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I sound my barbaric yawp…

SA 7.49
SU 18.36
1-2 Bft aus Südwest

Für Walt.

Pfffffffffffffffff. Geschafft.
Ein Zustand, den der Mediziner in mir ‚post partum‘ nennen würde. Glücklich und erschöpft liegt FrauFreitag im metaphorischen Kindbett. 9 Monate habe ich das Baby ausgetragen, heute wurde es in die Welt gschickt. Verzeihung. Ich schwafle. Will sagen: heute war ein schöner und wichtiger Tag in der Arbeit, alles ist soweit gut gegangen und jetzt fällt die Anspannung der letzten TageWochenMonate leicht ab. Der Lokführerstreik tangiert mich heute nicht und als ich mit ganz kleinen Kaninchenaugen nach Hause komme, liegen viele Freudenspender auf dem Tisch.
Ein Artikel der Schülerzeitung, der sich mit dem überragenden Stück „The Wind In The Willows“ beschäftigt, großes Photo einer sehr talentierten Krötendarstellerin darin. (->Leeres kleines Haus)

Eine Büchersendung, die ich so schnell nicht erwartet hätte. Nun muss ich schnell Herrn Tazaki zu Ende bringen, um mich adäquat auf die Pfaueninsel einzustimmen.

Eine Autogrammkarte eines Hans-Albers-Imitators, dem ich mal meine Adresse gegeben habe, auf einem Schiff in der Nordsee.
Ach, Hans. Deine blauen Augen…

Ich lege noch ein schlaues Buch mit bunten Fähnchen dazu und weiß gar nicht, wie mir geschieht.

Müde bin ich und froh und glücklich und dankbar und freundschaftlich gestimmt und langsam auch lachlustig, aber irgendwas klebt noch in meinen Lungen, ein Energievampir war heute im Raum, ich muss ihn abschütteln. Wie geht das (wenn man nicht kickboxen darf…)?
Knöchelhohe Wanderschuhe und steil bergauf im letzten Licht. Der Hund wird ungestüm, er hat einen „Tiegeranfall“, er rast und hüpft und bellt und ich muss lachen und höre laut mein lautes YAWP über die geröteten Rebreihen der Welt schallen. Schreitherapie heißt das. Sehr gesund, macht kräftige Lungen, die entfalten sich und die Dämonen, die man getroffen hat, verschwinden.
Dann singe ich laut und falsch zur Feier des Tages ein heiteres Hans-Albers-Pottburri, spucke alle Drosophilae aus, die mir dabei in den Mund fliegen, komme nach Hause und bin wieder da.

Morgen werde ich folgendes tun:
Hände in die Hüften und vor dem Kleiderregal überlegen, was man anzieht in Wien, beim Taubenvergiften im Park, auf dem Zentralfriedhof und im Koffähaus.
Packen.
Lesen.
Und den ganzen Rest.
Mein besonderer und herzlichster Dank an alle, die mich unterstützt haben. Und ausgehalten.

Diese Sequenz ist Euch gewidmet:

 

Danke auch Ihnen, mein Captain.  Man sollte öfter auf dem Tisch stehen.

Ein historischer Tag

SA 7.44
SU 18.42
2 Bft aus Ost

Heute war Landpartie. Die FrauenFDPH machen ihren traditionellen Herbst-Ausflug, dieses Jahr ist schon das zweite Mal. Die Partie geht dieses Jahr auf die Mathildenhöhe nach Darmstadt, da gibt es was zu sehen und Einkehr ist auch möglich. Ich unke zwar rum, wo jetzt das Land in der Partie ist, aber da fahren wir diesmal nur durch. Geht auch.

Wir picknicken erstmal. Dann muss man nicht das ganze Zeug stundenlang rumschleppen. Also wird auf einer Parkmauer das Büffet errichtet und mit vollem Mund gekaut. Wir könnten wohl Eintritt nehmen, so werden wir bestaunt. In diesem Land ist ja vieles wunderlich. Im kühlen Herbstwind und Nebel vor einer Jugendstilkulisse stehend zu picknicken ist so eine beachtliche Sache. Nun gut. Hauptsache die Leute haben was gelernt.
Gestärkt gehts an die geistig-seelische Erbauung. Heute ist Hans Christiansen dran.
Selbiger 1866-1945 (Lungenentzündung), Wegweiser und Protagonist des deutschen Jugendstils. Malerei, Plakatkunst, Möbel, Keramik, Glas etc. Kunst und Handwerk.
Ich persönlich bedauere es, dass der Jugendstil nicht einfach gewonnen hat. Dann wäre heute immer noch alles so erbaulich. Und so umfassend künstlerisch. Die Lebensgefährtin und ich stehen vor den Möbel/Tapeten/Silberleuchter/Weinglas-Exponaten und uns wird klar, die Wohnung muss optimiert werden in ihrer Einrichtung. Auch ein Wandteppich fehlt uns noch. Schwertlilien sollten m. E. drauf sein und ein Pan und 3 Nymphen.
Nachdem wir alles umfassend angeschaut haben, betrachten wir noch die Wohnobjekte auf der Höhe. Das ein oder andere scheint uns ansprechend und wir kommen mal wieder zum Thema „Wie wollen wir leben?/Später zum Beispiel?/Und wann fängt später an?/Und man sollte sich rechtzeitig kümmern/ Alters-WG-Planung muss erfolgen, ehe die Demenz das Rennen gewonnen hat./Also am besten sofort.“

Erstaunlich ist, dass wir nicht mal fragen müssen. Nee, gar nicht erstaunlich. Eigentlich naheliegend, dass FrauFreitag und FrauH. die sich seit nunmehr–Kunstpause– vierzig Jahren kennen, irgendwann zusammen Treppenlift fahren wollen. Und die Damen P. und D. sind auch schon seit —–Hilfe, mir wird beim Rechnen schwindelig, denn das kann doch nicht die richtige Zahl sein, da stimmt doch schon im Ansatz was nicht, aber FrauD. bestätigt: seit sechsunddreißig Jahren, Sie haben richtig gelesen, sind wir quasi „zusammen“. Da bricht mein Münchner Erbe durch und mein Kopf sagt ‚Dosetztdinieda‘.
Also, wir kennen uns eine ganze Weile und da liegt es nahe. Schließlich wissen wir, was wir uns sind, was wir zu erwarten und zu befürchten haben. FrauF. und FrauD. tuns ja auch schon.
Und schon überschlagen sich Vorschläge. Einigkeit herrscht vor allem beim Vorhandensein von jungem männlichen Personal, Gärtner, um FrauF. zur Hand zu gehen, die ohne Garten eine Depression ausbilden wird, ein Turnlehrer für FrauH., für FrauP. einen Masseur bitte und FrauD. bekommt einfach einen persönlichen Begleiter. Natürlich darf man tauschen. Wegen der Personalkosten und um mal realistisch zu bleiben- selbstverständlich werden wir aus wirtschaftlichen Überlegungen Deutschland verlassen müssen. Schließlich sind wir alle mehr oder minder Prekariat. Also Niediglohnländer. Drei von Vieren wünschen viel Wärme. Gutgut, wegen des Rheumas, ich sehe es ein. Im Sommer fahre ich eben an den Kühlungsborn. Thailand. Mittelmeerinseln, Marokko. Alles wird überlegt. Feststeht jedenfalls: Heute gibts mal bei aller Phantasiererei und bei allem Gekicher Nägel mit Köppn und Butter bei die Fische.
Ja. Wir wollen. Ja, wir kümmern uns. Wir haben noch ca. 8 Jahre Zeit, bis auch das jüngste Kind hier groß sein wird. Bis dahin sollte alles fertig und renoviert sein. Auch die Gästeanbauten. Das sollte ja bitteschön zu schaffen sein!
Auch eine Finanzierungsidee ist bereits da. Ganz einfach: FrauFreitag schreibt einen s.g. FrauenRoman, nach Art der „FreitagsFrauen“ (Name geändert), also leicht, seicht, ‚witzig‘ über, sagen wir vier, Frauen, die beschließen, ihr Alter miteinander usw. usf. und eine möchte in der Verfilmung von Julia Roberts gespielt werden und das ist nicht FrauFreitag, die will Audrey und vielleicht Johnny Depp als mein Gärtner?
Also Roman, Bestseller, Immobilien Erwerb, Bingo.

Und eins muss ich sagen. Bei aller Ambiguitätstoleranz, über die ich verfüge und die ich mehr und mehr ausbilden MUSS, und auch wenn der Weg ja das Ziel sein soll, so finde ich es doch sehr ermutigend wenigstens etwas wie ein Ziel zu haben. Dafür Danke, FrauDPH.
Und wenn noch jemand mitmachen möchte -bitte einfach anfragen und Ideen einbringen.

Mandel und Kaffeesahne

Wahrscheinlich weil ich dieses Jahr mein erstes Abitur als Mutter erlebt habe, wahrscheinlich deshalb denke ich in diesem Jahr öfter an meine Abizeit, eher noch an die Zeit direkt vor der allgemeinen Hochschulreife.

Für Frau K., heute K.-R.

Da war vor allem diese Zeit der Paukerei. Kein Unterricht, dafür ganze Tage bulimisches Lernen. Fach für Fach, Thema für Thema…
Wenn dann endlich genug gelernt war, Treffen mit B.
B. war meine Busfreundin. Nicht auf der gleichen Schule, aber seit der 7. Weggefährtin im Bus morgens 7.11 h, oft auch nach der Schule. Halbe Stunde Fahrt. Danach Telefonate; es gab soviel zu sagen, nie war man fertig. Die Telefone waren noch fest stationiert in den Wohnungen. Im Flur zumeist, und wenn man Glück hatte, hatte man ein langes Kabel und konnte in ein Zimmer, eine Toilette, einen Schrank flüchten und halbwegs privat telefonieren. Wieso sollten wir uns aufregen über Telefonabhöraffairen? Wir sind es gewöht in Chiffren zu sprechen, während die Eltern zuhören…zum Beispiel: lautes Ausatmen in die Sprechmuschel. Heißt: „kann jetzt nicht weiter über dies delikate Thema sprechen, Eltern_teile hören mit“. Meisterinnen der Verstellung. Also.
Lange Telefonate.
Danach-Treffen.
Pudweise wurde Schokolade verzehrt. Sie Mandel, ich Kaffeesahne. Die guten 200g Tafeln vom Discounter mit A. Eine Tafel für jede von uns, mindestens. Über einige Wochen. Bei ihr, denn da war man meist allein. Dann Jungs durchsprechen. Eltern durchleuchten. Themen des Französisch-Leistungskurses erörtern (Sartre, Camus, Beauvoir).
Was damals anfing, uns aber länger und mir bis heute erhalten geblieben ist:
rausgehen. Rausgehen um wieder klar zu werden. Und raus war: Rheinhessen. Felder. Weinberge. Wenige Obstbäume. In denen saßen wir. Kirschensommer. Schokoladenzeit. Der Geruch von faulendem Obst, Insektengesumm.
Bald würden wir Abitur haben. Die Welt würde uns erwarten. Alles würde passieren…aber jetzt spucken wir Kischkerne und reden klug daher über den Existenzialismus, haben den ersten Liebeskummer schon hinter uns, entwerfen Zukunftsszenarien, haben 100 Pläne aber keinen Plan. Lachen uns schlapp in den Ästen.
Und heute?
In Bäume klettere ich noch, aber seltener. Gegen Kirschen bin ich heute allergisch. Die Mandelschokolade gibts nich mehr, aber Kaffeesahne. Ich schaffe davon keine 200 g Tafel mehr auf einmal.
Liebeskummer? Reden wir nicht davon. (Dank zahlreicher Vergleichsgrößen versteht man besser mit Schmerzen umzugehen. Immer schön reinatmen, in den Schmerz. Ein großer Vorteil des Nichtmehrganzjungseins.)
Pläne? Immer mehr!
Einen Plan? Tssss…
Die Existentialisten haben nicht nur meinen Kleidungsstil geprägt (noch immer hält FrauFreitag schwarze Rollkragenpullover für existentiell), sondern werden wieder und neu rezipiert. Dabei habe ich mich endgültig für Camus und gegen Sartre entschieden. Er sieht auch besser aus.
Abitur ist immer mal wieder ein Thema, aber ich stehe auf einem andern Spielfeld.

Ein Grundstein jedenfalls wurde gelegt, damals in Rheinhessen vorm Abi in den Bäumen. Und jeden Sommer erwischt es mich wieder. Wenn das Korn wächst, reift und ich es plötzlich rieche. Wenn es verdorrt und ich sein Knistern in der Hitze höre. Wenn dann eines Abends ein Feld gemäht ist, ich es vermisse, denn das ist immer der Anfang vom Ende des Sommers. Dann fahren die Mähdrescher die ganz Nacht, wenn es so heiß und trocken ist wie heute. Und zurück bleiben Stoppelfelder, Herbstbilder.
Jeden Sommer. Immer einer mehr. Ein Sommer näher zum Herbst? Pfff.
Und jeden Sommer denke ich an meine Busfreundin, die ich jetzt, wenns gut geht, zweimal im Jahr sehe, nicht mehr im Bus 7.11h.
Was solls. Wir sind UNSTERBLICH. Somehow.

Rheinufer

Undeinmal waren wir zu Vieren abends am Rhein.
Picknick für uns und Räucherstäbchen gegen die Mücken.
Zwischen durchaus ernsten Themen soviel gelacht, dass ich kaum noch Luft bekommen habe.
Sehr sehr schöner Abend. Wie immer mit Euch!

Feststellung:
in der richtigen Gesellschaft, am Wasser und bei gutem Licht kanns hier auch hallig sein.
Rheinufer fast ein Sommerdeich.