Im Kleingartenverein oder deja vu

SA 6.19
SU 20.42
3 Bft aus SW, in Böen 6-7, schon ganz ordentlich

Frau Freitag is wieder back in town und trinkt Ramazotti Lemon auf Eis. Weil sie zu viel gegessen hat. Reste.
Was warn so los?
Alles und nüscht. Alltagspsycho-Opern. Menschen sind aber auch schwierig, selbst wenn sie Familie, die eignen Kinder, also beinahe mein Fleischundblut sind. Und das ganz ohne Pädagogik-Hintergrund oder Erzieherinnen-Erfahrung.
Dass wir uns da mal gleich richtig verstehen: die sind a priori Spitzenklasse, alle drei. Aber.
Ach, wem erzähl ich das. Haste welche, isses schwierig, haste keine, isses auch nicht recht. Einzelkinder klagen an, Geschwister schlagen sich die Köppe ein. Nu schön, jetzt ist ja erstmal wieder kinderfreie ZeitZone hier und ich lass mal sacken. Eins. Zwei. Drei…Vermisse sie schon, is verdammt ruhig ohne Kriegsgeschrei als Background-Chor.

Gestern hat der Kollege seinen 50sten gefeiert. So was passiert immer häufiger und es ist ganz normal, da hin zu gehen. Es geht in die Kleingartenkolonie „Römersteine“, ins VEREINSHEIM. Jaja. Schon der Weg dahin. Vom feinsten. Bahnhof, hinten raus. Früher gabs da die Unterführungen, eine blau, eine pissgelb. War auch der Weg ins städtische Freibad…ach, wie oft is man da lang! Als die Sommer noch… in den 70ern, und das war auch ein Weg zur Universität, aber das war später, da waren die Sommer schon mehr 90er und die Typen hatten alle Ohrringe und enge Hosen an. Überhaupt. Wie sahen die Jungs eigentlich aus? Gabs da keine Fitnessstudios? Die waren einfach-schlank. Guckt mal Videos, z.B. von Spliff. Da kann mans genau sehen. Bauarbeiter hatten Muskeln, die normalen Jungs waren dünn und hatten Haare und Ohrringe. Denk ich, als ich da lang gehe, obwohl die Unterführungen jetzt so Lavendelhügeln gewichen sind. Lavendel ist ja sehr schön, wenn er so blüht und das ganze Blau…trotzdem, irgendwie lifestyle-yuppie-Kacke
„…wir warten, dass die Zeit vergeht…“, Spliff, Deja-Vu. Mit diesem Riff im Hirn bergan und dann über die Brücke zum Friedhof, am alten Krematorium vorbei (”die Zeit kommt nie zurück…“) die prächtige Allee lang, an den Kriegsgräbern oben weiter…so vertraut wie mein alter Spielplatz. Stadtkinds Vorgarten, da hab ich mit der Oma immer gegossen, wurde zur Pazifistin erzogen, gruselte mich, da dechiffrierte ich alte Inschriften…jetzt liegt die Oma auch links unten, ich gehe nicht vorbei. Das Grab gehört übrigens mir, das ist ne andere Geschichte, jedenfalls, ich könnte noch hierher, wenn ich mich beeile, obwohl der Friedhof keine Grundstücke mehr verkauft. Will aber nich. Ich muss ja jetzt sowieso zum Kleingartenverein, dahin führt ein echt mit Historien gespickter Weg. Jetzt erscheint das Hildegardis-Krankenhaus backbord voraus. Da bin ich geboren, im Altbau, logisch. Da hab ich selbst Kind1 (17h) und Kind3 (5 min) in die Welt geschickt, da ist außerdem HerrFreitag gestorben. Wenigstens mehr Leben als Tod, denk ich noch. Jetzt aber in die Laubenkolonie! An Hans Rosenthal muss ich auch immer in Kleingärten kurz denken, der sich ja in einer Berliner Laubenkolonie versteckt hielt, eine echte GESCHICHTE, und an meinen NaziOpa, der über diesen Hans Rosenthal immer mir als Kind völlig unverständliche Bemerkungen gemacht hat, die von Rest der Familie beim Dalli-Dalli-Abend niedergezischt wurden.
Alle Arten Garten da. Schöne und gruselige, die vom Opa sein könnten. Gartenanlagen, ein FrauFreitag-Hobby. Überall Sonnenblumen, Äpfel, Kürbisse, Dahlien aller Farben…Vülle. Prachtvoll. Vereinsheim. Auch Prachtvoll. Viel Holz, Boden grau-rot-blaue Linoleum- Fliesen, 50 mal 50, wie in Omas Küche. Noch viele andere schöne Sachen gibts da, aber wir sind ja nicht ins Gebrauchskunst-Museum gegangen, sondern aufn Geburtstag. Also. Gin-Tonic. Das ist bekömmlicher als Wein, schöner auch und ich sage dem Bar-Keeper gleich, dass ich nur 2 trinke. Einen dritten soll er mir nicht machen. Da kann ich ihm sicher vertrauen. Stattdessen mischt er mir den ersten wie drei, sollte wohl ne Schorle werden…so wird der Abend in seiner Kürze ganz lustig. Der Schrebergarten des Geburtstags Kindes nebst Laube katapultiert mich olfaktorisch-radikal in die Datscha in Barvicha, Moskovskij Rajon, 1991, oder Russland, 19. Jh.
Äpfel, Kartoffeln, feuchte Wände. Da würde ich wohl für den Sommer einziehen…
Himmel, was für Assoziationen man auszuhalten hat, wenn man in die richtige Gegend kommt. Den Rest des Abends finde ich den schönsten Platz immer wieder an der Theke. In Sicherheit. Da kann man dem Service auf die Finger schauen und vom eigenen Lokal träumen. Vielleicht doch? Zur Vleischwurst. Oder Bei Ingeborg. Zu den 12 Stühlen. Zur Alten Vleischerei….
Ich muss wie Aschenputtel früh weg und mache in meiner Laune einen Fehler, den ich 600m zu spät bemerke. Ich bin aus Versehen losgeJOGGT. Lief sich schön, bis die Wade dann „ey spinnst du oder was??“ rief. Offensichtlich…da kann ich dann morgen früh um 8 dem Andern, dem Dingstherapeuten da erzählen, wie ich in sehr kurzer Zeit seine Arbeit kaputt gemacht habe. Schnaub.

Heute war dann noch aufräumen und Reste essen…gleicher Ort, gleicher Weg…
und FrauFreitag fühlt sich hoogig beim freiwilligen Kloputzen. Wenn ich jetzt durch die Tür rausgehe, ist das Meer da? Die Kutschersleut? Der Wind? Spannung wie Weihnachten—nö…
Ich will wieder meine richtige Arbeit am Anleger machen, dazu aber noch n Kiosk! „Moin! Was kriegsten? Und Kurtaxe nicht vergessen!“

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