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Der Hühnermann

SA 7.20
SU 19.14
2 Bft aus West

Gestern war FrauFreitag nochmal auf Reisen. Diesmal aber gemäßigt, es ging nur nach Bonn-Beuel. Dabei ging allerhand schief, der Scheinwerfer stand genau auf mich ausgerichtet und ich hab mich aufgeregt, am meisten aber darüber. Also über mich selbst und dass ich mich ärgere, denn das wollte ich mir abgewöhnen. Und schon gar nicht will ich als bekennende Zugfahrerin ins allgemeine Bahn-Bashing mit einstimmen. Nein, alles war gut. Nicht ganz einfach, aber gut. Dann fuhr man mit der Straßenbahn über den Rhein, der bei Bonn ganz schön breit ist. Drüben ist kein anderes Bundesland. Ich finde das immer komisch, halte immer schon kurz vor Brückenmitte ein Ausweispapier in der Hand-ganz unnötig. Dann rattert die Bahn nach Beuel, das ist gestern in Legoland umbenannt worden. Denn genau so siehts da aus. Lieblich und man kann noch sehr schön draußen sitzen in Eiscafes und es gibt einen Optiker, der meine Sonnenbrille kostenlos repariert, eine Post ohne lange Warteschlangen, was den Kölner Kollegen dazu bewegt, nun immer nach Beuel zu fahren, wenn er Briefzubehör braucht. Außerdem ein Besengeschäft, in dem der andere Kollege einen Handfeger erstehen möchte, dann aber nicht dazu kommt und wo ich lerne, dass „Pümpel“ (Abflussverstopfungsbeseitigerzubehör) im Rheinland „Pömpel“ heißt. Die Beueler ü-ö-Linie, jedem Dialektologen hinlänglich bekannt. Arbeitsgespräche gibts auch in Beuel aber dazu keine Kekse. Ich fands trotzdem sehr schön und komm gern mal wieder.

Im Zug zurück untergegangen. Geschichte dazu: Vor Jahren hab ich „Vom Wasser“ von John (sprich deutsch: io:n) von Düffel gelesen. Hat mir gut gefallen damals. Beim Aufräumen der Bibliothek und sichten der Bestände festgestellt: weg. Wie so viele. Leihkartensystem?? Nein. Fare well. Den von Düffel aber hatte ich im Kopf für eine Wasserfreundin. Drum hab ich ihn auf dem Gebrauchtbüchermarkt gesucht, gefunden, bezahlt und bekommen. Der Postbote hat ihn in meinen Briefkasten geworfen. Der Briefkasten stand aufgrund langanhaltender Regenfälle unter Wasser, was man aber von außen nicht sieht. Also landete „vom Wasser“ im Wasser, was ich schon witzig fand. Auf der Heizung getrocknet. Wasserschaden, deutlich sichtbar. Mit auf die Fahrt genommen. Dabei ist es untergestampft worden, also es steckten alle möglichen Utensilien zwischen den Seiten. Diese verknittert. Normalerweise kann ich ganz gut mit Büchern. Naja. Ich hab dann beschlossen, das Abenteuer-Exemplar zu behalten und für L. ein neues zu kaufen. Am Rhein langfahrend angefangen zu lesen-> untergegangen. Ich möchte nicht mehr aufhören. Sog ist das Wort.

Und heute, das wollte ich ja eigentlich erzählen, erhole ich mich von all der Ungemach und habe frei. Seit der Apfelkuchendebatte vor einigen Jahren ( War das Frau Köhler??) ist eben dieser für mich zum Inbegriff fürsorglicher Mütterlichkeit geworden und wann immer ich ein Gefühl des mütterlichen Ungenügens (…) habe, backe ich mal einen. Als Zeichen meiner Liebe und weils lecker ist. Und das mach ich heute. Aber Mehl war alle (hatte schon einige Pflaumenkuchen produziert…) und ich musste zum Supermarkt. Wenn man immer nur reist oder arbeitet, ist so ein Vormittag im örtlichen Einkaufsparadies schon ein Erlebnis. Meist treffe ich Leute, oft „Hausfrauen“ oder solche wie mich, kompensierende Mehrfachbelastete. Dann immer großes Hallo und wie gehts – Dorfidylle.
Heute treffe ich erst an der Kasse den Hühnermann.
Wer ist das? Einst, es mag so 13, 14 Jahre her sein, wohnte an der Schranke oben ein Mann mit seiner Frau und vielen Hühnern. Die pickten frei überall herum, belebten das Bild und waren ein Aufreger für die kleinen Kinder, die ich damals noch hatte. Der Weg zur KiTa führte da vorbei. Der Mann, türkischer Migrationshintergrund (das ist wichtig für seine Sprechweise), war immer irrsinnig nett, bald kannten wir uns, da wir mit Roller und Dreirad natürlich gern stehen blieben und sein Geflügel beobachteten. Es geschah aber, dass FrauFreitag nicht mehr an sich halten konnte und sich selbst 2 Laufenten, Olga und Aljoscha, genannt Erpel, anschaffte.

enten2

dies das einzige existierende Photozeugnis

FrauFreitag machte also in Laufenten, was ich nur empfehlen kann. Versüßt absolut jeden Tag. Olga legte fleißig Eier, die damals existierenden Kinder 1 und 2 suchten diese…der Mann aß sie. Irgendwann frug mich der Hühnermann, mit dem ich gern mal fachsimpelte, ob ich ihm ein paar Eier geben könne, er habe jetzt einen Brutautomaten…. Klar und von Herzen gern. „Und?“ war fürderhin  die Frage und irgendwann verließ ihn die Geduld (falsch!!) und er schaute in 2 Eier rein –zu früh!! Weh und ach, also ließ er die übrigen und als es schon keiner mehr glaubte, schlüpfte Emre. Er wuchs heran, einzige Ente unter Hühnern und wann immer wir vorbeikamen suchten wir ihn und bewunderten ihn – er war uns fast wie ein Sohn. Dann kam der Zug. Zu schnell für Emre. Und kurz daruf zog der Hühnermann um. Monate oder Jahre später traf ich ihn auf der Straße: ja, er habe wieder Geflügel, in einem Schrebergarten außerhalb. Ohne ging es nicht. Ich verstand ihn gut. Hatte selbst meine lieben Enten weggegeben, weil mittlerweile Kind3 durch den Garten krabbelte und die Entenhinterlassenschaften dazu schlecht passten. Seufz.
Dann, wieder Zeitchen später, traf ich ihn: alle Hühner futsch. Den Kopf schiefgelegt, die Hände mit Handflächen nach oben erhebend spach er weich und türkisch gefärbt: „s wade Fux.“
Er eröffnte eine Imbissbude. Pommes und Döner. „Emres Imbiss“. Manchmal bin ich hin. Das war der einzige Imbiss, wo man auch mal über den Sinn des Lebens oder den Vorteil von Laufenten gegenüber Barbarie-Enten diskutieren konnte. Aber dann starb seine Frau unter wirklich tragischen Umständen, der Imbiss schloss und der Hühnermann verschwand – in die Türkei, wie ich hörte. Zeit verstrich weiter, irgendwann war er wieder da, aber, wie man so sagt – und Sprache irrt selten – er war, was man einen gebrochenen Mann nennt. Kannte mich noch. Und ja, wieder Flatterzeugs im Schrebergarten…irgendwas müsse man ja…
Und heute, nach wirklich langer Zeit, treffe ich ihn an der Kasse. Spreche ihn an, Ehrensache, wie lange kennen wir uns!! Er erkennt mich, erzählt sofort los von seinen Tieren, aber er gefällt mir nicht…wirkt irgendwie ausgeknipst und die Augen, das kenn ich doch…. Er bezahlt: ich sehe seinen Einkauf: eine Tüte Schnittbrot und zwei Fläschen Jägermeister, die sofort in die Tasche seiner Jogginghose wandern.
Scheiße. Es ist erst 8.50 h.