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Mandel und Kaffeesahne

Wahrscheinlich weil ich dieses Jahr mein erstes Abitur als Mutter erlebt habe, wahrscheinlich deshalb denke ich in diesem Jahr öfter an meine Abizeit, eher noch an die Zeit direkt vor der allgemeinen Hochschulreife.

Für Frau K., heute K.-R.

Da war vor allem diese Zeit der Paukerei. Kein Unterricht, dafür ganze Tage bulimisches Lernen. Fach für Fach, Thema für Thema…
Wenn dann endlich genug gelernt war, Treffen mit B.
B. war meine Busfreundin. Nicht auf der gleichen Schule, aber seit der 7. Weggefährtin im Bus morgens 7.11 h, oft auch nach der Schule. Halbe Stunde Fahrt. Danach Telefonate; es gab soviel zu sagen, nie war man fertig. Die Telefone waren noch fest stationiert in den Wohnungen. Im Flur zumeist, und wenn man Glück hatte, hatte man ein langes Kabel und konnte in ein Zimmer, eine Toilette, einen Schrank flüchten und halbwegs privat telefonieren. Wieso sollten wir uns aufregen über Telefonabhöraffairen? Wir sind es gewöht in Chiffren zu sprechen, während die Eltern zuhören…zum Beispiel: lautes Ausatmen in die Sprechmuschel. Heißt: „kann jetzt nicht weiter über dies delikate Thema sprechen, Eltern_teile hören mit“. Meisterinnen der Verstellung. Also.
Lange Telefonate.
Danach-Treffen.
Pudweise wurde Schokolade verzehrt. Sie Mandel, ich Kaffeesahne. Die guten 200g Tafeln vom Discounter mit A. Eine Tafel für jede von uns, mindestens. Über einige Wochen. Bei ihr, denn da war man meist allein. Dann Jungs durchsprechen. Eltern durchleuchten. Themen des Französisch-Leistungskurses erörtern (Sartre, Camus, Beauvoir).
Was damals anfing, uns aber länger und mir bis heute erhalten geblieben ist:
rausgehen. Rausgehen um wieder klar zu werden. Und raus war: Rheinhessen. Felder. Weinberge. Wenige Obstbäume. In denen saßen wir. Kirschensommer. Schokoladenzeit. Der Geruch von faulendem Obst, Insektengesumm.
Bald würden wir Abitur haben. Die Welt würde uns erwarten. Alles würde passieren…aber jetzt spucken wir Kischkerne und reden klug daher über den Existenzialismus, haben den ersten Liebeskummer schon hinter uns, entwerfen Zukunftsszenarien, haben 100 Pläne aber keinen Plan. Lachen uns schlapp in den Ästen.
Und heute?
In Bäume klettere ich noch, aber seltener. Gegen Kirschen bin ich heute allergisch. Die Mandelschokolade gibts nich mehr, aber Kaffeesahne. Ich schaffe davon keine 200 g Tafel mehr auf einmal.
Liebeskummer? Reden wir nicht davon. (Dank zahlreicher Vergleichsgrößen versteht man besser mit Schmerzen umzugehen. Immer schön reinatmen, in den Schmerz. Ein großer Vorteil des Nichtmehrganzjungseins.)
Pläne? Immer mehr!
Einen Plan? Tssss…
Die Existentialisten haben nicht nur meinen Kleidungsstil geprägt (noch immer hält FrauFreitag schwarze Rollkragenpullover für existentiell), sondern werden wieder und neu rezipiert. Dabei habe ich mich endgültig für Camus und gegen Sartre entschieden. Er sieht auch besser aus.
Abitur ist immer mal wieder ein Thema, aber ich stehe auf einem andern Spielfeld.

Ein Grundstein jedenfalls wurde gelegt, damals in Rheinhessen vorm Abi in den Bäumen. Und jeden Sommer erwischt es mich wieder. Wenn das Korn wächst, reift und ich es plötzlich rieche. Wenn es verdorrt und ich sein Knistern in der Hitze höre. Wenn dann eines Abends ein Feld gemäht ist, ich es vermisse, denn das ist immer der Anfang vom Ende des Sommers. Dann fahren die Mähdrescher die ganz Nacht, wenn es so heiß und trocken ist wie heute. Und zurück bleiben Stoppelfelder, Herbstbilder.
Jeden Sommer. Immer einer mehr. Ein Sommer näher zum Herbst? Pfff.
Und jeden Sommer denke ich an meine Busfreundin, die ich jetzt, wenns gut geht, zweimal im Jahr sehe, nicht mehr im Bus 7.11h.
Was solls. Wir sind UNSTERBLICH. Somehow.