Planwirtschaft, ein Aspekt

Vorwort:1. Der folgende Text ist schon ein bisschen älter. Ich finde ihn aber gerade passend.  Man erkennt das Alter des Textes z.B. an der Formulierung „mein Mann“. Das heißt heute Exmann. 2. Der Text ist mit einem schweren Kater geschrieben worden.3. Außerdem muss ich die Leser warnen. Es werden pikante und wahre Details aus einem früheren Leben berichtet. Das müssen Kinder zum Beispiel nicht lesen. Und auf keinen Fall zu Hause nachmachen!

 

Und jetzt kommt der Text:

Es muss am Raki liegen, dass ich mich heute so schwach und wacklig fühle.

Andererseits: als wir um acht gestern Abend losgingen, wollte ich eigentlich viel lieber ins Bett, weil ich nämlich schon seit fünf auf war. Es war außerdem Mittwoch, der schlimmste Tag in der Woche.

Das Wort „Lebensplanung“ geht mir in all der Wackligkeit heute nicht aus dem Kopf. Darüber hatten wir ja schon auf dem Weg geredet. Dass mein Mann glaubt, dass wir alles falsch gemacht haben, was ich so wahnsinnig hasse, weil ich davon das Gefühl bekomme, alles falsch gemacht zu haben. Kein Haus gekauft. Kein Nest gebaut. Immer Kompromisse und Provisorien.

Lebensplanung.

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen.
Ich habe einen Essensplan in der Küche. Darauf stehen Essen, die es in der Woche wahrscheinlich geben wird, wenn ich es mir nicht anders überlege. Darum schreibe ich immer drunter: „Kurzfristige Änderungen vorbehalten“. Es gibt außerdem einen PLAN, der festlegt, wer diese Woche den Müll rausbringt und wer sich um das Vorhandensein von Getränken kümmern soll. Damit versuche ich, diversen Streitereien vorzubeugen. Und den Überblick zu wahren, was nicht immer leicht ist.

Ich hasse Pläne eigentlich (außer wenn ich sie übererfüllen kann). Die Zettel an meinem Kühlschrank stürzen mich manchmal in eine tiefe Seinskrise. „Essensplan“, denke ich dann mit Schaudern.
Aber Lebensplan?

„Unser Lebensplan  (oder war es –planung?) ist eben so. Deshalb müssen wir das auch gar nicht diskutieren“

Ein starker Satz. Haben die gesagt, die auch noch da auf der Geburtstagsfeier waren. Natürlich ging es um das schöne Thema Kinderfremdbetreuung. Ganztagsschule und so Dinge. Achje.

Ist das eine Aussage. Stellen wir uns das vor! Da setzt sich ein junges, verliebtes (?) Paar hin und macht seine Lebensplanung. So wie wir unseren Essensplan. Am Küchentisch vielleicht. Da sitzen sie und planen.

Ich habe alles falsch gemacht.

Nie am Küchentisch den Lebensplan geschrieben. Dafür habe ich jahrelang meinen alten Küchentisch vor dem Sperrmüll gerettet. Wie könnte ich ihm das antun, Zeuge so vieler Szenen der er war? Er hatte zum Beispiel schon immer genau die richtige Höhe, um sich darauf zu setzten, die Beine anzuziehen und sich vögeln zu lassen. Man konnte sich auch mit dem Bauch drauflegen und den Rock heben. Zur Abwechslung. Und hinterher war man schon da, um an ihm was zu trinken. Wodka und Kräutertees.  Man konnte auch Rauschgifte probieren und hoffen, dass ihre Wirkung schnell aufhört. Ich erinnere auch auf ihm liegende Köpfe mit weinenden Schultern, weil die Zeit der auf diesem Küchentisch geschobenen Nummern nun m.E. definitiv vorbei sein sollte.

Und manchmal saß man nur so dran, um z.B. was zu trinken, und dann musste man mal drüberstreichen und lächeln.

In einem anderen Leben habe ich gern die kleinen Kinder mitten auf den Tisch gesetzt. Das war nämlich die Insel, auf der man gestrandet war, während die Mutter die Küche putzte. Oder das Schiff. Auf dem man den Ozean überquerte, während die Mutter die Küche putzte…

Millionen Bilder sind an ihm gemalt worden, Saftbecher ausgeschüttet, Popel drunter geschmiert, Kastanienmännchen gebastelt und Plätzchen gebacken. Dabei wollte ich nie unbedingt Kinder haben. Also das war nie in meinem Lebensplan. („Kurzfristige Änderungen vorbehalten“).

Sitzen die also da und machen den LEBENSPLAN. Oder haben sie das postkoital im Bett erledigt? („Schatz, willst du eigentlich lieber arbeiten gehen, oder zu Hause bleiben?“ „Och, eigentlich lieber zu Hause bleiben.“ „OK, ich schreib das auf. Dann müssen wir das später nicht mehr diskutieren. Das beugt unbedingt Streitereien vor.“)

Was hätte aus mir werden können, wenn ich den Küchentisch nicht immer so zweckentfremdet hätte? Mindestens Ministersgattin. Oder doch Ärztin?  Irgendwas Richtiges.  „Klar weiß ich, was ich will!“

Vor einiger Zeit sind wir umgezogen. Es gab einen neuen Küchentisch, der ist ganz hübsch und wir werden uns schon aneinander gewöhnen. Mein alter steht im Keller. Es durfte nicht auf den Sperrmüll. Ich finde, es ist ganz genau der richtige Tisch, um für geliebte Gartenarbeiten benutzt zu werden. Da kann man immer mal lächelnd über ihn streichen…Schließlich hat er seine Sache immer gut gemacht. Was ich von mir nicht durchgehend behaupten möchte.

Was habe ich eigentlich so für eine Lebensplanung gehabt? Wollte ich eigentlich schon seit  fünf auf sein und mich um acht zu müde fühlen für einen Geburtstag? Sicher auch so eine kurzfristige Änderung.

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