja, wir kümmern uns. Wir haben noch ca. 8 Jahre Zeit, bis auch das jüngste Kind hier groß sein wird. Bis dahin sollte alles fertig und renoviert sein. Auch die Gästeanbauten. Das sollte ja bitteschön zu schaffen sein!
Auch eine Finanzierungsidee ist bereits da. Ganz einfach: FrauFreitag schreibt einen s.g. FrauenRoman, nach Art der „FreitagsFrauen“ (Name geändert), also leicht, seicht, ‚witzig‘ über, sagen wir vier, Frauen, die beschließen, ihr Alter miteinander usw. usf. und eine möchte in der Verfilmung von Julia Roberts gespielt werden und das ist nicht FrauFreitag, die will Audrey und vielleicht Johnny Depp als mein Gärtner?
Also Roman, Bestseller, Immobilien Erwerb, Bingo.

Und eins muss ich sagen. Bei aller Ambiguitätstoleranz, über die ich verfüge und die ich mehr und mehr ausbilden MUSS, und auch wenn der Weg ja das Ziel sein soll, so finde ich es doch sehr ermutigend wenigstens etwas wie ein Ziel zu haben. Dafür Danke, FrauDPH.
Und wenn noch jemand mitmachen möchte -bitte einfach anfragen und Ideen einbringen.

Im Kleingartenverein oder deja vu

SA 6.19
SU 20.42
3 Bft aus SW, in Böen 6-7, schon ganz ordentlich

Frau Freitag is wieder back in town und trinkt Ramazotti Lemon auf Eis. Weil sie zu viel gegessen hat. Reste.
Was warn so los?
Alles und nüscht. Alltagspsycho-Opern. Menschen sind aber auch schwierig, selbst wenn sie Familie, die eignen Kinder, also beinahe mein Fleischundblut sind. Und das ganz ohne Pädagogik-Hintergrund oder Erzieherinnen-Erfahrung.
Dass wir uns da mal gleich richtig verstehen: die sind a priori Spitzenklasse, alle drei. Aber.
Ach, wem erzähl ich das. Haste welche, isses schwierig, haste keine, isses auch nicht recht. Einzelkinder klagen an, Geschwister schlagen sich die Köppe ein. Nu schön, jetzt ist ja erstmal wieder kinderfreie ZeitZone hier und ich lass mal sacken. Eins. Zwei. Drei…Vermisse sie schon, is verdammt ruhig ohne Kriegsgeschrei als Background-Chor.

Gestern hat der Kollege seinen 50sten gefeiert. So was passiert immer häufiger und es ist ganz normal, da hin zu gehen. Es geht in die Kleingartenkolonie „Römersteine“, ins VEREINSHEIM. Jaja. Schon der Weg dahin. Vom feinsten. Bahnhof, hinten raus. Früher gabs da die Unterführungen, eine blau, eine pissgelb. War auch der Weg ins städtische Freibad…ach, wie oft is man da lang! Als die Sommer noch… in den 70ern, und das war auch ein Weg zur Universität, aber das war später, da waren die Sommer schon mehr 90er und die Typen hatten alle Ohrringe und enge Hosen an. Überhaupt. Wie sahen die Jungs eigentlich aus? Gabs da keine Fitnessstudios? Die waren einfach-schlank. Guckt mal Videos, z.B. von Spliff. Da kann mans genau sehen. Bauarbeiter hatten Muskeln, die normalen Jungs waren dünn und hatten Haare und Ohrringe. Denk ich, als ich da lang gehe, obwohl die Unterführungen jetzt so Lavendelhügeln gewichen sind. Lavendel ist ja sehr schön, wenn er so blüht und das ganze Blau…trotzdem, irgendwie lifestyle-yuppie-Kacke
„…wir warten, dass die Zeit vergeht…“, Spliff, Deja-Vu. Mit diesem Riff im Hirn bergan und dann über die Brücke zum Friedhof, am alten Krematorium vorbei (”die Zeit kommt nie zurück…“) die prächtige Allee lang, an den Kriegsgräbern oben weiter…so vertraut wie mein alter Spielplatz. Stadtkinds Vorgarten, da hab ich mit der Oma immer gegossen, wurde zur Pazifistin erzogen, gruselte mich, da dechiffrierte ich alte Inschriften…jetzt liegt die Oma auch links unten, ich gehe nicht vorbei. Das Grab gehört übrigens mir, das ist ne andere Geschichte, jedenfalls, ich könnte noch hierher, wenn ich mich beeile, obwohl der Friedhof keine Grundstücke mehr verkauft. Will aber nich. Ich muss ja jetzt sowieso zum Kleingartenverein, dahin führt ein echt mit Historien gespickter Weg. Jetzt erscheint das Hildegardis-Krankenhaus backbord voraus. Da bin ich geboren, im Altbau, logisch. Da hab ich selbst Kind1 (17h) und Kind3 (5 min) in die Welt geschickt, da ist außerdem HerrFreitag gestorben. Wenigstens mehr Leben als Tod, denk ich noch. Jetzt aber in die Laubenkolonie! An Hans Rosenthal muss ich auch immer in Kleingärten kurz denken, der sich ja in einer Berliner Laubenkolonie versteckt hielt, eine echte GESCHICHTE, und an meinen NaziOpa, der über diesen Hans Rosenthal immer mir als Kind völlig unverständliche Bemerkungen gemacht hat, die von Rest der Familie beim Dalli-Dalli-Abend niedergezischt wurden.
Alle Arten Garten da. Schöne und gruselige, die vom Opa sein könnten. Gartenanlagen, ein FrauFreitag-Hobby. Überall Sonnenblumen, Äpfel, Kürbisse, Dahlien aller Farben…Vülle. Prachtvoll. Vereinsheim. Auch Prachtvoll. Viel Holz, Boden grau-rot-blaue Linoleum- Fliesen, 50 mal 50, wie in Omas Küche. Noch viele andere schöne Sachen gibts da, aber wir sind ja nicht ins Gebrauchskunst-Museum gegangen, sondern aufn Geburtstag. Also. Gin-Tonic. Das ist bekömmlicher als Wein, schöner auch und ich sage dem Bar-Keeper gleich, dass ich nur 2 trinke. Einen dritten soll er mir nicht machen. Da kann ich ihm sicher vertrauen. Stattdessen mischt er mir den ersten wie drei, sollte wohl ne Schorle werden…so wird der Abend in seiner Kürze ganz lustig. Der Schrebergarten des Geburtstags Kindes nebst Laube katapultiert mich olfaktorisch-radikal in die Datscha in Barvicha, Moskovskij Rajon, 1991, oder Russland, 19. Jh.
Äpfel, Kartoffeln, feuchte Wände. Da würde ich wohl für den Sommer einziehen…
Himmel, was für Assoziationen man auszuhalten hat, wenn man in die richtige Gegend kommt. Den Rest des Abends finde ich den schönsten Platz immer wieder an der Theke. In Sicherheit. Da kann man dem Service auf die Finger schauen und vom eigenen Lokal träumen. Vielleicht doch? Zur Vleischwurst. Oder Bei Ingeborg. Zu den 12 Stühlen. Zur Alten Vleischerei….
Ich muss wie Aschenputtel früh weg und mache in meiner Laune einen Fehler, den ich 600m zu spät bemerke. Ich bin aus Versehen losgeJOGGT. Lief sich schön, bis die Wade dann „ey spinnst du oder was??“ rief. Offensichtlich…da kann ich dann morgen früh um 8 dem Andern, dem Dingstherapeuten da erzählen, wie ich in sehr kurzer Zeit seine Arbeit kaputt gemacht habe. Schnaub.

Heute war dann noch aufräumen und Reste essen…gleicher Ort, gleicher Weg…
und FrauFreitag fühlt sich hoogig beim freiwilligen Kloputzen. Wenn ich jetzt durch die Tür rausgehe, ist das Meer da? Die Kutschersleut? Der Wind? Spannung wie Weihnachten—nö…
Ich will wieder meine richtige Arbeit am Anleger machen, dazu aber noch n Kiosk! „Moin! Was kriegsten? Und Kurtaxe nicht vergessen!“

Zeit und Geld

SA 5.53
SU 21.13
2-3 Bft aus NW

Undeinmal haben wir an der Nordsee, ich glaube im schönen Städtchen Esens, ein s.g. Heimatmuseum besucht, da konnte man auch eine Uhrmacherwerkstatt besichtigen, die dort in memoriam aufgebaut war. Es war die Werkstatt von Hansi Tick-Tack, Gotthabihnselig. Uhrmachermeister. Aus der Zeit, als es so was noch gab. In der Werkstatt da tickerte und tackerte es, dass es eine Art hatte und das war sehr schön.

Wie komm ich jetzt darauf? So:
Heute nach der Arbeit bin ich erstmal zum Trödler. Suche ja immer noch einen Jugendstilsekretär (oder einen jugendlichen Sekretär), war aber wieder nix da. In MZ gibts original einen Trödler, ich muss hier weg.
Dann zur Bank.
Hoho! Soviel zum Thema Prekariat. Erstmal Konto entlasten. Ich hab aber auch hart gearbeitet.

Vorwort zur Rahmenhandlung: ich habe auf dem Anwesen meiner Schwester meine Uhr verschlampt. Das hat mit meiner schlechten Angewohnheit zu tun, diese immer sofort abzulegen, wenn ich irgendwo ankomme, als sei eine Uhr ein Hut. Unauffindbar. Nun war aber diese Uhr ein Geschenk meines Exmannes. Man kann ihr Verschwinden also durchaus werten und interpretieren. Ich lese daraus, dass jetzt keiner mehr über meine Zeit bestimmt. Mein Schwager meinte scherzhaft, ich müsse jetzt jemanden finden, der mir ne neue Uhr schenkt. Das sehe ich ernsthaft komplett anders.
Ich
kauf mir
meine Uhren
ab jetzt
SELBST-
Yeah.
Und in meiner Straße in der Stadt ist dieser Laden „Alte Uhren“, der etwa drei Mal im Monat bei Springtide geöffnet hat. Nämlich heute. Als ich grade frisch von der Bank komme.
„Ein Zeichen!“ denkt FrauFreitag und betritt die Museumswerkstatt.
4
Phantastische Idee! Wie im Heimatmuseum. Überdies belebt, aber dazu gleich.
Ich komme also rein, sage: „Bitte eine Uhr, für diesen Arm passend [Arm vorzeigend], mechanisch, 50er Jahre wäre wünschenswert und ich habe kein Geld. Also wenig. Diese Goldomega da von 1951 wäre ein Traum, aber 900 € sind nich.“
Der Meister trägt Elvistolle in Grau, wie wahrscheinlich seit 1956, und er hat ein Loch zum Atmen im Hals, gleich vorne am Hemdausschnitt, so dass man von außen zuschauen kann, wie er ein-und ausatmet. (Wie heißtn das nochmal?) Ich bin sehr fasziniert von dieser Szenerie. Die Groupies nennen sich selbst so. Sie antworten das auf meine launige Frage „Na Jungs, seid ihr hier Azubis oder Inventar?“ Einer ist vielleicht so mein Alter, eher sportlich, könnte man auch im Studio treffen. Der sitzt da und himmelt die Uhren an. Hat auch kein Geld.
Der andere zeigt mir, dass er an BEIDEN Handgelenken beuhrt ist. Ich frage gleich, wies mit den Knöcheln aussieht. Nö, aber inner Tasche hat er auch noch drei. Aha. Ich bin also in besondere Gesellschaft geraten.
Die aber nett ist. Man legt mir einige original „alte Junghans-Modelle“ (sic) aus den 50ern vor, die ziemlich genau meinen Vorstellungen entsprechen. Muss mich zwischen 2n entscheiden. Geht leicht. Ich folge der inneren Stimme. Bekomme noch ein neues Band. Einer der Groupies erledigt das, hat plötzlich eine Lupe wie ein Monokel ins Auge geklemmt. Ich fühl mich wie im Theater und spiele mit. Die Standuhren, bemerke ich nebenbei, sind auch nicht schlecht…
Der Meister spricht: perfekte Uhr. Sieht toll aus an mir.
Ich finde, ich seh toll aus mit ihr!
Und wenn was ist, wenn die nicht richtig tickt, soll ich kommen.
Glücklich gehe ich im Ticktackschritt heim. Schaue dauernd auf die Uhr. Zum Aufziehen. Freu mich schon drauf. Nix piepst und von wegen Batterie leer. Soviel Spaß für naja, einen guten Preis. Ha. Zuhause- wie die Zeit vergeht! Ganz anders als auf der Digitalküchenuhr…ich stelle nach…und nach ….und nach und nach merke ich, dass wir wirklich super zueinander passen, die Junghans und ich.
Sie geht auf die Stunde gut 20 Minuten vor. Sie rast also geradezu vor. Macht gar nichts…dann geh ich also morgen wieder hin…wenn hoffentlich Springtide ist und der Mond im richtigen Quadranten steht…oder einfach so lassen? Relativitätstheorie und so? Und der Arbeitstag vergeht wie im Fluge und der Nachmittag zieht sich nicht länger wie Kaugummi?? Wer sagt denn, dass die Junghans VORgeht? Gehn die andern vielleicht NACH? Einfach um 16 h gehen, auf Fragen das Handgelenk unter andere Nasen halten: „hier! Schau doch auf die Uhr! Feierabend!“ rufend. Ich überlegs mir noch.

(Mein Exmann hat übrigens immer „Ras doch nicht so!“ gesagt, wenn ich so fürbass gegangen bin.)