Zeit und Geld

SA 5.53
SU 21.13
2-3 Bft aus NW

Undeinmal haben wir an der Nordsee, ich glaube im schönen Städtchen Esens, ein s.g. Heimatmuseum besucht, da konnte man auch eine Uhrmacherwerkstatt besichtigen, die dort in memoriam aufgebaut war. Es war die Werkstatt von Hansi Tick-Tack, Gotthabihnselig. Uhrmachermeister. Aus der Zeit, als es so was noch gab. In der Werkstatt da tickerte und tackerte es, dass es eine Art hatte und das war sehr schön.

Wie komm ich jetzt darauf? So:
Heute nach der Arbeit bin ich erstmal zum Trödler. Suche ja immer noch einen Jugendstilsekretär (oder einen jugendlichen Sekretär), war aber wieder nix da. In MZ gibts original einen Trödler, ich muss hier weg.
Dann zur Bank.
Hoho! Soviel zum Thema Prekariat. Erstmal Konto entlasten. Ich hab aber auch hart gearbeitet.

Vorwort zur Rahmenhandlung: ich habe auf dem Anwesen meiner Schwester meine Uhr verschlampt. Das hat mit meiner schlechten Angewohnheit zu tun, diese immer sofort abzulegen, wenn ich irgendwo ankomme, als sei eine Uhr ein Hut. Unauffindbar. Nun war aber diese Uhr ein Geschenk meines Exmannes. Man kann ihr Verschwinden also durchaus werten und interpretieren. Ich lese daraus, dass jetzt keiner mehr über meine Zeit bestimmt. Mein Schwager meinte scherzhaft, ich müsse jetzt jemanden finden, der mir ne neue Uhr schenkt. Das sehe ich ernsthaft komplett anders.
Ich
kauf mir
meine Uhren
ab jetzt
SELBST-
Yeah.
Und in meiner Straße in der Stadt ist dieser Laden „Alte Uhren“, der etwa drei Mal im Monat bei Springtide geöffnet hat. Nämlich heute. Als ich grade frisch von der Bank komme.
„Ein Zeichen!“ denkt FrauFreitag und betritt die Museumswerkstatt.
4
Phantastische Idee! Wie im Heimatmuseum. Überdies belebt, aber dazu gleich.
Ich komme also rein, sage: „Bitte eine Uhr, für diesen Arm passend [Arm vorzeigend], mechanisch, 50er Jahre wäre wünschenswert und ich habe kein Geld. Also wenig. Diese Goldomega da von 1951 wäre ein Traum, aber 900 € sind nich.“
Der Meister trägt Elvistolle in Grau, wie wahrscheinlich seit 1956, und er hat ein Loch zum Atmen im Hals, gleich vorne am Hemdausschnitt, so dass man von außen zuschauen kann, wie er ein-und ausatmet. (Wie heißtn das nochmal?) Ich bin sehr fasziniert von dieser Szenerie. Die Groupies nennen sich selbst so. Sie antworten das auf meine launige Frage „Na Jungs, seid ihr hier Azubis oder Inventar?“ Einer ist vielleicht so mein Alter, eher sportlich, könnte man auch im Studio treffen. Der sitzt da und himmelt die Uhren an. Hat auch kein Geld.
Der andere zeigt mir, dass er an BEIDEN Handgelenken beuhrt ist. Ich frage gleich, wies mit den Knöcheln aussieht. Nö, aber inner Tasche hat er auch noch drei. Aha. Ich bin also in besondere Gesellschaft geraten.
Die aber nett ist. Man legt mir einige original „alte Junghans-Modelle“ (sic) aus den 50ern vor, die ziemlich genau meinen Vorstellungen entsprechen. Muss mich zwischen 2n entscheiden. Geht leicht. Ich folge der inneren Stimme. Bekomme noch ein neues Band. Einer der Groupies erledigt das, hat plötzlich eine Lupe wie ein Monokel ins Auge geklemmt. Ich fühl mich wie im Theater und spiele mit. Die Standuhren, bemerke ich nebenbei, sind auch nicht schlecht…
Der Meister spricht: perfekte Uhr. Sieht toll aus an mir.
Ich finde, ich seh toll aus mit ihr!
Und wenn was ist, wenn die nicht richtig tickt, soll ich kommen.
Glücklich gehe ich im Ticktackschritt heim. Schaue dauernd auf die Uhr. Zum Aufziehen. Freu mich schon drauf. Nix piepst und von wegen Batterie leer. Soviel Spaß für naja, einen guten Preis. Ha. Zuhause- wie die Zeit vergeht! Ganz anders als auf der Digitalküchenuhr…ich stelle nach…und nach ….und nach und nach merke ich, dass wir wirklich super zueinander passen, die Junghans und ich.
Sie geht auf die Stunde gut 20 Minuten vor. Sie rast also geradezu vor. Macht gar nichts…dann geh ich also morgen wieder hin…wenn hoffentlich Springtide ist und der Mond im richtigen Quadranten steht…oder einfach so lassen? Relativitätstheorie und so? Und der Arbeitstag vergeht wie im Fluge und der Nachmittag zieht sich nicht länger wie Kaugummi?? Wer sagt denn, dass die Junghans VORgeht? Gehn die andern vielleicht NACH? Einfach um 16 h gehen, auf Fragen das Handgelenk unter andere Nasen halten: „hier! Schau doch auf die Uhr! Feierabend!“ rufend. Ich überlegs mir noch.

(Mein Exmann hat übrigens immer „Ras doch nicht so!“ gesagt, wenn ich so fürbass gegangen bin.)

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