Kategorie-Archiv: SchreibBlock

Aus grauer Städte Mauern

SA 6.02
SU  21.01
2 Bft aus Süd

 

…zieht FrauFreitag durch Wald und Feld.
Besser gesagt durch Reben und Stoppelfelder.

Probehalber wagt sie sich in die alte neue Heimat vor, bezieht ein Zimmer bei Freundin L., wo in gemeinsamer Sache der Hund gehütet wird.

Am Abend, nach einigen Stauungen auf den Ausfahrtsstraßen der Stadt, empfangen mich Rheinhessen und die Freundin, ich komme gleichsam in eine Wellness-Oase. Mit Landbier in der Hand sehen wir von der Terrasse einem fulminanten Sonnenuntergang zu, der Himmel jenseits des Rheins ein Feuerwerk, das speziell für die Heimkehrende abgefeuert zu werden scheint. Hier ist das Alltag – mir ist es mehr. Der Hund liegt mir zu Füßen und dahinter die ganze Welt. Es duftet nach Abend, der überraschend früh kommt – Stadtkinder verlieren allzuleicht den Überblick.

In völliger Ruhe und Abgeschiedenheit schläft FrauFreitag 4, 5 Stündchen und erwacht, weil etwas sie weckt. Jemand hat mich gerufen. Es ist bald 4 Uhr, noch liegt alles im Dunkeln. Wie erwartet scheitern die Wiedereinschlafversuche und werden gegen 5 h abgebrochen, ich grabe mich lieber in einen Roman, bis mich das Licht draußen ruft. Turnschuhe zum Arbeitskleid und hinaus. Ich muss sehen.

Im Südwesten liegt eine blass- stahlgraue Wolkendecke mit einem Stich ins Mauve. Im Osten schickt die Sonne sehr rotbunte Strahlen nach oben, dazwischen liegen die blassen, schon abgeernteten Felder und leuchten, dass man es kaum glauben mag. Die Luft ist noch nachtfeucht und riecht nach Stroh und Korn. Kühl fährt sie mir unter dem Kleid die Beine hoch. Der Sommer lehnt schon in der Tür, er hat den Rucksack bereits gepackt aber macht noch Konversation, als wären seine Gedanken nicht schon unterwegs.
FrauFreitag als Abschiedsexpertin kennt dies Gefühl zu genau, um es bei Anderen zu übersehen. Noch tut er so, 38° sollen heute kommen, aber mein Schatten liegt schon hundert Meter lang vor mir und das Licht macht mir nichts vor.
Hier also wieder der Beweis: Zuhause ist, wo man die Lichtverhältnisse kennt.
Ein jäher Anfall von Glück schüttelt mich, als ich mit dem Hundekobold an der Seite früh um 6 auf meinen alten Aussichtshügel strebe, um kurz einmal in alle 3 Richtungen zu blicken – nur nicht rückwärts…

Aussichten

SA 5.59
SU 21.05
3 Bft aus West

Der August ist da. Ersehnt und gefürchtet bringt er neben der Hitzewelle, die jeden Sommer wieder für Aufregung sorgt, heuer auch die Umzugsfeierlichkeiten der FrauFreitag ins Land.

Über Umzüge ist hinreichend geschrieben worden. Der geschätzte Kollege aus Köln, den ich letztes Jahr auf der Hallig kennenlernte, tat dies. Jetzt fährt er wieder hin, wird weit über alle Tellerränder schauen und tief durchatmen. Und ich ziehe derweil nach Rheinhessen. Und sehe die Tellerränder vor meinen Augen. Dazu gleich.

Hintergrund: um den Kindern123 wieder näher zu sein, verlässt FrauFreitag die Stadt mit ihren Verlockungen, Sushi-Bars und Hipstern und wendet sich erneut dörflichen Strukturen zu. Die Klinge ist immer zweischneidig. Die Entscheidung musste aber getroffen werden und zwar genau so.

Vordergrund: Am vergangenen Wochenende war Subbotnik* der Arbeiterklasse, in Persona FrauFreitag und HerrMontag. Kinder kamen gemäß des Jugenschutzgesetzes nur kurz zum Einsatz. Das Wochenende war heiß und sonnig, Deutschland grillte oder war in der Badeanstalt. Wir waren im Baumarkt (es gab noch Grills) und auf der Baustelle. Es galt, Tapete von Wänden zu bekommen. Dazu möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter äußern. 6 Stunden später, der Abend graute schon, waren die beiden unteren Räume tapetenfrei, wenngleich nicht wohnlicher. Und wir zufrieden.

Das echte Grauen begann am Sonntag, als wir versuchten, die Tapete, die es sich aber anders gedacht hatte, vom Gipskarton zu lösen. HerrMontag, der glücklicherweise alle Handwerkerinnungen in sich vereint, spuckte leise aber stetig berliner Gift und Galle.
Nach 4 erfolglosen Stunden warfen wir alle Handtücher in die rote und in die blaue Ecke und gingen statt dessen in die Eisdiele. FrauFreitag suchte und fand die polnische Notrufnummer in ihrer Handtasche und Herr J. versprach, am Montag zu kommen und mir seine Meinung zu sagen.

Und so geschah es auch.
Am Montag nach der Lohnarbeit also hinaus nach Dörfli. Zum Glück ist Schienenersatzverkehr, da weiß man gleich wieder, wie die Realitäten sind und versucht es gar nicht erst mit Idyllen. Im Bus, der ja viel kleiner ist als ein Regionalexpress, waren alle Leute da, dafür aber keine Klimaanlage. FrauFreitag steht und fächelt sich 45° warme Luft ins Gesicht. Nur nicht maulen. Es gab Zeiten in ihrem Leben, da fuhr sie breite sibirische Staubpisten entlang, seltsame Musik dudelte, der Bus hatte Gardinen und es waren Hühner und Fernseher anwesend. Da wird uns so ein Ausflug in die neue alte Heimat doch nicht grämen…und schon sind wir auch angekommen!

Ich betrete erstmals ganz allein mein zukünftiges Heim. Ein besonderer Moment, der Schlüssel dreht widerstandslos, Stille ist da und Tapetenkleisterbaustellenputzgeruch. Und eine kleine Freude ist in mir. Mein Abendessen habe ich in einer Tüte dabei. Im Zentralzimmer unten setze ich mich auf die dreckige Fensterbank, lasse die Hitze herein und schaue in die Zukunft. Ich betrachte das Licht, dessen Einfälle ich noch nicht kenne, ich höre die Kirchturmuhr genau nebenan, lerne die Aussicht aus dem Fenster kennen. Früher stand da ein wirklich altes Haus. Ich erinnere eine kleine schöne alte Treppe, auf der Kind1, damals noch allein und nicht numeriert, spielte. Aus Gründen, die ich nicht kenne, verschwand das Gebäude und es entstand ein hässliches neues. Was aber seinerzeit ok war, denn darin fand zumindest ein wirklich gutes italienisches Restaurante seinen Platz, und der Inhaber hatte das schönste Profil des Dorfes. Und schien immer ein bisschen zu leiden, dass er da war…Das ist aber auch schon lange her.
Und dann war plötzlich Leerstand angesagt.  Dauernde Einsamkeit aber schadet Häusern wie Menschen. Und jetzt sieht das alles noch viel weniger schön aus. Ich schaue mir mein Gegenüber also an,  in der Toreinfahrt hängt eine Schaukel bewegungslos in der Hitze. Am Wochenende hat ein Papa da sein Kind geschaukelt. Jetzt steht im Gegenlicht ein Mädchen, verloren, gelangweilt, ein Fotomotiv. In sehr wenigen Räumen scheinen dort drüben sehr viele Menschen zu leben. Sie haben verschiedenen Sprachen und verschiedene Farben. Die Männer hocken in der Hocke vorm Haus und rauchen. Die Frauen haben wenig an. Es ist ja auch heiß.
Ich sitze bei meinem ersten Abendessen und schaue raus. Fühle mich ein. Kind3 kommt probehalber vorbei und isst mit, wir lehnen uns aus dem Fenster, stützen die Ellenbogen draußen auf, warten in der Hitze des Abends. Ich werde ein kleines Kissen kaufen. So saß ich früher in der Neustadt, mit meiner Mutter und schaute unsre Straße rauf und runter und war sehr zu Hause. Aber damals gabs auch erst drei Programme…

Mein Nachbar (diesseits der Demarkationslinie, die die Straße offenbar bildet ) spricht mich an: ich solle doch bitte das Tor immer geschlossen halten. „Auf der anderen Seite“ wohnen Leute, die man nicht unbedingt im Hof haben wolle. Auf meine Frage, ob diese denn ungefragt herein kämen, antwortet er, das wisse man nie und schaut mich beim Sprechen nicht an.
Spontan frage ich mich, ob ich ihn eigentlich gerne im Hof treffen möchte, aber da kommt schon Herr J. aus Polen, bzw. „von der anderen Seite“ -also aus Hessen- und sagt mir seine Meinung in Zahlen und ich schlage freudig ein und kann mir keine Gedanken mehr machen. Denn ab morgen rollt die gesamte Arbeiterklasse durchs Haus und hat meine vollste Solidarität. Über Schutzwälle, und wo ich diese gegen wen errichten werde, denke ich zu gegebener Zeit nach. Wenn ich alle zum Sekt einlade. Auch die von gegenüber, wie man ja auch zur anderen Seite sagen kann.

* Subbotnik von russisch суббота [subbota] ‚Sonnabend‘ ist ein in der Sowetunion entstandener Begriff für einen unbezahlten Arbeitseinsatz am Sonnabend.

Der Juli

Erich Kästner

Der Juli

Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.
Die Menschheit geht auf Reisen
oder wandert sehr oder wandelt nur.
Und die Bauern vermieten die Natur
zu sehenswerten Preisen.

Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum Verlorenen Paradiese.

Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort
auch die künftigen Brötchen und Brezeln.
Eidechsen zucken von Ort zu Ort.
Und die Wolken führen Regen an Bord
und den spitzen Blitz und das Donnerwort.
Der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.

Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit
überdauert sogar die Ferien.

Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon
von hier beginnt das Märchen.
Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn,
ruht ein zerzaustes Pärchen.
Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn.
Hier steigen und sinken die Lerchen.

Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluß
des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.

#Badesee, dritter und letzter

SA 5.50
SU 21.15
stramme 4 Bft aus West

(Vorgeschichten: #Badesee 1 und 2)

Die neue Zeit erfordert vor allem Flexibilität. Sagt man.

Wir darum ab ins Badeseeland, ein letzter Blick soll auf Seen und in liebliche Gärten geworfen werden, ehe auch dort ein Umzug stattfindet. Aus eben genannten Gründen.
Wir, das sind in diesem Fall Kind2 und FrauFreitag. Am Münchner Hauptbahnhof stoßen wir zufällig noch auf HerrnMontag, der aus der Bundeshauptstadt angeschwemmt wurde, und wo er schon mal da ist, nehmen wir ihn kurzentschlossen mit.

Noch verstellen keine Umzugskartons das Panorama in die 15 jährige Vergangenheit, noch ist der Blick unverstellt und unverfälscht und wir geben das gleiche Tschechov-Stück wie zu allen Gelegenheiten.  Das sieht so aus, dass man vorwiegend auf der Terrasse sitzt, ab und an kommt Bewegung in die Szene, die Damen wandeln durch den Garten und schnuppern an Rosen, die Herren legen die Köpfe in den Nacken.  Sie rauchen Zigarren. Journale liegen aufgeschlagen. Bienen und Grillen machen Sommergeräusche. Kind2 verblüfft die Zuschauerwelt mit Kartentricks.
Die Zeit steht vordergründig still, im Hintergrund beeilt sie sich um so mehr.
Ab und an rauschen neue Vokabeln durch die Luft, Bodenbeläge und Arbeitsplatten stehen im Vordergrund, auch der Name einer traditionellen englischen Farbfirma gehört zu Liste der Wörter 2015.

Bei den gewohnten Spaziergängen gaukeln vergangene Bilder wie Schmetterlinge auf und ab, man sieht derzeitige Teenager wieder mit ihren Laufrädchen vor sich herfahren, man sieht (und hört) neue Erwachsene wieder als Teenager, man sieht sich selbst mit weniger Grau im Haar. Das laute und das leise Wasser fließen wie eh und je schnell und langsam dahin, die große Straße, die  im Hintergrund gebaut wird, brauchts eigentlich gar nicht und beim Spazieren achtet FrauFreitag darauf, ihr den Rücken zuzukehren.  Sie zerschneidet unnötigerweise mein Bild der Vergangenheit.
Im Haus sind die Zimmer bevölkert von uns allen, die wir in den letzten Jahren in unzähligen Verwandlungsstufen hier waren, es gibt neue und alte WeißtdunochGeschichten, wir verwechseln die Jahre wie alte Damen und schauen uns an und wissen, was wir denken.

Am letzten Tag wird noch ein neuer Vorhang aufgezogen und ein bislang unbekannter Badesee präsentiert, die Alpenkette lagert malerisch im Hintergrund. Im Vordergrund die Bewohner, braungebrannt und see-erprobt rollen sie tiefe gutturale Laute in ihren Kehlen, die sie stets feucht halten. Sie provozieren HerrnMontag zu einer phonetischen Gegendarstellung des Deutschen und FrauFreitag, im Vorleben Dialektologin, ist begeistert ob der Breite des Lautfächers, der um sie erschallt. Das Lokalbräu schmeckt herrlich, die Sonne scheint genau richtig stark, die Kulisse ist bühnenreif, das Wasser – für Wasser – sehr angenehm, alle sinds zufrieden und es wird beschlossen, in Zukunft einfach AUSFLÜGE hierher zu machen – schließlich sind wir flexibel. Also, ich freu mich schon.

 

 

 

Schulfest

SA 5.29
SU 21.34
2 Bft aus West

Als FrauFreitag am Samstagvormittag im Schulfestort aus der Eisenbahn steigt, liegt der rheinhessische Sommer wie ein Federbett über dem Städtchen. Kaum ein Geräusch außer einigen zaghaften Grillen, die sich auch nur ab und an wagen, kleine Bewegungen zu machen. Die Schattensäume entlang zur größten Schule dieses Bundeslandes, in der noch immer 2 Kinder der oben genannten ihr Dasein fristen.
Angekommen: Schulfest im Sommer und 30°, die Ruhe ist komplett verschwunden.
In drei Gebäuden und überall dazwischen wird gezeigt, verkauft, präsentiert, gegessen, musiziert, gesucht, erklärt, gefördert und vieles mehr. Immer ein Zeitsprung, eine Art Dauerzustand, alle Schulfeste der Menschheit finden meines Empfindens parallel statt, Vergangenheit stürzt in Gegenwart und die Zukunft schimmert durch.

Kind3 fühlt sich heute gar nicht so und hat dazu richtig miese Laune, die klassisch miese Laune einer 13jährigen, wenn auch mit gutem Grund. Und jetzt Samstag- im Kunstraum, Fries zur Verschönerung des Gebäudes. Allerdingst wirklich sehr hübsch, was sie da gestaltet haben.
Kind1, der Sache längst entwachsen, lotst mich souverän durch das Schulgebäudeundgängeundsälelabyrinth, wir suchen Kind2, welches an entlegenem Ort einen Film präsentiert. Als wir den Film finden, ist das Kind schon freigestellt und wir schauen uns einfach allein die dokumentierte Kettenreaktion an. Auch sehr schön. Erinnert mich voll an:
https://youtu.be/5ukEUUzeGig

Nebenan verkauft eine Lateinklasse römische Brötchen und Lorbeerkränze aus Goldpapier, Patrizia und Blebea bieten einen Kurs in römischer Frisurengestaltung an.

Ich muss plötzlich dran denken, wie ich mal auf einem Schulbazar (Weihnachten, ca. 1980) schätzungsweise 27 selbstgehäkelte Muffs mit Tierköpfen vorne drauf verkauft habe, war das ne Arbeit die zu machen! Oder die Kronkorken-Buttons mit den Miniölgemälden, immer schön die Bierverschlüsse gesammelt und monatelang mit einem Einhaarpinsel — lass mer die Ruh…Schulfeste!

Draußen bei den Schulorchestern finde ich Kind2 in seiner Peergroup. Im Sonnenschein hören wir ein bisschen zu, ich darf bei ihnen sitzen. Das ist schon umwerfend, wie die hier immer so schön und laut musizieren. Der 17jährige mit der angesagten Frisur, der zunächst zaghaft, im 2. Teil aber ganz cool  zum satten Blechsound der Bigband singt „Save the last dance for me“ haut mich aus den Schuhen.
Überall Jugend, so viel zukünftiges Leben, FrauFreitag starrt all das Heranwachsende an und fragt sich, was daraus werden wird, daneben die gemeinsam gealterten Eltern geben zarte Hinweise und waren doch selbst erst…Zeit! Größtes anzunehmendes Rätsel!
Die Flure riechen nach diversen Hormoncocktails und als 4 oder 5 Jungs im Kostüm (oder heißt das Uniform oder Turnanzug? Sporchtzeug?) einer American Football-Mannschaft vorbeigehen, Schultern so breit wie eine 5.Klässlerin lang ist, drehen sich, ich habe das GENAU beobachtet, alle Frauen um, außer ich, denn ich muss mich an der Beobachterrolle festhalten.

Kurz nachdem die Sonne den Zenit überschritten hat, habe ich das helle Gefühl, alles gesehen zu haben, sogar schon unzählige Male, auch wenn ich selbst von wenigen gesehen wurde. Ich trete den geordneten Rückzug an und laufe ausgestorbene Kleinstadtstraßen entlang, in den Gärten ab und an eine Grille, der Sommer ist sehr hoch und groß und ich tauche ein in seine Stille, das Schulfest im Rücken, bis zum nächsten Mal…

 

 

Argentinien – Finnland

SA 5.19
SU 21.40
1 Bft aus West

 

Man sollte mal wieder was schreiben, meint die Umwelt, meinen die Kinder, meint auch FrauFreitag. Das Problem ist aber: sie sieht gerade nichts. Entweder gibt sie den Rennhamster und treibt Turbinen mit Nagerkraft an, oder, wie z.B. dies Wochenende, sie dümpelt. Liest. Putzt. Kocht. Bügelt. Liest. Ruht. Liest. Macht Quatsch mit Kindern1, 2 und 3. Und merkt erst nach über 300 Seiten, dass sie das Buch schon mal gelesen hat, vor einigen Jahren. Gut, es ist der 2. Band einer Trilogie und ich dachte wirklich, es sei mehr die Gesamtheit, die ich erinnere, bis dann ein Handlungshöhepunkt einen Erinnerungsfetzen im Hirn aufpustet und siehe: tatsächlich.  Ich werde es trotzdem noch (-mal) zu Ende lesen. Und dann Band drei, den kenne ich wirklich noch nicht.  Und nein, das ist nicht der Anfang von Altersdemenz.

Wo also sind die poetischen Szenen des Lebens?
Sie spielen sich derzeit im Inneren ab. Abschiede spielen eine bedeutende Rolle. Fast ist schon Juli und Juli wird der letzte Monat sein, den ich hier in dieser Wohnung verbringe. Und doch: schon hat der Kopf gepackt, schon sinnt FrauFreitag stundenlang über Farbkarten und denkt über die Einrichtung einer Bibliothek in Englisch Grün nach oder die einer Küche in Provenzalisch Blau oder doch Wohnen in Nerz? Schon läuft sie durchs Draußen und freut sich, dass sie so bald wieder ein Landei sein darf.
Und fragt sich: was wird mir fehlen? Der Stand der Sonne am Abend? Das Heimkommen in die Orangerie, wie die Lebensgefährtin und ich den alten Penny-Eingang nur leicht übertrieben nennen. Das zusammen da Sitzen und ein Getränk nehmen, nachmittags nach der Arbeit, abends oder nachts, nach Reisen, die Frisur bleibt Frisur, Dreiwettertaft. Vieles wird mir nicht fehlen, das ist ja auch der Grund, mal wieder die Kisten zu packen. Vieles lässt sich jetzt aber schon besser ertragen…

Eins wird mir sicher fehlen , obwohl ich das auch auf dem Land betreibe, nur ganz anders: das „noch Mal schnell aufs Rad und mal schauen, schauen, wie das Licht ist und die Luft“, abends. Das lieben die Kinder auch und es ist wirklich herrlich an diesen langen Sommerabenden.
Weils nichts anderes gibt hier, radeln wir immer an den Rhein, da ist ein wenig Licht und Weite und Schiffe dann und wann und ein Geruch nach Rhein und ein Gedanke an Nordsee und an hallige Momente. Auch wenns da eher hallt, haha, Grill an Grill und alle sind sie da, aber wo sollten sie auch sonst sein, wir sind ja auch da, Getriebene wir alle, mit oder ohne miteinander.
Und da habe ich gestern doch was Schönes gesehen:

Vorwort:
FrauFreitag leidet an der Tango-Krankheit und eines Tages, vielleicht, lernt sie den noch. Darauf kommts jetzt wirklich auch nicht mehr an. Bislang hört sie aber nur zu.
Und gestern höre ich Tangoklänge am Rhein, neben der Promenade. Von diesen angezogen nichts wie schauen, was da los ist und siehe: es wird getanzt.
Sommerabend, Rheingeruch, Goldlicht, Tangoklang.
Manche der Damen tragen Kleid und chice Schuhe, die Herren eher blass, aber manche Paare können schon ganz gut miteinander. Sieht toll aus, wie sie alle die Füße exakt ineinander stellen und verkreuzen und nur ganz selten gehts schief. Aha. Tango Argentino!
Ein Paar verheddert sich kurz aber dafür komplett,  das gibts also auch und tut gar nicht weh. Grundstellung einnehmen, weiter gehts.
Eine Dame, eine Künstlerin, schafft es hingegen, dem Herrn das Bein verstohlen mit ihrem Fußknöchel zu reiben, soviel Zeit muss sein.
Und eine ältere Dame, also sogar älter als ich – zumindest aussehend – wickelt ihr Bein sogar rasch, als sie glaubt, dass es keiner merkt, einmal ganz um den Herrn rum, schaut aber oben ernst und abweisend. Sehr schön. Ich möchte direkt Szenenapplaus beisteuern, aber das scheint sich nicht zu gehören.  Man schaut diskret.
Kann es ein, dass die Zahl, zu der man zählen muss, 8 ist? Ganz schön weit. Und das dauernde Hin und Her, das gerade die Damen veranstalten müssen, das schaff ich sicher nicht.
Der finnsiche Tango scheint mir eine mögliche Alternative zu sein.
Den geht man ja mehr.  Geht einer mit?

 

 

Was man keinesfalls tun sollte

SA richtig früh
SU könnte noch später sein
frische Meeresbrise
(Werte Hamburg)

Weniger als 24 Stunden in Hamburg bleiben.

Nach einer veritablen Odyssee kommt FrauFreitag dort an, aber erstklassig. Was man viel öfter tun sollte: Erster Klasse reisen. Ich bin jetzt in dem Alter. Obwohl – ein Abteil musste ich FLUCHTARTIG verlassen, weil ich vom Parfüm der dort sitzenden Dame Instantkopfweh bekam. Vielleicht war es auch das Juwelenpflegemittel, das so roch. Aber dann war das Reisen auf rotem Plüsch doch ganz angenehm. Gediegen. So konnte ich mich auf einen hanseatischen Abend einstimmen.
Eingecheckt ins Hotel mit dreieckigem Grundriss und einem chicen Hans Albers Poster „Grüße von der Waterkant“ genau vor meiner Tür – und sofort wieder los, die Gastronomie erkunden. Wie jeder echte Matrose hat auch FrauFreitag in jedem Hafen ein Mädel, mit dem es den Abend verbringen kann. Diesmal wird das höherpreisige Segment getestet und für recht anständig befunden, ist es doch die logische Folge einer erstklassigen Reise. Und auch die geistigen Getränke, von denen eindeutig zu viele in einer sehr angenehmen Lokation eingenommen werden, sind besonders fein. Hendrick‘s und Thomas Henry in einem Glase friedlich vereint, und wenn der Barkeeper meint, ich hätte nicht bemerkt, dass im letzten Glas keine Gurkenscheibe mehr war, hat er sich wirklich getäuscht.

Und dann plötzlich schon wieder Morgen und Veranstaltung – ich rollkoffere den Dammtordamm entlang, der wirklich so heißt und das klingt doch wie eine kleine Melodie, wenn auch ein bisschen albern. Der Geruch dieser Stadt am frühen Morgen trifft mich wie ein Herzschlag, das Meer schickt Grüße, Wolken rollen über die Alster, ich fühle die Nähe der Dampfer, auch wenn ich nicht hingehen kann, ans Wasser, wenn man mich wieder einsperrt in Arbeitszusammenhänge (die -jaja- auch wirklich interessant sind…), höre ich Nebelhörner und plattdütsche Rufe sommersprossiger Matrosen und über all dem weht die rote Fahne mit den weißen Wappen der Stadt, die so lange die Stadt meiner Träume war, dass ich schon gar nicht mehr weiß…ja, ist schon gut.

Getagt wird in einem schönen alten Bau an der „Esplanade“ – und da macht mich ja auch der Name allein schon schwach. Der Bau aber erst recht, es gibt herrliche Säle mit schönen Namen wie „Gartensaal“ oder „Jugenstilsaal“, Kronleuchter und alte Holzvertäfelung und trauliche Arbeitsgespräche auf zierlichen Biedermeier-Sofas. Mein neues Leben glitzert wie Swarovski-Kristalle. Man sollte viel öfter. Aber wirklich länger.
Denn als ich nach nur etwa 22 Stunden wieder losfahre und die roten Gebäude hinter mir lasse- die Kräne ragen wie immer wahnsinnig aufregend in den tiefen Wolkenhimmel- da bleibt wieder ein klitzekleines Fitzelchen von mir da und ich muss mich ins Summen von HansAlbersMelodien retten.

Aber eins ist doch prima: in 2 Wochen ist schon der nächste Termin. Wo? Genau. Und da mach ich ganz sicher die Hafenrundfahrt. Aber die große!

Wie der Wochentag

SA 5.17
SU 21.36
2 Bft aus Südost

Jetzt ist es amtlich und wahnsinnig aufregend.

Gestern war der ersehnte Brief da. Das amtliche Urteil. Mit vielen Stempeln und Unterschriften und „für Ihre Unterlagen“.
Also FrauFreitag© heute früh in die weißen Sachen gestiegen und ab zum Standesamt. Das Standesamt meiner Stadt ist ein sehr schönes Gebäude aus der Vorkriegszeit. Es gibt einen Paternoster drinnen, der aber aus unerfindlichen Gründen nie fährt. Und ein phantastisches Treppenhaus ist auch da. Ich bleibe aber im Erdgeschoss, Abteilung Namensänderung, Zimmer 11.
Schlag 8.30 poche ich an die Tür und man lässt mich ein. Ich habe alles dabei, was man braucht und alles geht prima. Der Beamte erweist sich nicht nur als kompetent sondern auch als ganz humorvoll. Draußen sitzen die, die die Ehe begehren. Aufgebote gibts ja nicht mehr, habe ich gehört. Die sind ganz hibbelig und wohlgemut, ich auch. Aber ich sag nichts. Die jungen Leute sollen mal selbst ihre Erfahrungen machen. So wie ich und Toni Buddenbrock. Wir haben das Leben kennengelernt und sind keine Gänse mehr.
In Zimmer 11 wird aufgeklärt und ausgefüllt und eingetippt und übertragen und hingewiesen und dann endlich gestempelt und nicht zuletzt werden Kosten erhoben (30 EUR). Und dann kommts. Ich soll unterschreiben. Der Kugelschreiber zögert leicht, genau wie am Hochzeitstag. Ich muss lachen. Und schreibe, deutlich lesbar, aber mit Schwung, meine Unterschrift.
FrauFreitag.
Geht doch. Gelernt ist eben gelernt. Jauchzen steigt in mir auf, ich möchte Sektflaschen entkorken und anstoßen mit allen, die mir lieb und teuer sind. Nomen est nun mal omen. Und heute ist Freitag. Und das ist NICHT inszeniert.
Ab jetzt werden keine Doras und Gustavs und Nordpole  mehr benötigt, jetzt sage ich auf Nachfragen wieder schlicht wie einstmals: „wie der Wochentag“. Phantastisch. Danke, Mama und Papa! Danke für diesen schönen Namen!

Mit meiner Bescheinigung nach §46 PStV rüber ins Bürgeramt. Das Bürgeramt meiner Stadt ist ein sehr schönes Gebäude aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein schönes Treppenhaus -auch mit Schwung- bleibt erneut ungenutzt und ich ziehe im Erdgeschoss meine Nummer (397). Warte ein bisschen. Bin dran, Schalter 6. Diese Beamtin hier mit dem blonden Nest auf dem Kopfe  erweist sich hinwiederum als weniger kompetent und komplett humorlos. Was mich wiederum richtig amüsiert. Irgendwie kriegen wirs aber hin miteinander und sie versteht, was ich will und dass alles voll korrekt ist so. Und bald gibts dann auch nen neuen Ausweis (Pflicht!). Kosten belaufen sich auf 26 EUR.
Jetzt nur noch alle informieren (HAHA) und allet schick.
Und weil grade alles so gut läuft, mach ich eben auch noch nen Urlaub und ne neue Wohnung klar…es ist schließlich Freitag.
Wie der Wochentag.

Der Juni

Erich Kästner

Der Juni

Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.

Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.

Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.

Es wird und war. Es war und wird.
Aus Kälbern werden Rinder
und, weil’s zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.

Die Vögel füttern ihre Brut
und singen nur noch selten.
So ist’s bestellt in unsrer Welt,
der besten aller Welten.

Spät tritt der Abend in den Park,
mit Sternen auf der Weste.
Glühwürmchen ziehn mit Lampions
zu einem Gartenfeste.

Dort wird getrunken und gelacht.
In vorgerückter Stunde
tanzt dann der Abend mit der Nacht
die kurze Ehrenrunde.

Am letzten Tische streiten sich
ein Heide und ein Frommer,
ob’s Wunder oder keine gibt.
Und nächstens wird es Sommer.

Ist das Heimweh?

SA 4.45
SU 21.25
2 Bft aus Nord
(Werte Berlin)

Für E. Und für A. mit Liebe.
Und für alle, die Heimweh haben. Oder Sehnsucht. Oder beides.

Wenn eine_r geht, bleiben die anderen da. Und dauernd fragen sie sich: wieso eigentlich? Das können alle sich fragen, auch der oder die Gehende. Wenn man aus einem Kuchen ein Stück rausschneidet, ist er nicht mehr rund. Rund war er schöner, aber was soll man machen?

Wenn eine_r geht, und die anderen bleiben und die Gedanken aneinander sich unterwegs auf dem Weg treffen. Und sich grüßen.
Wenn der Gegangene die Anderen vor sich sieht, wie sie ihre Sachen DORT machen, wo man nicht ist. Wenn Realität sich in Erinnerung verwandelt. Wenn man sein Buch sinken lässt, aus dem Zugfenster schaut und seufzt. Wenn die Gebliebenen dem Gegangenen noch ein Glas hinstellen und einen Teller, aus Versehen. Wenn der schwere Koffer nicht die Treppe hoch will.
Wenn man sich das Licht vorstellen kann und den Geruch DORT. Wenn man sich DORT wohl gefühlt und wohlgefühlt hat. Und wenn man nicht weg, sondern lieber wieder hin möchte. Wenn das Herz schwer ist und man wie von Seilen gezogen wird. Sehnsucht ist die Schwester von Heimweh und sie halten zusammen wie Pech und Schwefel oder Schneeweißchen und Rosenrot.
Aber wir werden den Zweien gut zuhören, um zu wissen, wo wir sein wollen. Und wer. Und wenn alles gut geht, kann man ja
ΙΙ: wieder HIN fahren. Und wieder weg. Und wieder hin… :ΙΙ
Und immer nehmen wir was mit. Und immer lassen wir was DORT. Elektronenladung. Dafür sind wir Reisende.

Berlin, ohne Titel

SA 4.44 (!)
SU 21.25
2 Bft aus Nordwest
(Werte Berlin)

Es liegt sicher am Klima. Aus undeutlichen Gründen wird FrauFreitag mitten in Berlin morgens um 6 wach – nach nur wenigen Stunden Schlaf. Und das Schlimme ist: sie ist nicht nur wach, sondern munter. Augenzukneifen und sich weiter zurechtrücken hilft nichts, auch dem leisen Atmen des HerrnMontag zu lauschen schläfert sie nicht ein. Und als es doch fast gelingt, schreit irgendwo irgendein elektronisches Gerät und nach diesem Adrenalinstoß ist alles zu spät. Also Dusche und Klamotten und raus, wo schon seit Stunden alle Vöglein nach mir rufen. Der Himmel ist besonders hoch und klar und blau, die Luft genau richtig, die Vögel singen herrliche Lieder und fast alle in dieser Stadt schlafen noch. Toll. Mal schauen, ob’s im türkischen Supermarkt schon Simit gibt, wenn’s geht, warme.
Ja. Gibt es. Ich übe für den Türkei-Urlaub und kaufe alles, was mir gefällt. Und bekomme Lust, schon früh am Morgen was Leckeres zu Essen zu machen.
Man nehme:
Salatgurke, Granatapfel, Minze und Petersilie, Frühlingszwiebeln, Zitronensaft, Olivenöl, Salz, Pfeffer und was Süßes – ich nehme Pekmez.
Also emsige Küchentätigkeiten, Vorbereitungen, die Vögel singen laut und fröhlich in den 5.Stock und das Licht ist pure Verheißung. Salat ist fertig. Überraschung!

Viel später gehe ich wieder raus und das Bild hat sich verändert. Fast an allen Ecken stehen Menschen und es lärmt entsetzlich. Touristen verursachen Thrombosen, stehen 2 h bei Curry 36 an, um dann in die Berlinzugehhörigkeitswurst zu beißen. Oder sie bestellen 1m Pizza, weils so im ReiseFührer steht, atmen rotgesichtig und müssen sich die Hälfte einpacken lassen. Der Wirt macht sich lustig.
Ach ja, Berlin.
Das heißt auch, vergeblich zu versuchen, das aufgrund technischer Schwierigkeiten 1,5 h verspätete Kind1 mitm Wagen abzuholen . Denn ALLES ist gesperrt, weil ein Besuchsdiktator im Regierungsviertel mit Angela ne Molle trinken möchte. Und wer steht mit in der slow-motion Stadtrundfahrt? Genau. Wie kann man alle Hauptverkehrsadern abriegeln? Die Polizei hier weiß, wie man das macht, hat dicke Muskel und Westen, nimmt die Sache ernst und über allem kreisen aggressive Hubschrauber. Bei 30°C. Ein entspanntes Szenario, das Kind fährt, während wir stehen, mit der U-Bahn zum Basislager, wo wir uns bald treffen und zum Vergessen in den Park unter die Rosenbüsche gehen. Berlin, immer mal ne Reise wert.

Wie ich mehr oder weniger aus Versehen unlängst die Tauentzienstr. langgehe (Friedrich Bogislav von, 1710–1791, preußischer General, kein Fluss) und versuche, dabei ruhig weiterzuatmen, isses wieder wie Döblins Alexanderplatz. Und wer bin icke? Der Franz Biberkopp, der sich nich mehr zurecht findet.
Vor der schönen U-Bahn-Station Wittenbergplatz
http://de.wikipedia.org/wiki/U-Bahnhof_Wittenbergplatz
sitzt eine Bettlerin mit einem slavisch gebundenen Neugebornen und ich frage mich kurz, ob das Kind LEBT. Ein kleinerJunge, höchstens 4,  mit milchfarbener Haut im Matrosenanzug  (!), wird an der Hand von seinem Vater von den beiden 10jährigen weggezerrt, die ihr Geld mit Saxophonspielen verdienen. Damen schauen sich die Swarowski-Auslagen an. Ein muskulöser Reicher im Sportaffenkostüm schiebt sein Fahrrad mit wadendicken Reifen durch die Menge und schaut zufrieden. Auf der Fahrbahn lautes Gehupe aus Porschen, eine PorscheHochzeit will  mir scheinen. Wo kommen all diese Leute her und was treibt sie um?? Haben die nix zu tun? Wer passt auf die Kinder auf, gießt die Blumen und macht das Essen? Ich drehe ab, will wieder in die U-Bahn, muss mich in Sicherheit bringen und bin außerdem verabredet. Die Bettlerin hat jetzt ein 3 jähiges Mädchen auf dem Schoß – oh Gott, ist so viel Zeit vergangen? Bin ich durch ein Wurmloch gepurzelt? In der U-Bahn: neue Idee. Rückbau aller das Auge beleidigender Elemente, die diesen wirklich gelungenen Bau verschandeln. Rot-Gelbe SOS-Säulen, Versorgungsautomaten, Werbung, die für Produkte wirbt, die es 1920 noch nicht gab. Die Welt könnte so schön sein. Wir müssen nur was dafür tun. Ich nehme morgen den Werkzeugkoffer mit und beginne mit der Demontage.

 

#Tribun die Zweite

SA 5.22
SU 21.27
1 Bft aus West

Tiberius Sempronius Gracchus (* 162 v. Chr.; † 133 v. Chr.) war ein römischer Politiker, der als Volkstribun weitgehende Reformen durchsetzen wollte, jedoch am gewaltsamen Widerstand der Senatsmehrheit scheiterte und zusammen mit seinen Anhängern ermordet wurde. Mit dem Scheitern seiner Reformen begann das Zeitalter der Römischen Bürgerkriege. Nach seinem Tod wurde der aus der vornehmen plebejischen Familie der Gracchen stammende Politiker zur Symbolfigur für den Kampf gegen die Willkür der Oberschicht stilisiert.

Sagt eine bekannte Online-Enzyklopädie. Eigentlich ein typisches Politikerschicksal. Kenner der Szene würden hunderte ähnlicher Beispiele aus dem Hut zaubern können, das dürfen sie gerne in der Kommentarzeile tun. Everyday is a schoolday, wie meine Lebensgefährtin immer sagt.
Ich kannte den Politiker noch unter dem Namen „Crassus“. War zwar ein anderer, macht aber nichts. Jaja, Sprachen verändern sich eben. Ob man will oder nicht. Sonst müssten wir heute alle noch in erschlossenen indogermanischen Wörtern (*werdho) reden, und das dauernde Sternchen davor wäre doch lästig. (Witz für Linguisten…)
Auch das angeblich so tote Latein mutiert. So lernte par exemplum Kind 1 im Lateinleistungskurs (sic) ganz andere Ausspracheregeln für das Lateinische als wir, die wir auf einem einschlägigen humanistischen Gymnasium diese Sprache mit  den Mohrenkopfbrötchen aufsaugten, damals, als die Erde noch fast eine Scheibe war, jedenfalls überschaubar. Das Gymnasium, die höhere Lehranstalt, möchte ich sagen, ist ein Thema für sich und wird beschrieben werden (Futur 2), wenn ich meine Traumata im Griff habe.  Wir sprachen alle fließend Latein im Pausenhof, wandelten in Togen gehüllt und lernten unsere Geschichtsthemen.

All das ist heute anders. Tempora mutantur nos et mutamur in illis oder transit gloria mundi.
Heute sprechen nur noch Ärzte und Priester Latein, Sentenzen versteht keiner mehr. Macht ja nix. Aber die Schulaufgaben, das Lernen, das Wissen! Patrizia und Blebea sind jetzt schon bekannte und bildgewordene shooting-stars in der Szene. (Ich muss übrigens korrigieren: sie heißt ursprünglich sogar Partriza.) Und jetzt also neu  Tiberius, Volkstribun, auch Folgstribun genannt. (Vgl. FF, Patrizia und Plebea)

Irgendwann mal von dem gehört? Siehe oben. Reformen und so.
Was schreiben die findigen Kinder heute? In der sogenannten Hausaufgabenüberprüfung?
Zum Beispiel meines (3):

„Tiberius Gracchus ist ein Schriftsteller.“

Ja. Warum nicht? Könnte ja immerhin sein. Vielleicht hat er nächtens an der Olivenöllampe gesessen und Oden über seine fruchtlosen  politischen Kämpfe geschrieben, dabei laut und lateinisch seufzend. So wie FrauFreitag. Ach. Die seufzet jedoch deutsch. Guttural.

Aber es kommt noch besser. Gleiche Klasse, neuer Versuch:

„Tiberius Gracchus ist ein Fluss.“

Bitte langsam nachsprechen. Ein Fluss. Wegen Tiber, kapiert Alder? Kreischendes Gelächter. Das zieht mir echt den Stecker. So eine Kreativität! Da wäre ich doch gerne Lehrerin an der höheren Lehranstalt! Ick würd ma einpissen beim Korrigieren.
Jetzt versuchen wirs mal:
Helmut Kohl ist ein deutsches Gemüse.
Eisenstein ist eine Burg im Erzgebirge.
Rosa Luxemburg ist ein Märchenschloss von Lilifee.
Eisenhower ist ein Schmied der englischen Mythologie.
Naja.
Und so weiter.
Wenn ich nicht so müde wäre, fiele mir sicher mehr ein. Aber vielleicht ja dem geneigten Leser…

 

…wie ein neues Leben (lalalalalalaa)

SA 5.27
SU 21.21
1 Bft aus Südost

Gespräch mit Kind 1 führt zu einem assoziativen Ohrwurmunfall, den ich aus lauter Gehässigkeit mit allen Lesern dieser Zeilen teilen möchte (Guten Abend, liebe Leser! Ihr seid wunderbar!)

Jedenfalls sagte ich im Gespräch mit Kind 1, dass einen neue Liebe wie ein neues Leben sei, und gleich darauf lalalalalalaa. Weil das Kind ob seiner gnadenlos späten Geburt vor erst 20 Jahren sich nicht auskennt in der Welt, erweitere ich seinen Horizont, indem ich es mit Jürgen Marcus bekannt mache. Dem echten, nicht irgendwelchem Retro-Scheiß. Bitte sehr. Und auch auf die Frisur achten.
https://youtu.be/7SkRiHzjpnE

Das war 1972, in Worten neunzehnhundertzweiundsiebzig.
Kurz zur Erinnerung:
Olympiade in München. Schwarzer September. Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt. Watergate-Affäre und Proteste gegen den Vietnamkrieg . Andreas Baader wird verhaftet. Die erste Folge von Star Trek (Raumschiff Enterprise) wird im Deutschen Fernsehen gezeigt. Robert Fischer wird durch den Sieg über Boris Spasski Schachweltmeister. Heinrich Böll wird der Literaturnobelpreis verliehen (an meinem Geburtstag).

Mehr dazu :
http://wikipedia.org/wiki/1972

So ist das. Mit dem neuen Leben. Durch diesen Schwachsinnsschlager werde ich zurückkatapultiert, volle 43 Jahre zurück. Zurück in die Samstage, an denen man gebadet hat. Ein Badezimmer gibt es nicht, gebadet wird in der Duschwanne in der Küche, die ehemalige Speisekammer ist der modernen Zeit geopfert worden, dem Komfort. FrolleinFreitag sitzt also mit ihrem roten Plastikfisch in der Duschwanne, noch ist Platz, denn es sind die seligen Tage des NochEinzelkindes. Es weiß nicht: sie sind gezählt…gezählt sind im übrigen viele Tage, aber das Frollein in der Duschwanne ahnt rein gar nichts davon. Es lebt in der Ewigkeit. Und in der Besten der Welten. Vor der Dusche riecht der Elektroheizofen nach verbranntem Staub und wärmt die Küche, der Ofen wird in der Übergangszeit nicht geheizt…
Nach dem Bade werden die nassen Haare stramm gescheitelt, der Leberfleck in der Stirnecke zeigt, wo. Dann den Frotteeschlafanzug mit den gutgelaunten großen Blumen anziehen. Wurstbrote und Limo zu Abend; wenn man bettelt, werden die Brote zu Reiterchen geschnitten. (Wer nicht weiß, was das heißt: die Stulle wird in mundgerechte Häppchen zerlegt – ein Liebesbeweis…) und das Blubberbläschenorakelspiel beschäftigt mich, bis es endlich 19.30 Uhr ist.
Und so, mit nassen Haaren, rauhem Frottee, hohem Blutzuckerspiegel und Zahnlücke endlich vor das Schwarzweißfernsehgerät. Irgendwas gibts da immer, jedenfalls im Rückblick. Hitparade zum Beispiel, deswegen komm ich ja drauf.

Nebenrede: natürlich war das eigentlich schlimm. Und keine Musikerziehung. Dieses Aufwachsen fern von Hochkultur. Aber:
Wir haben unseren Wortschatz erweitert. Unsere geographischen Kenntnisse. Das Wissen über die Liebe, die schon damals nicht leicht zu sein schien. Wir haben uns in Mnemotechniken geübt und können noch heute hunderte von Liedtexten auswendig. (By heart trifft es eher.) Wir wussten, dass es Akzente gibt, die das Deutsche verändern, klanglich. Und wir lernten zu unterscheiden. In wirklich schlimm und irgendwie toll. Wir verliebten uns zum ersten Mal (FrolleinFreitag in Chris Roberts ). Und: ich kann mich immer darauf rausreden. Sonst wäre sicher was aus mir geworden. Aber meine Quellen waren nun mal eingeschränkt, 1972.  Hitparade eben. Disco ’72. Erkennen Sie die Melodie (was außer meiner Lebensgefährtin und mir NIEMAND gesehen zu haben scheint, wie groß das Glück, jemanden zu finden!).

Ich beobachte übrigens bei den Spätergeborenen einen Hang zur Kompensation. Die fallen auf die Epigonen rein. Dieter T. Kuhn und sowas. Ich habs verglichen. Nein. Dabei stellt sich kein Samstagabendgefühl ein.
Aber wir, die wir dabei waren! Wir kennen das Glück vor dem  Schwarzweißgerät. Wir wissen, dass Deutschland in heller Kleidung spielt. Dass man Papa bei der Sportschau nicht stören darf. Dass der Internationale Frühschoppen mit seinen rauchenden Experten uns nicht lockt und wir den Vater sonntags freiwillig allein damit lassen können. Wir fahren mit dem Feuerroten Spielmobil (mit Herrn Montag!), wir kennen Ratz und Rübe wie unsere eigenen Zahnlücken. Wir haben die Sesamstraße noch original amerikanisch gesehen, nicht die weichgespülte Version der späten Jahre. Ich selbst halte by the way Oscar für den Gründer und Verursacher des Punk in Deutschland.

Aber zurück zum neuen Leben, darum gings ja.
was einmal war, ist vorbei und vergessen und zählt nicht mehr„, so das  Libretto des Jürgen M., und er hat UNRECHT.

1972 lebt. Für immer. Ich laufe heute durch mein hometown, das kaum noch wiederzuerkennen ist. Und schau, da hopst das kleine FrolleinFreitag zum Kolonialwarenladen an der Ecke. Es hat die rote Einkaufstasche in der Hand und es darf schon allein 10 Brötchen kaufen, obwohl keiner weiß, was das Wort Verkehrsberuhigung bedeutet. Und immer singt es Lieder (denn noch war es keinen Tag in der Schule, wo man ihm sagen wird, dass es Tonarten gebe, an die auch es sich zu halten habe, oder auf immer zu schweigen. Aber das ist eine andere Geschichte…)

Und darum singen wir heute Abend oder morgen früh. Alle. Laut und zur Not falsch. Schlager. Oder Schubert-Lieder, wers braucht.  Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch gut, im Altersheim sitzen wir sicher wieder samstags abends zusammen. Ick froi ma schon! lalalalalalaa…

Bitte um Zuschriften!

 

 

Gepappel

SA 5.30
SU 21.18
2 Bft aus Nordost

Fahrradfahren in Rheinhessen ist wie Fahrradfahren. Wenn man es mal gelernt hat, gehts immer.
FrauFreitag verbringt ihr Pfingstwochenende als Hundebetreuerin beim eigenen Hund. Die Familie spielt alle Jahre wieder Woodstock, die Kinder in Pluderhosen mit allerhand Schmuck behängt und schlammigen Füßen. Und der Hund bleibt an mir hängen, macht aber gar nichts, ich hänge ja auch an ihm und vermisse ihn meistentags. Heute kobolzt er wieder mit seinem Dauergrinsen neben meinem Rade her, wir fahren unsere Lieblingswege. Als sei nie was gewesen. War was?
Unter dem Pappelschnee knistern die Blätter des letzten Jahres. Obwohl mir 2, 3 Jahreszeiten hier fehlen, komm ich gleich wieder rein.

Nach vielerlei Gesprächen in den letzten Stunden in der ehemaligen Heimat komme ich zum Schluss, dass „zu Hause“ was mit Licht, Schatten, Geruch und Himmel zu tun hat. Nein, nicht damit, dass der LapTop sich automatically mit dem WLAN verbindet…

Zum Beispiel gerade: über dem vertraulichen rheinhessischen Grünbraun baut sich Schwüle auf, der Himmel behängt sich mit düstren Wolken, die garantiert keinen Regen bringen. Sie erhöhen nur den Druck. Die Wege stauben wie die Sahara, alles blüht und duftet, der Raps, der schon fast durch ist, gibt dem ganzen eine leicht faulige Note, aber auch Süße ist dabei. Am Wasser schwirren ungeheure Scharen von Libellen aller Art dicht über der Oberfläche und über den Wegen, sie erinnern mich an die Schwalben auf Hooge, wenn man dort mit dem Rad Insekten aufgestört hat, Blaue Stäbe, Doppeldeckerlibellen, überall ihr metallisches Surren. Ob andere Insekten unter dieser Art Fluglärm leiden?
Wir fahren bis zu einem verborgenen Lieblingsplatz, ich muss das Rad schieben durch bauchhohe Vegetation, es jenseits des Bächleins stehen lassen, aha, schauschau, da liegen Planken zur Überquerung bereit. Die waren vormals nicht da. Unter Pappeln und neben Schilfgräsern lagern wir uns hin, starren übers besurrte Wasser, der Hund badet ein wenig, ich nicht. Falle um, über mir Grün, der medizinische Pappelgeruch, der für mich zwei Welten  vereint, zwei heimatliche Orte: Rheinhessen und Moskauer Parks, auch ein Oberton von sibirischem Frühsommer ist darin, die PappelWatteBäusche am Ufer des Irtysch.
Ich bade in diesem Geruch. Begrabt mich unter Pappeln!
Topol‘ heißt das auf Russisch, ihr pappelig wisperndes Geräusch klingt darin.  Ach, herrlich. So liege ich ein wenig, der Hund wacht über meiner Andacht, ich fühle mich wie eine selbstaufblasende Isomatte….EINatmen…AAAAH. Ja. So bleiben. Einen Sommer lang. „Topol'“, wispert es in mein Ohr und ich brauche lange, bis ich alle Blättchen, Krümel, Ameisen und was noch alles aus meinen Klamotten geschüttelt habe. Wieder aufgeblasen radeln wir zurück.
Nach Hause? Egal. Jedenfalls mit Dauergrinsen.

Der Mai

Erich Kästner

Der Mai

Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.
Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.
Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein.

Die Apfelbäume hinterm Zaun erröten.
Die Birken machen einen grünen Knicks.
Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,
das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.

Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle.
Wir ziehn den Hut. Die Kutsche rollt vorbei.
Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.
O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!

Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.
Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.
Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.

Er nickt uns zu und ruft: „Ich komm ja wieder!“
Aus Himmelblau wird langsam Abendgold.
Er grüßt die Hügel, und er winkt dem Flieder.
Er lächelt. Lächelt. Und die Kutsche rollt.

 

Amca Wanja

SA 5.31
SU 20.35
3 Bft aus Südost
(Werte Berlin)

 

FrauFreitag war in Berlin und wollte auch mal wieder in #Kultur machen. Drum wurden flugs noch 2 Restkarten gekauft, und zwar obgleich Mai
(Mist, das poppt in meinem Gehirn auf und muss mit hier rein!
https://youtu.be/T930RZxoY4U, es geht leider nicht anders)
also [summend] obgleich Mai und überall Blütenpracht und volle Dolden und Vogelgezwitscher nicht für den Kirschgarten, sondern für Onkel Wanja. Falls jemand eben nochmal nachlesen möchte, was ich DRINGEND empfehle:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/onkel-wanja-3981/1

Primärtext. Immer wieder eine gute Sache.
Ich hatte ein bisschen Angst, tatsächlich. Zum einen haben sie im Gorki-Theater, einer der Orte von Liebe auf den ersten Blick für mich, vor einiger Zeit/Jahren nicht nur das reizende kleine Buffet auf die andere Seite geräumt, was ich an dieser Stelle anprangern möche, nein, viel schlimmer wurde darüberhinaus das R in GoRki umgedeht, um dem ganzen diesen dumpfplumpen Russenhipsterimpressionchic zu geben. Ich kann dit nich ab. Ich bin ExSlavistin. Ich kann so nicht arbeiten. Und die Bilder auf der InternetSeite sind sehr bunt. Und all das zusammengenommen hat mir Angst gemacht, dass man mir vielleicht den lieben Wanja kaputtinszenieren könnte. Mal am Rande: ich sah ihn mal auf Russisch. In Moskau. Im Kleinen Theater. In Originalkostümen…[bescheidenes Abwinken].

Wir also hin. Im Premierenkleid. Logenplatz. Hach, was für ein schönes Theater, und an das falschgeparkte Buffet kann ich mich zur Not gewöhnen. Und dann gings los mit türkischen Liedern, aber warum nicht, die waren ganz schön und Migration ist ja DAS Thema der Zeit.
Zeitlos hingegen die Themen Tschechovs. Ich bedaure es zutiefst, diesen Mann nicht zu meinen guten Bekannten zählen zu können. 1896 Uraufführung, die Themen genau so wichtig wie einst.
Das Leben, wie können wir es leben? Und die Liebe? Die Hoffnung? Die Kunst? Die Arbeit?
Ich habe mir die bereits erschienen Kritiken durchgelesen.  Theaterkritiker habe ich noch keine_n getroffen, den/die ich gerne zu meinen guten Bekannten zählen würde.

Ich ignoriere deren Meinungen großmütig. Ich hatte einen guten Abend. Die Schauspieler haben gespielt. Haben ihren Wanja, ihre Sonja, ihren Astov gezeigt.  Es war bewegend, komisch, albern, rührend, witzig und ein bisschen übertrieben. Genau wie das Leben. Ich glaube, Anton Pavlowitsch hätte es gefallen. Und mir auch.

 

 

Ast und Freitag. Zwei Namen, die Sie sich merken sollten.

SA 6.07
SU 20.42
2 Bft, heute ma von Süd

Nur für den Fall, dass  das mit dem Jackpot von derzeit 72 Mio. EUR am Freitag wieder nichts werden sollte  – was ich nicht glaube:

patizia

 

FrauFreitag ist von dem Gedanken an diese Serie ganz verzaubert. Mit dem geschätzen Kollegen Ast endlich groß raus zu kommen, toll.
Und meine Kinder 2 und 3 könnten nebenher die Texte schreiben, die kennen sich in dem Genre WIRKLICH gut aus. Filmrechte verkaufen! Die Trickfilmstaffeln 1-18 zu je 32 Folgen in SuperRTLRömischZwei macht der Ast in seiner florierenden Agentur selbst.

Ehe das alles ins Laufen kommt muss ich nur mal eben noch rasch nach Köln. Schriftsteller_innenkongress.

Aber dann!

Patrizia und Blebea

SA 6.09
SU 20.40
3 Bft aus West

 

Eine Überraschung war es nicht. Sie wusste es selbst als Erste. Und ich schon seit einer Woche. Die Gründe können vielfältig sein.
Der Tatbestand: eine Geschichts-Hausaufgabenüberprüfung, vulgo „Geschi H-Ü“.
Das Thema: Irgendwas mit Rom. Früher. Geschichte eben. (Nicht verwechseln mit Geschichten, Anmerkung FF)
Das amtliche Endergebnis: 0 Punkte (in Worten Null, in Zensuren 6)
Der witzige Hintergrund (Meinung FF): der Vater des Kindes ist gebürtiger Historiker mit Zertifikat.

Heute früh erreichte mich eine Mail des Geschiedenen Mannes und Kindsvaters. Beiliegend ein Foto-Dokument.
Kind 3 hat sich als wirklich mutig und, wieder Meinung FF, kreativ erwiesen. Von den Geschichten des alten Rom offensichtlich nur mal eben einmal am Rande des Unterrichtsgeschehens gehört habend, stellte es sich mutig der Herausforderung und antwortete auf mir unbekannte, aber sicher hinlänglich bekannte und öde Fragen nach dem Gehör.

IMG_2226

Sehr schön: der Folgstribun. Man folgt ihm nach.
Wohin? Woher? Und wer folgt? Quo vadis?
Das brennende Rom! Oh göttliche Flammen! Peter Ustinov – unvergessen. Ich finde, es sollte viel mehr Folgstribunen geben.

Und Blebea. Das ist die Freundin von Patrizia, die weiter oben im Lückentext erscheint. Ihre etwas dickliche und weniger gewandte Freundin/Gegenspielerin – je nachdem. Trotzdem sind die beiden unzertrennlich. Etwa wie Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina. Oder auch Hanni und Nanni. Im antiken Rom. Auch damals schon hatten Teenager ihre eigenen Schwierigkeiten. Wieso nicht eine Erfolgsreihe dazu schreiben? Verfilmen! Musikkassetten! Stapelweise Kassetten!!

Spontan fallen mir ein:

Patrizia und Blebea im Circus.
Patrizia und Blebea beim Pferde-Rennen.
(Upps, das waren die Marx-Brüder…)
Patrizia und Blebea und die Barbaren.
Patrizia und Blebea lernen Griechisch.
Patrizia und Blebea retten das Imperium.
Partizia und Blebea folgen dem Folgstribun.
Patrizia und Blebea schaffen die Sklaverei ab.
Patrizia und Blebea löschen das brennende Rom.

Und so Sachen.
Ich hätte dem Kinde dafür mehr als 0 Punkte gegeben. Aber ich bin ja auch keine Geschi-Lehrerin. Zum Glück.

 

 

 

Herzlichen Glückwunsch!

SA 6.20
SU 20.31
2 Bft aus Nordwest

Zweiundzwanzigster April.
Ein herrlicher Tag.
Lenins 145. Geburtstag.
Das weiß ich ganz genau.

Denn-
vor 20 Jahren war auch ein herrlicher Tag. Und Lenins 125. Geburtstag. Und der Geburtstag meines ersten Kindes, auch bekannt unter dem Namen Kind1.

Folgerung: FrauFreitag ist heute seit 20 Jahren Mutter, Kind1 wird heute 20, Lenin ist gar nicht mehr so präsent, wir lassen ihn jetzt  weg.

22.ste Aprile sind meistens schöne Tage. Vor 20 Jahren kam der Frühling mit Macht und während ich Marathon um die Klinik lief, sprangen die Kirschblüten auf, die Knospen der Bäume explodierten , ich habe das in den seltsamsten Haltungen am frühen Morgen beobachtet. Auf das, was dann kam, war ich – wie alle Frauen der Erde – nicht WIRKLICH vorbereitet, nur kognitiv, es war also durchaus überraschend.
Einen großen Teil des Tages verbrachte ich dann – ebenso wie heute- im Haus.  Und -ebenso wie heute- war die Arbeit gegen halb 5 nachmittags getan, die Freude die größte der Welt, Endorphine wo man hinsah und – fühlte, ich war sogleich bereit, das alles nochmal und nochmal zu erleben, was ich mir im Lauf der nächsten Jahre auch gegönnt habe. Und ich bereue keine Sekunde.
Das ist heute ein wenig gemäßigter.

20 Jahre sind eine nicht lange und nicht kurze Zeit. Das Kind ist jetzt groß und geht seinen Weg, er führt steil bergauf. Ich beobachte es stolz aus einer gewissen Entfernung, die Nabelschnur pulsiert leise weiter, ich vermute, sie wird das ewig tun.
Eine gewisse Entfernung auch zu den damaligen Ereignissen – faszinierend [mit Spocks Stimme], wie auch überwältigende Großevents vom Strom der Zeit rundgeschliffen werden.
Wenn man mich fragt – und das geschieht heute – wie ich mich fühle als 20jährige Mutter, muss ich sagen:

perfekt.

Die Geschichte hätte nicht besser verlaufen können. Ich bin stolz und glücklich und ein bisschen gerührt und sehr gespannt.
In diesem Sinne:
Herzlichen Glückwunsch, Kind1.
Danke für die großartigen ersten 20 Jahre.
Jetzt kommen die nächsten 80.

 

Frei. -tag

SA 6.45
SU 20.12
2 Bft aus Süd

Generell lehne ich es ja ab, allzu private Dinge an dieser Stelle zu berichten. Aber heute muss ich einen kleinen BesinnungsAufsatz schreiben. Das Thema:
Wie ich mich mal habe scheiden lassen:

Intro:
Alles ging FORMAL mit einem gelben Brief in meinem Postkasten los, der mir ausnahmsweise mal korrekt zugestellt wurde. Und zwar FÖRMLICH, wie darauf zu lesen stand.  Drinnen war eine „Ladung zu Scheidungs- und Folgesachen Kramer /Kramer im Amtsgericht A., Saal 114, 10 Uhr 45 [s.t.]“. Darin wurde ferner mein persönliches Erscheinen ANGEORDNET, sonst Geldbuße ab 1000 EUR etc.

Da ich selbst als Antragstellerin ein gewisses Interesse an meinem Erscheinen hatte, beschloss ich, zugegen zu sein. Gestern ging ich zum Friseur.
Am Abend erörterten die Lebensgefährtin und ich die Kleiderfrage, die, wie erwartet, zugunsten des neuen kleinen Schwarzen entschieden wurde. Drunter musste es auch hübsch sein. Irgendwie wäre mir, für besseren Halt, auch nach Stützstrümpfen gewesen, es musste aber ohne gehen.

Am Scheidungsmorgen erwacht FrauFreitag mit Heuschnupfen. Die Nacht war unruhig. Es sind einige Restaurierungsarbeiten nötig, aber am Ende verlasse ich pünktlich und dezent geschminkt die Stadt und fahre mit der Eisenbahn zum Gerichtsort. Unterwegs das schöne Rheinhessen, das sein Frühlingskleid trägt und in all seiner Langweiligkeit heute einfach gut aussieht. Darin ähneln wir uns und ich fühle eine tiefe Verbundenheit zu meiner Heimat.
Ich erreiche den Gerichtsort lange vor Prozessbeginn, setze mich mit Kaffee und Rosinenbrot in die Sonne, arbeite als Fotografin mit Mobiltelephonen von Passanten und mache sehr schöne Bilder von Kleinfamilien vor malerischen Hintergründen. Die freuen sich sehr.
In einer Apotheke versorge ich mich mit Allergiemitteln, der freundliche Apotheker reicht mir das Wasser. Ein schöner Tag zum Scheiden, denke ich. Alle scheinen prächtig gelaunt, die Sonne strahlt, das Städtchen auch, es wirkt wie eine Idyllenkulisse in einem Erich-Kästner Film, 1952.
Ich suche das Amtsgericht, finde es und staune. Eine Burg. Herrlich ist es. Immer noch Zeit genug habend, sitze ich im Innenhof, bedenke das Leben im Allgemeinen und Besonderen, bins zufrieden und erwarte dabei minütlich eine Busladung japanischer (oder anderer) Touristen in den Innenhof strömen zu sehen, weil es gar zu putzig ist hier. Die Kamera habe ich in all der Aufregung leider vergessen.
Die Touristen kommen nicht, statt dessen der Nochgatte. Gemeinsam entern wir das historische Gebäude und wundern uns, dass wir in diesem entsetzlichen Mainzer Rathaus heiraten mussten und jetzt in diesem prachtvollen Ambiente geschieden werden. Man kann sich darüber ohnehin nur wundern.

An dieser Stelle möchte ich doch kurz das ganze Scheidungsprocedere anprangern. Ich persönlich finde es unnötig, dass man derartig verfahren muss. Im Russischen sagte man  – zumindest früher – „wir haben uns zusammenschreiben lassen“ zur Hochzeit. Und zur Scheidung folgerichtig „wir haben uns auseinanderschreiben lassen“. So gehört sich das, wenn man nicht das große Programm mit Gott und bis dass der Tod und so haben will.  Diese systemimmanente Kriminalisierung, diese hohen Strafen, die man zu zahlen hat, finde ich demütigend. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen.

Nebenrede: Natürlich kenne ich alle Argumente, die grundsätzlich die Ehe in Frage stellen, sie waren mir dereinst egal, nein, lachend habe ich mich über jede Vernunft hinweggesetzt. Aber lassen wir das. Man wird ja klüger. Oder abgeklärter. Gut, zumindest älter.

Im Gebäude wird es spannend. Ich bekomme auf dem Gang zwei Komplimente wegen meines Mantels von Unbekannten. Danke! Ich finde die Farbe auch phantastisch (Koralle).
Dann Auftritt meine Anwältin. Sie findet meine Frisur (s.o.) toll. Danke abermals. Gutes Aussehen ist schon wichtig in manchen Situationen im Leben einer Frau.
Es herrscht gespannt-entspannte Atmosphäre im Neonlicht des Ganges vor Saal 114. Wo bleibt der Anwalt der Gegenseite? Da kommt er, 1 Minute vor Beginn der Sitzung.
Die Anwälte werfen sich ihre anachronistischen Roben über, die Richterin trägt sie bereits, wir sind die 4. oder 5. Partei an diesem herrlichen Vormittag.
Mir wird klar: ich war noch nie vor Gericht.
Die Richterin sitzt am Fuß eines Us, rechts die Antragstellerin (ich) neben der RAin, uns gegenüber die Jungs, also der Beklagte und sein Verteidiger. Draußen rheinhessische Landschaft hinter Kleinstadt im Frühlingsdunst. Ich entscheide mich für den Blick in die Ferne, während die Richterin in ein Mikrofon einen festen und ebenso fernen Text abliest, sie spricht Absätze aus, was mich fasziniert und befremdet. Absatz.
Manchmal muss ich „Ja“ sagen oder nicken. Nach 12 Minuten sind wir geschiedene Leute. Es hat nur ganz kurz gepiekt.
Dann fahre ich im Jaguar meiner Anwältin zurück in die Landeshauptstadt, es sitzt sich auch auf der Rückbank recht komfortabel. Am Stadthaus stehen Hochzeitspaare draußen, Reis und Rosenblüten, man freut sich sichtlich und soooo schönes Wetter.
Ich gehe in den Betrieb und köpfe mit den Kolleg_innen den Sekt und esse wie auf einer Beerdigung gegen alle Schwächeerscheinungen an.

Geht doch. War aber trotzdem das letzte Mal.
Jetzt also wieder Frollein. Freitag.

 

PS:
Geschenke, Glückwünsche etc. gerne jederzeit an mich. Oder Kommentare hierher. Wird eh etwas dünn in letzter Zeit.
Danke, Danke, Danke!