Heute war Klaviervorspiel

Damit gehts los.

http://youtu.be/uPPP8DDh0SE

Bitte während des Lesens hören.

Wenn die Kinder keine 2 Jährigen mehr sind und sich nicht mehr im Supermarkt an der Kasse auf den Boden werfen und damit die Aufmerksamkeit aller bekommen –

-dann spielen sie vielleicht irgendwann Klavier.

So tut MeinKind 1. Schon seit 12 Jahren tut es das, es tut es sehr sehr gut und schön und zu Zeiten tat es wenig anderes. Seit nunmehr 7 Jahren hat es einen „neuen“ Lehrer. Ich könnte hier ein Loblied auf ihn singen, ich lass es aber. Und bei diesem phantastischen Lehrer ist immer in der schönen Sommerzeit ein Vorspielvormittag, traditionell kurz vor den Ferien, 1-1,5 Stündchen. Da kommen alle Schüler_innen und auch die seiner Frau, die lehrt das Cello.

Ich liebe diese Vorspieltage. Immer fangen die Kleinsten an. Die spielen 1, 2 oder gar 3 Stückchen, jedes dauert vielleicht eine Minute und das macht irre viel Freude. „Wenn ich ein Vöglein wär…“, „Ich bin ein Musikante…“, „Der König Karl hat heute vergessen seine Hose anzuziehen und geht in der Unterhose raus…“
Da sitzen kleine Jungs und Mädchen (feingemacht, Blume am Ohr…) auf dem Hocker vor dem großen Flügel, beinebaumelnd. Weils warm ist kann man bei vielen sehen, wie die Zehen in den Sandalen noch mitarbeiten. Das zieht mir immer den Stecker. Und die irre konzentrierten Gesichter von 6 Jährigen! Es sind schon sehr verschiedene Menschen, diese Kleinen. Manche sind schon ganz cool. Andere verbeugen sich schon wie Große. Manche sind Anarchisten. Man weiß gar nicht, was die da spielen und wann ein Stück aufhört und das nächste anfängt. Dann klatscht immer der Lehrer und hilft so den Eltern, den Einsatz nicht zu verpassen. Manche sind Dadaisten. Heben alles auf, was Halt gibt. Und manche sind wie Metronome.
Dann kommen die Größeren. Die spielen längere Stücke. Hier wieder ein Lob an den Meister: er findet immer das richtige Stück für jeden und macht alles mit. Für einen eher unwilligen 14 Jährigen wurde da mal ein Punkrockstück extra für Klavier gesetzt – eine Herausforderung für den Meister, eine Abwechslung fürs bürgerliche Publikum und ein Riesending für den Schüler. Er war dies Jahr trotzdem nicht mehr dabei…Sonst auch mal gerne was leicht poppiges oder etwas, reich an schwelgerischen Akkorden.
Zwischendurch lernt man immer was: wer Türk war, dass Gurlitt nicht nur ein Kunstsammler sein kann, dass Chopin neben seinen berühmten 24 Großen  Etüden auch noch drei für ein Klavierlehrbuch von – Mist, vergessen, irgendwas mit M. – komponiert hat.
Und ich muss sagen, es reißt mich auch immer, wenn ein 12 Jähiger präzise und gefühlvoll Chopin spielt, als wüsste er schon, was er da sagt…
Also ganz viel Gänsehaut.
Aber je länger das dauert, desto wärmer wird es im Raum unter dem Dach mit 12 Kindern und so 20 Eltern, vier Celli, 2,5 Flügeln…und FrauFreitag bekommt Adrenalinhände. Denn gleich ist MeinKind dran und ich habe das Gefühl, in solchen Situationen ist die Nabelschnur nicht durchtrennt und ich habe live was von seinen Aufregungen. Ein Körper. Und heute soll ich filmen. Himmel! Ich kann die Kamera nicht ruhig halten, so zittere ich. Ich weiß ja, was kommt. Immer als letztes spielt MeinKind. Und lange. Und schwer. Und so schön, dass man weinen möchte. Und das machen dann auch immer mal welche. Weil MeinKind nämlich mit ALLEM spielt, was es hat. Mit Talent, mit Herz, mit viel Gefühl und dabei sauber und scharf akzentuiert. Mutig auch. Ich halte die Kamera also mit 2 Händen und sie wackelt immer noch. Es kommt:

Schubert, Klaviersonate a-Moll, Sätze 1, 3 und 4.
Schubert, so lernen wir, ist erst seit etwa 60 Jahren als Komponist von Klaviermusik so recht geschätzt. Ich versuche mit MeinemKind darüber zu sprechen, was mir an diesem Stück so gefällt. Aber ich kenn nicht die richtigen Wörter. Ich haspele was von „verschiedenartig“, „vielfältig“, „gebrochen“, „energetisch“, aber das geht alles ein bisschen vorbei. Mit hochgezogener Braue schaut er mich an: „du meinst DIFFERENZIERT“. Gut, von mir aus. Schubert – sehr differenziert. Merken. Also mal selbst zuhören. Was sind die Wörter dazu? Gehen Wörter mit/über Musik??

Wie isses gelaufen?? Grandios! Paar Verspieler tun der Kunst keinerlei Abbruch. Langer Beifall. Da wird mir klar: das war vielleicht das letzte Mal, eben. Weil grade keiner weiß, was nächstes Jahr ist (weiß man nie, jaja, aber diesmal ist man sich dessen gewahr…).
So verabschieden wir uns kurz. Und lassen bewusst alles offen.
Ich mag den ersten Satz am liebsten, glaube ich…

Jetzt nochmal zuhören.

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