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Don’t mean a thing…

SA 7.28
SA 19.04
1-2 Bft aus Nordost
Flag-Phantasien

Zeuge eines kleines Wunders geworden.
Hintergrund:
Kind3 hat früher Klavier gelernt. Ziemlich lange tuckerten Etüden aller Art durchs Haus, es flog auch mal ein Notenheft durchs Zimmer. Die Unzufriedenheit wuchs mit dem Kinde und irgendwann war Schluss und es quittierte. „Da macht man keine Musik, da lernt man nur dummes Zeug“. Das war vor drei Jahren. In dieser Zeit hat die angehende Schauspielerin schon eine Akkordeon-Karriere hinter sich gebracht und die Stimme geschult. Jetzt sollte das Klavier wieder zum Einsatz kommen und ein Lehrer war auch schon ausgekuckt.

Vordergrund:
FrauFreitag und Kind3 also ab zur Klaviertestprobestunde.
In der Musikpraxis überall John Lennon-Plakate. Das ist schon mal anders.
Dann gehts los.
Akkorde werden erklärt und verstanden.
Improvisationsstunde 1. Lehrer swingt ein wenig Akkordvarianten, er wäre die linke Hand. Kind3 soll mal machen, was ihm dazu einfällt. Beim 2. Versuch geht ein Fensterchen an ihm auf und plötzlich kommt Musik raus, ins Zimmer, füllt erst zaghaft, dann kecker die Ecken aus, stolpert, rappelt sich wieder auf und steht am Ende wie ein Turner nach gelungener Kür. Bewegend! Und das war nur C-Dur!
Sogar von hinten sehe ich es strahlen. Das war es, was es immer wollte. Musik machen. Nicht Klavier lernen.

Let’s get started…

Vermischtes

FrauFreitag erlebt uninspirierte Tage und hat mal wieder das „Espassiertnixinteressantesgefühl“. Blödsinn!

SA 6.05 (es ist soweit, ich stehe VOR Sonnenaufgang auf…)
SU 20.58
1-2 Bft aus NO wechselnd auf O und SO

Früh nach dem Aufstehen, wenn man noch dünnhäutig rumläuft, die Schale noch nicht trocken ist und in gewisser Weise die Weichen für den Tag gestellt werden können, kam im Radio was sehr Schönes.
Das schöne Kreisler-Lied „Liebesleid“ mag einigen bekannt sein, ich kenne die Einspielung von den Comedian Harmonists. Im Radio nun haben sie gesagt,  dass Herr Rachmaninov daraus eine Klavierbearbeitung gemacht hat. Es folgte folgende Einspielung von Rachmaninov höchstselbst aus dem Jahr 1921, auf einem Klavier mit irgendwie eingebautem Aufnahmemodus (Wachsrolle??). Ich war in meiner morgendlichen Angreifbarkeit höchst ergriffen, wusste ich gar nicht, dass Herr Rachmaninov den Jazz vorweg genommen hat. Hört mal den schönen Standard:

http://youtu.be/gGmILVnE_dg

Anschließend frühmorgendlicher Feldgang mit Hund. Es ist so wunderschön, dass der einen seiner Lebensfreude-Rennanfälle bekommt, die sofort gute Laune verbreiten. Gras ist klatschnass , die Sonne funkelt schon darin. Stoppelfelder sind großteils gepflügt, so dass es noch viel herbstlicher ausschaut und vor allem riecht es – nach nasser Erde, pilzig. Immer noch eine Strohnote dabei. Und faulende Pflaumen von den wilden Bäumen am Bahndamm. Bessere Luft gibt’s eigentlich nicht. Hier jedenfalls. Kühl ists auch, man merkt endlich mal wieder die eigene Haut als Grenze zur Außenwelt. Leider ist kein Verweilen, der Lohnerwerb ruft.

Man schafft sich durch den Arbeitstag (Sommerloch wohin man blickt) -und wieder heim. (Zeitsprung…)
Da fragt mich Kind1: „Hab dein Block über den Physio gelesen. Is it serious?“
„No. It is not. Not really. I’m not talking about serious things in my Schreibblock.“ Also nur halbseriös, nicht wirklich schlimm. Keine Sorge. Es gibt viel tiefere Canyons…aber da würde einem ja schwindeln!
Einige spätsommerliche Gartenarbeiten – gerade keine reifen Brombeeren…die Kinder 2 und 3 sind mit ihrem Vater gut bei der Omi angekommen.  Alles sehr gut.
Dann aber los, zum Training und immer noch schön vorsichtig.
Hintergrund:
unser lieber Trainer E. ist im Urlaub. Seit Wochen galt seine Hauptsorge gänzlich unbegründet der Ausdefiniertheit seiner Muskulatur. Also die Jungs habens auch nicht leicht. Der is also weg und bräunt sich. Jetzt macht der Chef, O. , das Training. Der hat das früher immer gemacht, das war schon hart. O. ist ein echter Boxer, macht aber auch gern MMA. In gewisser Weise ein gefährlicher Junge. Jetzt aber auch schon nicht mehr ganz jung. Boxernase. Arme, dick wie meine Oberschenkel, aber tätowiert. Sieht eigentlich ganz cool aus. Ärger wollte ich mit dem nicht haben, hab ich aber auch nicht. Wir sind ein bisschen Freunde. Wenn wir uns sehen. Und O. hat vor paar Jahren den schönen Satz zu mir gesagt: „Schade, dass du nicht viel früher angefangen hast. Du wärst ne richtig gute Boxerin geworden.“ Mehr Lob geht, glaub ich, nicht.
FrauFreitag, the Million-Dollar Baby! Yeahyeahyeah.
Ich geh also zu O. ins Training. Und? Bin allein! Alle Kolleginnen sind entweder im Urlaub, zu faul oder haben Angst vor O. Also – gibt’s Einzeltraining! Macht er eigentlich nie, aber ein paar Runden Pratzen is ma OK, sagt er. Gut. Schön vorsichtig aufwärmen. Stehfahrrad, Liegestützen, Rumpfbeugen, Kniebeugen, Schultern, Arme, Hände…warm. Uff.
O. ruf mich IN DEN RING. Hilfe, da schauen auch immer alle zu. Na, was solls? In einen Ring zu steigen/zu klettern, finde ich immer ganz besonders, vor allem wenns ein hoher ist. Alles verändert sich, stehst du im Seilquadrat. Fokussiert. Konzentriert. No way out. Dann wird die Uhr gestellt. 5 Mal 4 Minuten. 4!?? Normal sind 3, bei den Damen oft 2…herrje.
Und los geht’s, Ring frei zur ersten Runde. Pratzentraining heißt, der Chef hat knallblaue „Handschuhe“ an, mit einem knallgelben Zielfleck in der Mitte. Da muss man draufschlagen, treffen im Idealfall. Klappt das schön, gibt es ein sattes, befriedigendes Geräusch. Buammz. Kenn man vielleicht ausm Fernsehen. Dazu sagt der Chef immer, was er will, oder man muss es an der Haltung der Pratzenhände erkennen. Klingt leichter, als es manchmal ist. Erstaunlich, dass man sich manchmal nur 2,3 Minuten wirklich konzentrieren kann, dann immer mehr Fehler macht. Das ist ein Teil der Herausforderung: Kopf.
Körper ist der andere Teil. 4 Minuten sind lang.
Und O. findet immer was. Immer. Und zurecht! E. ist immer ziemlich gnädig. Zu nett eigentlich. O. nicht. „Wo hängtn deine Linke? Wo issn deine Deckung?!“ Ich versuche, die linke Deckung zu verbessern. „Zu langsam!!“ Ich mach schneller, vergesse darüber – die linke Deckung. Zack. Hab ich eine Pratze links im Gesicht. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Das macht mich ja schon wütend. Dadurch wird man schneller und härter. Und siehe da! Plötzlich ist, wie von Zauberhand an mein linkes Jochbein geklebt, auch die Deckung da. Man muss einfach an zu viel auf einmal denken…Es klappt, da freut sich O. und ich erstma!
Dann die Beinarbeit. Scheiße, ganz schlimm, geht gar nicht. „Ich bind dir gleich dein rechtes Bein hinten fest!!“ Wie in Million-Dollar Baby!!. (Denke seit gestern an nichts anderes als an Deckung und Beine…) Das ist der dritte Teil: man muss die Kritik verkraften…

2,3,4 Runden, uff. Ich muss mich mal abtrocknen, das ist ja unglaublich. Bin schon völlig dehydriert. Und keiner in meiner Ecke. Letzte Runde. Schaff ich auch noch, logisch. Super, mittlerweile läuft auch die Kavallerie, also der männliche Teil des Boxclubs, ein. Da haben die noch was zu lachen. Geht mir aber sonstwo vorbei. Die sollen erst mal in mein Alter kommen, dann sind die bierbäuchig und so, kennen wir alles. Pfft. Zack, rumms, bumm, peng. Läuft doch! Na, sagt der Chef, geht doch. Konzentration wird aber immer schlechter. Aufmerksamkeitsspanne eines Säuglings.
Zeit! 5 Runden O. und überlebt und nicht wirklich angebrüllt worden, der grinst sogar und ich bedanke mich herzlich. WASSER! Endorphinschub – frei! Supercool, wer braucht denn irgendwas anderes?

Hol meinen Hund ab, drehe eine Runde auf meinem Rad durch den Abend, das Blauspektrum ist unglaublich. Ich hab irgendwie Drogen im Kopf und dazu dies Licht! Dann wird noch mit Freunden ein Urlaub im Herbst in der Türkei geplant, vage, wohin… FrauFreitag hat nämlich eine Ereigniskarte gezogen: „Sie erhalten eine Steuerrückzahlung“…und das Geld muss jetzt verurlaubt werden…vielleicht in Side…? Oder hat jemand nen besseren Vorschlag?

Heute war Klaviervorspiel

Damit gehts los.

http://youtu.be/uPPP8DDh0SE

Bitte während des Lesens hören.

Wenn die Kinder keine 2 Jährigen mehr sind und sich nicht mehr im Supermarkt an der Kasse auf den Boden werfen und damit die Aufmerksamkeit aller bekommen –

-dann spielen sie vielleicht irgendwann Klavier.

So tut MeinKind 1. Schon seit 12 Jahren tut es das, es tut es sehr sehr gut und schön und zu Zeiten tat es wenig anderes. Seit nunmehr 7 Jahren hat es einen „neuen“ Lehrer. Ich könnte hier ein Loblied auf ihn singen, ich lass es aber. Und bei diesem phantastischen Lehrer ist immer in der schönen Sommerzeit ein Vorspielvormittag, traditionell kurz vor den Ferien, 1-1,5 Stündchen. Da kommen alle Schüler_innen und auch die seiner Frau, die lehrt das Cello.

Ich liebe diese Vorspieltage. Immer fangen die Kleinsten an. Die spielen 1, 2 oder gar 3 Stückchen, jedes dauert vielleicht eine Minute und das macht irre viel Freude. „Wenn ich ein Vöglein wär…“, „Ich bin ein Musikante…“, „Der König Karl hat heute vergessen seine Hose anzuziehen und geht in der Unterhose raus…“
Da sitzen kleine Jungs und Mädchen (feingemacht, Blume am Ohr…) auf dem Hocker vor dem großen Flügel, beinebaumelnd. Weils warm ist kann man bei vielen sehen, wie die Zehen in den Sandalen noch mitarbeiten. Das zieht mir immer den Stecker. Und die irre konzentrierten Gesichter von 6 Jährigen! Es sind schon sehr verschiedene Menschen, diese Kleinen. Manche sind schon ganz cool. Andere verbeugen sich schon wie Große. Manche sind Anarchisten. Man weiß gar nicht, was die da spielen und wann ein Stück aufhört und das nächste anfängt. Dann klatscht immer der Lehrer und hilft so den Eltern, den Einsatz nicht zu verpassen. Manche sind Dadaisten. Heben alles auf, was Halt gibt. Und manche sind wie Metronome.
Dann kommen die Größeren. Die spielen längere Stücke. Hier wieder ein Lob an den Meister: er findet immer das richtige Stück für jeden und macht alles mit. Für einen eher unwilligen 14 Jährigen wurde da mal ein Punkrockstück extra für Klavier gesetzt – eine Herausforderung für den Meister, eine Abwechslung fürs bürgerliche Publikum und ein Riesending für den Schüler. Er war dies Jahr trotzdem nicht mehr dabei…Sonst auch mal gerne was leicht poppiges oder etwas, reich an schwelgerischen Akkorden.
Zwischendurch lernt man immer was: wer Türk war, dass Gurlitt nicht nur ein Kunstsammler sein kann, dass Chopin neben seinen berühmten 24 Großen  Etüden auch noch drei für ein Klavierlehrbuch von – Mist, vergessen, irgendwas mit M. – komponiert hat.
Und ich muss sagen, es reißt mich auch immer, wenn ein 12 Jähiger präzise und gefühlvoll Chopin spielt, als wüsste er schon, was er da sagt…
Also ganz viel Gänsehaut.
Aber je länger das dauert, desto wärmer wird es im Raum unter dem Dach mit 12 Kindern und so 20 Eltern, vier Celli, 2,5 Flügeln…und FrauFreitag bekommt Adrenalinhände. Denn gleich ist MeinKind dran und ich habe das Gefühl, in solchen Situationen ist die Nabelschnur nicht durchtrennt und ich habe live was von seinen Aufregungen. Ein Körper. Und heute soll ich filmen. Himmel! Ich kann die Kamera nicht ruhig halten, so zittere ich. Ich weiß ja, was kommt. Immer als letztes spielt MeinKind. Und lange. Und schwer. Und so schön, dass man weinen möchte. Und das machen dann auch immer mal welche. Weil MeinKind nämlich mit ALLEM spielt, was es hat. Mit Talent, mit Herz, mit viel Gefühl und dabei sauber und scharf akzentuiert. Mutig auch. Ich halte die Kamera also mit 2 Händen und sie wackelt immer noch. Es kommt:

Schubert, Klaviersonate a-Moll, Sätze 1, 3 und 4.
Schubert, so lernen wir, ist erst seit etwa 60 Jahren als Komponist von Klaviermusik so recht geschätzt. Ich versuche mit MeinemKind darüber zu sprechen, was mir an diesem Stück so gefällt. Aber ich kenn nicht die richtigen Wörter. Ich haspele was von „verschiedenartig“, „vielfältig“, „gebrochen“, „energetisch“, aber das geht alles ein bisschen vorbei. Mit hochgezogener Braue schaut er mich an: „du meinst DIFFERENZIERT“. Gut, von mir aus. Schubert – sehr differenziert. Merken. Also mal selbst zuhören. Was sind die Wörter dazu? Gehen Wörter mit/über Musik??

Wie isses gelaufen?? Grandios! Paar Verspieler tun der Kunst keinerlei Abbruch. Langer Beifall. Da wird mir klar: das war vielleicht das letzte Mal, eben. Weil grade keiner weiß, was nächstes Jahr ist (weiß man nie, jaja, aber diesmal ist man sich dessen gewahr…).
So verabschieden wir uns kurz. Und lassen bewusst alles offen.
Ich mag den ersten Satz am liebsten, glaube ich…

Jetzt nochmal zuhören.