Die Lyrikambulanz

ist nicht von mir, sondern am Sonntag ab 18h in Gustavsburg. Ich will mal hingegen und schauen, was die mir verordnen. Das hab ich aber auch nötig, bin ich doch selbst selbstlos im Einsatz auf der Satzbaustelle.

Aus irgendeinem, mir nicht ersichtlichen Grund (Germanistikstudium??),  bin ich nämlich plötzlich anerkannte Fachärztin für Satz – und Textheilkunde.  Was sich so lapidar anhört, ist manchmal wirklich harte Arbeit!

Häufig ist es ja nur ein Check-up. Text abhören, Bindehaut anschauen, Ohren und Hals. Wenn keine weiteren Beschwerden bestehen und der Inhalt einleuchtet: Der Nächste bitte.
Aber manchmal ist es auch schlimmer. Da werden mir Sachen auf den Tisch gelegt, dass man fragen möchte:
„Warum sind Sie denn nicht schon viel früher gekommen“ oder „Wie ist das denn passiert?“ Dann muss man Teile aneinandernähen, totes Material amputieren, Entzündungen behandeln, Gesamtsysteme durchschauen und orthopädisch korrigieren… Und viel später, nach getaner Arbeit wischt man sich die blutigen Hände am Kittel ab und fragt sich, wie man eigentlich in diese Situation gekommen ist. Raucht mitm Kopf im Nacken, nachts aufm Krankenhausbalkon im blasssen Schein einer Laterne, innen das Krankenhau-Neonlicht, die Nachtschwester nickt einem zu. Erschöpfung in den Augen. Irgendwo fährt der erste Bus .
Andererseits ist es ja immer ein befriedigendes Gefühl, wenn man so einen schlimmen Fall zusammengeflickt hat und er am Ende genesen ist. Mit Narben vielleicht, aber ok. Ach ja, mein Leben als Ärztin…

SA 5.54
SU 21.11
1-2 Bft aus NW

Heute war ich wirklich müde nach der Arbeit. Darum bin ich noch mal in die Zeitwerkstatt zum Uhrmachermeister gegangen. Dort wars genau wie neulich, auch die gleiche Besetzung. Eine Zeitschleife? Der Kollege für Uhrenheilkunde hat mein schönes Stück eröffnet und eine OP am offenen Werk durchgeführt. Ich stand mit angehaltenem Atem daneben. Jetzt geht sie. Richtig. Ist vielleicht doch besser, als so zu rasen. Auch wegen des Schlaganfallrisikos.
Und zur Belohnung nach all den Unbilden des Lebens ist FrauFreitag dann, als Höhepunkt des Tages und sich selbst ein Geschenk machend, erstmals seit 23 Tagen wieder zum Training marschiert. Plan: schön vorsichtig sein!
Und?
Ich war schön vorsichtig, vor allem aber auch ausm Training, also schlapp und schwach. Statt Seilspringen auf son komisches Rumstehfahrrad. Gut, warm wird einem da auch. Keine Kicks, nur ein paar zarte, angedeutete Knie.  Sonst nur Faustkampf.
Ach, hat das viel Spaß gemacht. Es ist zwar ein wenig beengend, immer aufzupassen, dass man ja keine unbedachte Bewegung macht. Dient aber sicher der Impulskontrolle oder so. Jedenfalls bin ich jetzt sehr zufrieden, sehr gechillt in den Armen und um etliche Aggressionen ärmer. Dann kann ich morgen sicher meinen anstrengenden Dienst in der Klinik mit neuer Energie versehen. Hoffentlich kongruieren die Verben dann grammatisch mit den Subjekten…

Und einfach nur so, weils so schön kongruiert, hier aus der lyrischen Hausapotheke ein UUort zur Nacht:

Der Zipferlake

Verdaustig wars, und glasse Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

„Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr.
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
dem mampfen Schnatterrind.“

Er zückt sein scharfgebifftes Schwert,
den Feind zu futzen ohne Saum,
und lehnt sich an den Dudelbaum
und stand da lang in sich gekehrt.

In sich gekeimt, so stand er hier,
da kam verschnoff der Zipferlak
mit Flammenlefze angewackt
und gurgt in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf’s Bein!
Die biffe Klinge ritscheropf!
Trennt er vom Hals den toten Kopf,
und wichernd sprengt er heim.

„Vom Zipferlak hast uns befreit?
Komm an mein Herz, aromer Sohn!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!“
So kröpfte er vor Freud.

Verdaustig wars, und glasse Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

Lewis Carroll, aus „Alice hinter den Spiegeln“,
Übersetzung: Christian Enzensberger

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