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Die Wand

SA 7.15
SU 17.04
1 Bft aus Südost

Gedanken zur Wand von Marlen Haushofer. Auf Wunsch von Frau H.
(Gedanken zur Wand sind Gedanken, die man eigentlich und vielleicht auch besser für sich behält. Die man nächtens halblaut zur Wand hin denkt oder murmelt.)

Rahmen:
Als die Protagonistin eines Morgens nach schweren Träumen in einer Jagdhütte in den Bergen, wo man zu dritt ein Wochenende verbringen will, erwacht, findet sie sich allein. Auf der Suche nach ihrer Schwester und deren Mann, die am Abend vorher noch ins Wirtshaus im Dorf gehen wollten und in der Nacht offensichtlich nicht nach Hause gekommen sind, muss sie erkennen, dass sie von einer unsichtbaren, durchsichtigen Wand umgeben ist. Jenseits dieser Wand scheint es kein Leben mehr zu geben. Menschen und Tiere, die sie -zum Teil mit dem Fernglas- sehen kann, sind wie in der Bewegung erstarrt und versteinert – es erinnert an einen Dornröschenschlaf. Die Flora ist unversehrt.
Auf ihren ersten Erkundungsgängen, die sie , begleitet vom Hund des Jägers, unternimmt, steckt sie die Grenzen ihres neuen Lebens buchstäblich und mit großer Mühe mit Reisern ab. Bei dieser Tätigkeit findet sie eine Kuh. Außerdem gibt es noch die Katze, die ebenfalls in der Hütte wohnt.
Also es bleibt: Das Ich, der Hund Luchs, die Kuh Bella, die Katze. Das Überleben.

Dies ist der Ausgangspunkt für ihren detaillierten Bericht, den sie auf alles schreibt, was sich zum Schreiben eignet.

Eingangs:
Zunächst Überraschung, dass das Buch schon aus dem Jahr 1963 stammt. Ich hatte noch nie davon gehört. Was nicht verwunderlich ist, denn wir haben in der Schule nur DDR-Literatur gemacht, nicht aber Österreich. Auch war die Resonanz auf den Roman zunächst sehr verhalten.
Erst 20 Jahre später, 1983, vor dem Hintergrund des s.g. „kalten Krieges“, gab es vielfältige Ansätze der Besprechung, die selbstverständlich alle möglich sind. Zum Beispiel:
-„Robinsonade“ – der Mensch muss mühsam existentielle Kulturfähigkeiten wieder erlernen, versuchen, scheitern…
– „Frauenliteratur“ – die Frau, die in der Natur („erdhaft“) verwurzelt ist…ach.
– „Endzeit“, – Bedrohungsszenario, s. kalter Krieg…
– „Zivilisationskritik“
Modernere Ansätze könnte ich mir ausdenken im Themenkreis
– Depression
– Isoliertheit des postmodernen Individuums
– Postkapitalismuskritik
– Ähnliches

Das alles könnte man schön untersuchen und analysieren, ich möchte das jetzt bitte gerne lassen und mich zur Wand drehen und meine Gedanken gegen sie murmeln. Marlen Haushofer selbst übrigens sandte ihr Manuskript ein mit den Worten: „Hier eine Katzengeschichte“.

Gedanken:
Das AufsichselbstgestelltSein des Menschen.
Wozu leben?

Was mich bei der Lektüre kurz verwundert hat, mir aber fast gleichzeitig wunderbar verständlich wurde: nach anfänglichem Aktionismus, Abstecken einer Grenze, Erkunden der Lage, Suche nach Gründen usw., hört sie einfach damit auf. Bis zum Ende läuft sie nicht die ganze Wand entlang, wie eine Fliege oder ein gefangenes Tier. Sucht keinen Ausweg aus der Situation, sondern geht mit ihr um. Als sie die Kuh findet, beendet sie sofort größere Erkundungsgänge, die genaue Grenze ihres neuen Lebens ist unklar, doch sie bewegt sich nunmehr im immer gleichen Radius. Warum? Warum keine Suche nach Auswegen, kein Gedanke an Flucht?
Weil sie sich kümmern muss. Die Sorge und Verantwortung für das Leben und Wohlergehen der von ihr abhängigen Tiere, insbesondere das der für sie selbst überlebenswichtigen Kuh, die harte tägliche Arbeit, all das hindert sie, nimmt ihr die Chance, ihre Lage sorgfältig zu analysieren, einen Ausweg zu suchen. Und wozu auch? Die Arbeitsroutine und die Verantwortung halten sie zwar einerseits ab, andererseits, und das ist viel wichtiger, umreißen sie deutlich ihr neues Leben und geben ihm Sinn. Bald schon ist sie allem „menschlichen Getriebe“ entwöhnt, lebt „besänftigt“ mit ihren Tieren, sich selbst und der sie umgebenden Natur. Dabei keine Romantismen. Die Sorge, ihre Arbeitskraft zu erhalten, gesund zu bleiben, um für sich und alle sorgen zu können ist zentral. Als sie in einem Winter schwer erkrankt, hält die Verantwortung für alle sie am Leben.
Was sie erhält ist nicht Hoffnung. Sie hat keine Zukunftsträume, ist bedacht darauf, mit ihren Kräften sich und die Tiere zu versorgen, empfindet Glück und Leere, aber keine Sehnsucht. Alles, was ihr im früheren Leben wichtig schien, sogar die Liebe zu ihren Kindern, löst sich auf, scheint falsch und aufgezwungen.
Ist es das berühmte Camus’sche TROTZDEM? Nicht einmal das, scheint mir. Es ist einfach ein Ja. Sysyphos ging mir TROTZDEM durch den Sinn, stelle ich mir das Ich des Buches doch als glücklichen Menschen vor- zumindest in einigen Momenten.

Ausgangs:
Draußen rufen die Krähen dem Abend Grüße zu, der jetzt schon am Nachmittag beginnt. Ich werde in Zukunft oft bei Krähenrufen an die Frau denken müssen, die ganz allein in ihrer Hütte sitzt und auf altes Papier ihren Bericht schreibt.
Vieles, was wichtig war in Marlen Haushofers großem Buch, habe ich hier nicht erwähnt.
Ich empfehle die Lektüre dringend.

Die Wand, Einleitung auf dem Theater

SA 7.10
SU 17.11
1-2 Bft aus Ost

Auf Wunsch von Frau Helianthus wird es hier zu einer Buchbesprechung kommen. Da FrauFreitag so etwas seit Studienzeiten nicht mehr gemacht hat, und damals nicht, wie sie selbst wollte, sondern wie es gehörte, will gut Ding diesmal Weile haben. Das Hirn arbeitet schon begeistert an der neuen Aufgabe, es geht nur noch nicht in die Finger.

Darum in kleinen Portionen, heute die Vorgeschichte. Wie kam ich zum Buch und es zu mir, das ganze Drumherum.

Vor einigen Wochen erzählte Frau Kollegin Z. beim Rauchen auf dem Balkon, dass sie am Abend zuvor einen Film gesehen habe, der sie fasziniert, aber ratlos zurückgelassen habe. Es handelte sich um „Die Wand“ mit Martina Gedeck. Sie erzählte die Handlung in groben Zügen und riet mir dringend, den Film noch zu schauen.
Wozu ich, wie so oft, nicht kam.
Als ich aber ein Weilchen später nach dem Ausflug nach Darmstadt noch Licht und Luft suchte in der Enge der Stadt und ein wenig an den Rhein radelte, kam ich auf dem Rückweg am Bücherschrank an der Grünen Brücke vorbei, wo ich IMMER anhalte. Es fielen die ersten Tropfen, als mein Blick „Die Wand“ fand. Von Marlen Haushofer. Aus Österreich. „Nadaschauher“, dachte ich, „gibts also auch schriftlich“, barg das Buch in meiner Jacke und radelte durchs Gewitter heimwärts, was gar nicht so bequem war, weil das Buch immer gern raus wollte. Es war ein reizloses Exemplar, eine Schullektüre sogar, darin Anmerkungen, uninspirierte, vorgegebene Fragen mit ungelenk-runder Mädchenhand am Rand, Kritzeleien vorne, aber ich hatte das dringende Gefühl, das es sich trotz allem lohnen würde, das arme Ding trocken nach Hause zu bringen.
Es gelang und stolz präsentierte ich es Kollegin Frau Z. am Montag in der Früh. Sie besah es, las rein, und sagte dann, das sei genau der Filmtext, das solle ich mal lieber lesen und behalten.
Weil es so unschön war, beschloss ich, es sei das ideale Unterwegs-ZugBuch. Las mich sofort fest, schon auf der ersten Fahrt, mochte kaum aussteigen. Ließ es dann, um es mit auf Reisen zu nehmen-der Ritterschlag für jedes Buch.
Und schon auf der Hinfahrt kam ich mit Fau Helianthus darauf zu sprechen, die den Film extra aufgenommen hatte, um ihn schnellstbald zu sehen.

Und dann las ich….