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Puschkin auf dem Spielplatz

Den Kohns

Was ich heute früh an den Teichen für eine Geschichte wiedergefunden habe und wie es dazu kam:

An den Teichen war ein spezielles Licht, frühgolden-neblig. Krähen gingen spazieren und riefen sich das Neueste zu. Der Geruch von Pappellaub war es aber, der mich endgültig in die septemberlichen Moskauer Parks katapultierte, dieser medizinische Geruch, gegen den ich mich nicht wehren kann.
Ende September in Moskauer Parks. Zum Beispiel, klar, „namens Gorki“ (im. Gorkogo), Sokolniki, oder, sehr sehr liebenswert „namens Mandelstam“ (im. Mandelstama). http://passportmagazine.ru/workdir/photos3/m1_450.jpg

Da sitzen und riechen, wie die Pappeln ihr Laub verlieren in einem speziellen MoskauLicht. Dazu rufen Krähen, Nebelkrähen allerdings. (In Berlin gibt es auch diese Sorte… wo ist eigentlich die Krähengrenze?)

1991. Putschjahr. FrauFreitag und ihr späterer Gatte leben 2 Monate in Moskau- MOCKBA. Russisch lernen war der Plan. Das haben wir getan, intensiv sogar. Davon ist wenig geblieben. Geblieben ist aber alles, was ich sonst da gelernt habe, gesehen und geschmeckt, es steht in der Abstellkammer abrufbereit. Heute haben die Pappeln die Tür aufgeschlossen.

Russisch wurde in Einzelunterricht exerziert. Dazu trennen sich die jungen Liebenden früh vor dem Haus an der Moskva, es fällt ihnen schwer. FrauFreitag (пятница) fährt mit Bus und U-Bahn zur Station „Universität“ (im. Lomonossova). Ja, Staatliche Moskauer Universität:http://www.inmoskau.de/blog/wp-content/lomonossov-uni-moskau-th.jpg

Ich bin stolz, dort zu sitzen. Mit Gulja, einer Usbekischen Linguistin, die mich völlig überschätzt, lerne ich Russisch, versuche es wenigstens, verzweifle, beiße mich durch, trinke Tee aus einem gigantischen Samovar in der Kafeteria der Philologischen Fakultät, besichtige das Gelände, die Bibliothek und Prunksäle dieser phantastischen Uni. Unter den Apfelbäumen liegen früh Äpfel, die mittags alle eingesammelt sind. Das Wort „Defizit“ habe ich zuerst gelernt und nicht mehr vergessen. Kunststück.

Der Zukünftige hat es anders, aber vergleichbar toll. Er darf zu Ina Kohn fahren, die Ringlinie bis zu den Patriarchen-Teichen. Allein das Wort ist Magie. Bulgakov lesen, den Meister und Magerita treffen…nahe beim Bulgakov-Haus ist die Kohnsche Wohnung.

http://www.unique-online.de/wp-content/2013/07/Patriarch_Ponds_Sign.jpg

„Mit Unbekannten sprechen verboten!“

Dort lehrt Ina. Eine 70jährige Intellektuelle mit dichtem schwarzen Damenbart, einem herrrrzlichen Lachen und schrägen Lehrmethoden, die sie somehow frisch aus Amerika hat.
Sie und ihr Mann Juri, pensionierter Journalist und russische Romanfigur in einer großen Person, leben in einer kleinen Wohnung, die immer nach Kohlsuppe riecht und sonst nur aus Büchern besteht. Sie planen ihre Auswanderung nach Erez Jisrael.
Weil sie so nett sind, laden sie auch mich ab und an ein, teilzuhaben an faszinierenden Unternehmungen. Da ist die Reise nach Leningrad, zu Lew und Anja-eine ganze Novelle,  das Treffen mit Andrew, einem jungen New Yorker (dem jungen Woody Allen vergleichbar), mit dem wir Russisch sprechen, weil es uns allen leichter fällt.
Unsere Wirtin rümpft über all dies nur die Nase: еврейка Jüdin, lautet ihr Kommentar.

Undeinmal soll der Gatte sich sonntags einfinden an einer Metro-Station irgendwo, es geht um ein Experiment. Lernen und die Verknüpfung der Gehirnhemisphären. Ihr Lieblingsthema.
Spazierengehend werden wir in Puschkins „Evgenij Onegin“ eingeführt. Manche Wörter werden erklärt, semantisch verknüpft, auf Mind-maps notiert. Dann wieder sehen wir uns in den Straßen um. Es ist kalt geworden, windig. Der Winter steht im Osten schon bereit, bald werden wir in den Westen heimreisen müssen. Blätter wirbeln, wir frieren, Puschkin kommt uns nicht nah, wir drehen heimlich die Augen himmelwärts, diese verrückte und liebe und besessene alte Dame und ihre Lehr-und Lernexperimente! Schließlich landen wir auf einem kleinen Spielplatz, sitzen auf Wippen, Schaukeln, ich weiß nicht mehr. Schlagen die Kragen hoch und vergraben die Hände in den Taschen.
Da passiert ES.
Ina Kohn stand auf dem Spielplatz und deklamierte den Eugen. Laut, mit etwas brüchiger Altfrauenstimme rief sie die Zeilen in den Wind, wir lauschten stumm und staunend. Hier und da eine Erklärung…weiter…und nochmal von vorn. Ich war sicher, nichts zu begreifen. Und einem skurrilen Schauspiel beizuwohnen, offenen Mundes.

Но, боже мой, какая скука
С больным сидеть и день и ночь,
Не отходя ни шагу прочь!
Какое низкое коварство
Полуживого забавлять,
Ему подушки поправлять,
Печально подносить лекарство,
Вздыхать и думать про себя:
Когда же черт возьмет тебя!

Seltsam jedoch: einiges aus Evgenij Onegin kann ich (und der Gatte erst recht) noch heute nahezu auswendig, ohne Nachzudenken, und ohne es zu begreifen. Dabei für immer mitkonserviert ist die alte Dame, Moskauer Intelligenzia, der Spielplatz, der Wind. Leider kann ich der lieben Ina heute nicht sagen, was für ein voller Erfolg ihre Hirnhälften-Methode war. Sie emigrierte, wir wechselten wenige Briefe mit Jerusalem, dann Stille.

 

Выставка достижений народного хозяйства СССР, ВДНХ

Was das ist, wissen alle, die entweder wie FrauFreitag bei Rudolf Rudolfowitsch Russisch gelernt (oder dies versucht) haben, irgendwann im guten alten Moskau waren oder sich sonst irgendwie interessieren für die Ausstellung der Volkswirtschaftlichen Errungenschaften der UdSSR (WDNCh).
Kann man nachlesen und Bilder anschauen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Allrussisches_Ausstellunfgszentrum

Gleich nebenan, auch wenn uns das jetzt noch weiter vom Thema abbringt, aber immer wieder hach:

(ja, Mosfilm – МОСФИЛМ!)

Aber mal zur Sache:

SA 7.23
SU 19.10
1 Bft aus Nordost Fluglärm seit dem späten Nachmittag entsetzlich

Was schwafelt die da über Ausstellungen?
Man muss wissen,  dass es FrauFreitag passieren kann, dass sie mal an einem Wort hängen bleibt und in einen tiefen Assoziationsstrudel gerät. Und daher der ganze sozialistische Zirkus. Das Wort heute ist ERRUNGENSCHAFTEN.

Wie also heute Mittag mein alter Freund und persönlicher Illustrator C. da war, um mich einzuweihen in gewisse offene Geheimnisse von WordPress und HTML/CSS …oder wars CCCP?), da hab ich schon gestaunt, was für riesige Gebiete es auf der Weltwissenskarte gibt, die bei FrauFreitag nicht mal weiß ausgemalt sind; Sie sind  schlicht nicht vorhanden.  Ich fühlte mich also wie Kolumbus, Indien entdeckend. Also nicht, dass ich das jetzt zu meinem neuen Spezialgebiet erklären möchte. Aber ich muss schon zugeben: gar nicht sooo uninteressant. Damit verbringen also Leute ihre Zeit. Und gar nicht mal wenig/e. Und wie ich so staune, was es alles gibt und mit welcher Sicherheit mir nahestehende Menschen mit unerhörten Wörtern hantieren, kommt mir das Wort ERRUNGENSCHAFTEN in den Sinn und ich denke schon wieder an was anderes, nämlich die WäDääNCha, die ich noch im relativen Original zu sehen bekam, 1991…

Ist eigentlich IRGENJEMANDEM aufgefallen, was hier bei FrauFreitag zu Haus alles anders ist?  Und?? Gut?
Absolut. Alles echte Errungenschaften.