Fraulautern

SA 8.01
SU 16.29
3 Bft aus Nordost

Schon sind 6 Wochen vergangen und der nächste Teil der Fortbildung im Saarland steht an. FrauFreitag versucht also abzureisen, hockt im Nebel auf kalten Bahnsteigen und beobachtet die Störungen im Betriebsablauf. Schön, dass nicht nur ich die habe!

Irgendwann gehts aber doch los, es ist kuschelig warm im Zug und ich schlafe auf der Stelle, nein, fahrend, ein. Als ich wieder aufwache bin ich schon im tieferen Südwesten angekommen. Es ist trotz der trüben Aussichten wirklich ein schönes Stückchen Welt, denke ich. Das sollte man mal Leuten zeigen, die glauben, unser Bundesland sei nur eine Ansammlung von Reben. Und irgendwann bricht in der Gegend der saarländischen Grenze so plötzlich die Sonne durch, dass ich erschreckt die Augen zusammenkneifen muss. Zonenrandgebiet. Dann Saarbrücken, Umstieg, wieder Anschluss verpasst, diesmal bin ich schon davon ausgegangen. Der Nachteil ist, dass ich jetzt in den übervollen Schülerzug gerate. Der Vorteil: ganz viele Leute sprechen auf einmal Französisch. Ich stehe also in einem Gedränge, das der Berliner U-Bahn in nichts nachsteht, fahre durchs Randgebiet, lausche, was andere erzählen, sehe mir mal wieder die Wiege deutscher Stahlproduktion an und versuche möglichst gar nicht zu atmen, denn einer hier riecht wirklich nicht gut.

Wieder muss ich Saarlouis raus, diesmal aber in den Stadtteil Fraulautern, also nach links. Was mir nicht klar war, aber sofort wird: hier ist es WIRKLICH furchtbar. Nicht, weil es provinziell oder so ist. Nein. Ich muss mit meinem Köfferchen eine Bundesstraße entlang, darauf befinden sich schätzungsweise 6/7 aller saarländischen Automobilisten. Neben der Straße liegen kleine Industrie-und Gewerbegebiete, von denen ich nicht sicher sagen kann, ob sie noch in Betrieb sind. Ein „China-Imbiss“ mit abgeschabten Kanten. Ein Wurststand, an dem sich Bauarbeiter mit Wurst versorgen. Der Wind von vorne ist so kalt, dass ich „Winter“ denke. Ich frage mich, was hier die richtige Filmmusik wäre. Eine gläserne, verzerrte Gitarre? Ein erkältetes Saxophon? Dubstep? Alles zusammen!
Sonne hat sich auch schon wieder verborgen. Links steht eine riesige Wolke aus Stahlproduktions-Kondenswasser am Himmel und verdunkelt ihn. Ich pfeife durch die Zähne und finde das alles ganz cool – dann erreiche ich auch schon mein Hotel und bekomme doch ein wenig Angst. Es heißt „Zur Post“ und ich glaube, die meinen es ernst. Die Türöffner sind 70erJahre-gelbe Posthörner, überstrichen. Das war mal ne Post, ich schwörs. Ich muss klingeln, aus der Dunkelheit kommt wer und öffnet. Am Tresen steht ein Typ im karierten Holzfällerhemd, schwarz-weiß, trinkt Dosenbier und raucht. Das Personal hat russischen Akzent und führt mich weg. Nach oben, wo das Zimmer ist. Im Flur ist es sehr warm und riecht trotzdem nach kaltem Rauch, keine Ahnung, wie die das hinkriegen. Teure Antiquitäten im Treppenaufgang, echt schöne Schränke, vermutlich unverrückbare Immobilien. Ganz oben ist es. Nummern gibt’s nicht. Ein herrliches Einzelzimmer, Blick über die Gewerbegebiete zum Hochofen. Wenn man aufs Klo geht und die Tür auflässt, kann man die Kondenswolken sehen. Simone de Beauvoir hat ja auch immer im Hotel gewohnt, vielleicht sollte ich fragen, ob ich länger bleiben kann? WLAN geht. Es gibt keine Kleiderhaken, im Schrank eine Stange, aber keinen einzigen Bügel, also werfe ich meine Jacke auf den Boden, logge mich ein, organisiere mich und gehe fort, zur Bildung.  Auf dem Weg dahin, immer schön an der Bundesstraße lang, sehe ich einen älteren Mann, der die Straße vor seinem Haus mit einem nassen Lappen reinigt und bin beeindruckt. Das war, so dachte ich, ein Gerücht, das die Russlanddeutschen sich über uns erzählen…nee, ist echt! Hier könnte man jede Ecke photographieren und das Ergebnis „Deutschland“ nennen. So lehrreich!

Am Abend dann ist die Bildung vorbei. (Zeitsprung)
Ich falle auf DIE dunkle Straße und habe Hunger. Gegenüber blinkt „open“, sieht aber irgendwie unsauber aus. Aha, da ist noch was:
Ich betrete die Pizzeria „Sonneneck“. Nicht etwa „Solino“ oder „O sole mio“,  nein. „Sonneneck“. Alle Stühle sind mit Santa-Claus-Mützen-Hussen versehen. Ich setze mich einfach auf die Bank. Auf der rot-weiß-karierten Tischdecke steht ein ca. 25 cm hoher Weihnachtsbaum. Einige seiner Spitzen glühen LED-farbwechslig. Rot-Grün-Lila-Pink-Weiß-Blau. In der Ecke brennt ein elektrischer Heizofen. Ich bestelle ganz schnell einen Salat und ein Karlsberg. Nach 10 Minuten: „Bitburger?“ „Nein, Karlsberg, bitte. Ja, und einen Salat. Bitte.“
Mist. Sollte eigentlich mein 3. Tag ohne Alkohol werden. Naja, dann morgen. Am Tresen auch hier ein einsamer Wolf im karierten Hemd. Ich seh schon Karos überall. Am Nebentisch ein älteres Paar mit genau gleichen Frisuren: weiß, halblang. Ich vertreibe mir die 40 minütige Wartezeit mit Lauschen, natürlich mit großen Dialektologenohren. Hammerkrasse Sprache hier. Was die mit den starken Verben machen, ist einfach irre. Es füllt sich mit Saarländern um mich rum, klar, schließlich ist auch hier FreitagAbend. Fragt mich mal!

Der Salat war übrigens dann doch lecker, irgendwann. Ich bin trotzdem froh, wenn ich morgen hier wieder weg komme. Dabei: jetzt ists ja dunkel. Wenn ich den Blick hebe, seh ich nur ein paar Lichter in der Weite hinter der Bundesstraße, die Schreibtischlampe und meine Brille in der Fensterscheibe reflektieren. Könnte fast Simone de Beauvoir sein…

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