Pfaueninsel

SA 7.34
SU 16.09
2 Bft aus Nordwest
(Werte für Berlin)

Ich reiße mich also los und fahre nach Tempelhof. Fahren ist einfacher als Losreißen, das mach ich ganz gut. Vom Nollendorfplatz links runter in die U1 Richtung Warschauer Str. Vorbei am Gleisdreieck, das hübsch in der nieseligen Novembersuppe liegt. Schon bereue ich es, die warmen Sachen angezogen zu haben und breche in Schweiß aus. Hallesches Tor steige ich um. Viele Treppen runter, geht schon wie gelernt. Jetzt U6 Richtung Alt-Mariendorf, nicht Tegel, das war gestern. Mein Kopf schwenkt mit auf Süd und richtet sich nach Tempelhof aus. Paradestraße, hallo! Wie oft bin ich hier mit beschwerlichen und beschwingten Gedanken langparadiert? Schon öfter jedenfalls. Es regnet wie gewöhnlich stark bei ca. 5° und der U-Bahn-Schweiß fühlt sich jetzt kalt an.
In der Küche des Freundes werden die aktuellen Ereignisse rasch und ungenau zusammengefasst. Das muss erstmal reichen, ich weiß doch selbst nich. Außerdem müssen wir jetzt endlich los. Schon vor Wochen bekam ich die Aufforderung, DIE PFAUENINSEL zu lesen, zu memorieren und heute wieder mitzubringen. Los gehts, aber der Benz ist auch nicht mehr, was er war und weder Lüftung noch Heizung wollen heute recht funktionieren und ich bereue es bald, keine langen wollenen Unterhosen zu tragen und spätestens in Potsdam bin ich überzeugt, diese Woche noch eine Lungenentzündung zu bekommen. Oder Tuberkulose. Schön ist das aber hier, mit dem alten Reitweg Unter den Eichen und der ganzen Preußigkeit um einen herum. Völlig unterkühlt kommen wir alsbald an am Wirtshaus zur Pfaueninsel, das ich nur jedem herzlich empfehlen möchte. Herrlich an der Havel gelegen, die hier, glaube ich, in den Wannsee übergeht – war das so?? – kann man sofort einkehren, obwohl man noch gar nicht gewandert ist aber trotzdem schon hungrig, ja geradezu disparat verhungert und erfroren von der Fahrt in der Kutsche und all den übrigen Anstrengungen. Zander steht auf der Speisekarte, im Kamin springt ein munteres Feuer, nur ein weiterer Tisch ist besetzt, die Kellner berlinern korrekt, der Blick geht hinaus ins Novembrige, Gelb ist die leuchtende Farbe auf der Palette. Schultheiss-Werbung umfängt einen wohlig, Bier ist aber wirklich das letzte, was FrauFreitag jetzt möchte. Die trinkt fürderhin nur noch Champagner.
Also gemütliches Auftauen und Suppe und bergeweise Fisch und Spinat, man isst hier gar nicht schlecht und es fühlt sich an wie ein Ausflug in eine sehr unbestimmte Vergangenheit bei traulich-vertraulichen Gesprächen, an Stoff ist wahrhaftig kein Mangel.
Plötzlich aber hat die Gemütlichkeit ein jähes Ende, denn die Fähre fährt und die Zeit verrinnt und die Dunkelheit ist schon seit dem Morgen zu ahnen und wir müssen uns endlich auf die Spuren des Schlossfräuleins begeben und übersetzen. Die offene Flusslandschaft ist so wundervoll, ich frage mich, ob es vielleicht gar nicht unbedingt das Meer sein muss, ob eine wässrige Weite das Wesentliche ist. Aufs Wasser starrend lausche ich in meinen Inneren Blog und muss lächeln. Die absolute Gewissheit des SonntagskindSeins.

File:Fähre Pfaueninsel 01.JPG

Denn mal los, Fährmann, setz er über! Hallig ganz nah für ein paar Sekunden, das Schwanken, der Diesel, das Schwappen, die Kälte, nee, lächerlich, die s.g. Überfahrt dauert 2 Minuten, man hätte auch schnell übers Wasser laufen können, ich hätte das heute geschafft. Aber welche Schönheit enthüllt sich uns da?!

Ich möchte behaupten, es gibt keinen besseren Tag für einen Besuch hier als einen trübnasskalten Novembertag. Erstens: wir sind allein. Ich kann mir wohl vorstellen, dass dies Eiland im Sommer einem Vergnügungspark ähnelt. Zweitens: Im Novemberlicht, bzw. bei der relativen Abwesenheit von Licht sieht alles ungeheuerlich verzaubert aus. Die Pfauen, die Farben ihres Gefieders. Die Spatzen im den Sträuchern, die Fasanen in der Voliere. Die seltsamen Gebäude, von seltsamen Königen zu seltsamen Zwecken dekoriert. Das Laub auf den Wegen, die lieblos maschinell geharkt daliegen. Es fehlt die liebende Hand. Meine nämlich. Hier könnte ich mein Glück finden, das ist sofort klar.

Im Rosengarten finde ich eine letzte weiße duftende Rose, klein und angefressen, ich breche sie, sie ist ein Geschenk, wickle sie sorgsam ein, vielleicht bringe ich sie nach Hause, irgendwie.
Ungeheuerlich die Bäume, die alten, von Linée gepflanzten Eichen, viele tot, zerfallen, hohl.  Zauberisch ist gar kein Wort dafür und ich frage mich, was manch guter Photograph hier für Bilder machen könnte! Versuche, alles im Kopf abzuspeichern, obwohl ich schon weiß, dass mir das nicht gelingen wird und heute umso weniger. Die Pilze an den Rinden, die Farben, die Tropfen, die ins Grau gereckten Äste, die Formen, die mich an Walt Disney’s Schneewittchen erinnern. Wir durchstöbern die Insel im Sturmschritt, laufen uns warm, finden alle Orte des Romans, aber heute scheint es mir hier so poetisch, dass ich die literarische Vorlage tatsächlich nicht mehr wichtig finde. Man sollte weniger Lesen, wenigstens ab und zu. Als das Licht zusehends schwindet, treten wir die Rückfahrt an. Ich erkundige mich sofort beim Fährmann, wie das mit freien Stellen aussieht, und was man tun muss, um dort drüben wohnen zu dürfen. Man muss sich bewerben bei der Stiftung. Dit mach ick, denk ich mir. Wenigstens mal schauen…

Zurück gehts, der großen Stadt entgegen, unterwegs in Dahlem noch ein Stopp, um Heiligers Werke anzusehen, seltsam dies plötzliche Interesse für Stahlplastiken, finde ich, und dann sagen sie mir auch nichts, grobe nasse Maschinenteile, die im Garten eines phantastischen Atelier-Gebäudes stehen. Vielleicht bräuchte ich eine Erklärung dazu.

Nochmal schnell Berlin, Verkehr, Autos, Wahnsinn, Lichter der Großstadt, Brandenburger Tor im Nebel an Konturen gewinnend, Hauptbahnhof, Abreise, Reise, Ankunft…

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