#Badesee, 1

Es gibt in der Familie die Tradition der „Undeinmalgeschichte“. Diese sind keine wirklichen Kurzgeschichten und auch keine Novellen, es sind Polaroids, allenfalls kurze Aufnahmen in Superacht. Man darf sie gerne immer mal wieder erzählen, sie sind Teil der persönlichen oral-history. Sie beginnen immer mit den inhaltsschweren Worten „Und einmal…“ und spielen in der fernen, der noch fernereren oder der näheren, schon gemeinsamen Vergangenheit.

„Mama, erzähl eine Undeinmalgeschichte!“, krähen manchmal die FrauFreitagKinder. Und man kann ein ganzes miesgestimmtes Abendessen rausreißen, indem man zum Beispiel zum 100sten Mal erzählt, „undeinmal hat meine Schwester beim Essen immer, also nicht nur einmal, immer den Kartoffelbrei durch ihre Zahnlücke wieder rausgequetscht. Nur um mich zu ekeln und immer so, dass die Eltern das nicht mitbekommen haben…“ Wenn ich dann noch in Stimmung bin, Dialoge im Original-Dialekt wiederzugeben, hängt die Brut offenen Mundes und begeistert an meinen Lippen, denn im Gegensatz zu den armen Kleinen ist FrauFreitag zweispachig. Gern schließt ein kleiner dialektologischer Exkurs die Geschichte ab.

Ich möchte an dieser Stelle zwei Undeinmalgeschichten erzählen, die inhaltlich verknüpft sind und daher beide unter #Badesee in die Welt kommen sollen.

1. Für A. und P.
Undeinmal waren wir bei unseren Freunden im Badeseeland zu Besuch. Es war hoher Sommer, ein schwüler Nachmittag, die Wäsche, die A. und ich hinten im Garten aufgehängt hatten, hing schlapp. Das gemeinsame Aufhängen von Wäsche ist, ebenso wie das nächtliche Zähneputzen, greifbarer Ausdruck unserer Freundschaft.

 

Die Wäsche also hing schlapp, wir auch. Ein Gewitter hing ebenfalls, und zwar drohend in der Luft, ich fühlte mich wie in einem Tschechov Stück, welchem nochmal?: „es ist schwül. Es wird sicher regnen…“.
So beschloss die Gesellschaft, dann eben mal jetzt noch schnell, wenn aber dann gleich, weil ja Gewitter angesagt ist, doch noch mal kurz an einen der zahlreichen Badeseen zu fahren, den weiteren mit dem schönen Blick.
Aufi gehts, wir werfen Handtücher und Kinder und A.s Papa in diverse Autos und fahren los durch den Badeseeländischen Sommer, Maisfelder, Blau-Weiß, Musik volle Pulle.
Angekommen am schönen Ort! Die Jugend steht erstmal Schlange vor der einzigen Umkleidekabine. Diese Jugend! Dann planschen wir ein bisschen rum. Ich schaue 360° – Postkartenidylle!
Doch was ist das? Ist es ein schmutziger Bär von geringem Verstand mit einem Ballon in der Hand, um die Bienen zu täuschen? Nein! Es quellen allmählich dunkle Wolken auf.

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Auf diesem Bild sieht man, wie wir -mehr oder minder sorgenvoll – Ausschau halten…

Wir paddeln ein wenig weiter, aber hierzulande quillt es schnell und plötzlich ist es ziemlich dunkel.

P. ist ortskundig. Gelassen steht er neben mir im Wasser und sagt mit tiefer, beruhigender Stimme „DA KOMMT NICHT VIEL“…

Ich rufe trotzdem meine Küken aus dem Wasser und wir rennen geschwind zu den Autos, Faradaysche Käfige, (-> eine andere Undeinmalgeschichte, #München 1972, Deutsches Museum) und lassen darin das Gewitter über uns ergehen. Wir, die wir aus milderen Gefilden kommen, staunen ob der Gewalten und denken nur „aha, dazu sagen die hier NICHT VIEL…“. Auf der Heimfahrt, es hat jetzt doch merklich abgekühlt, wünschen wir uns ab und an schon mal ein Amphibienfahrzeug.
Wir sehen unterwegs

    • Fahrzeuge im Graben
    • liegende Maisfelder
    • Straßen unter Wasser, tief
    • Astbruch, reichlich
    • zerstörte Bauerngärten
    • Berge von Hagelkörnern, die tapfere Bewohner des Landes mit Schneeschaufeln heranbringen
    • Feuerwehren im Einsatz

Zum Glück hat A.s kluger Sohn die Wäsche abgehängt, rechtzeitig. Also alles in Ordnung!

Wenn wir in dieser Runde heute zusammenkommen, sagt eine_r ab und an unvermittelt nach einem Blick zum Himmel (geht auch drinnen) „Da kommt nicht viel…“

Ein Gedanke zu „#Badesee, 1“

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