Alsterwasser

SA 7.09
SU 19.57 MESZ
5 Bft aus Südwest

FrauFreitag summt.  Sie summt alle Seemannslieder, die sie kennt.
Sie war in Hamburg. Freie und Hansestadt. Und das soll ihr erst mal einer nachmachen. Also der Stadt.

Wieder durchs Rheinhessische wandelnd, denkt FrauFreitag zurück und versucht, das Kippen in Hans Albers‘ Stimme zu imitieren. Und dann diese dauernde Lust auf Fischbrötchen. Und auf Scholle Finkenwerder:

Die Scholle Finkenwerder Art, auch Finkenwerder Scholle ist eine traditionelle Zubereitung für Scholle. Namensgebend für das Gericht war der Hamburger Ortsteil Finkenwerder. Für die klassische Zubereitung wird der Fisch mit einer Stippe aus fettem Speck, Zwiebeln und Nordseegarnelen gefüllt. Anschließend wird der Fisch im Ofen gebacken. Als bekannte Variante gilt die Zubereitung in der Pfanne. Dafür werden die Schollen mit magerem Speck oder Schinkenspeck zusammen gebraten. [Mit Loriots Stimme: „Unsere Scholle Finkenwerder ist ein Kabeljaufilet in Senfsauce und wird immer gerne genommen“]
Blödsinn beiseite, mein Herz klopft.
Fährt man zügig in die Stadt hinein, geht es schon los: linksseitig die Hafenkräne. Was ist es, was diesen Anblick derart erregend macht? Ist es das Wissen um das alte Tor zur Welt, lange ehe es Internet und Globalisierung gab? Verklärende Sozialromantik. Worte wie „Ladung löschen„, „Heuer“ und „Fleet„. Die Erinnerung an all die Kadetten und Matrosen. Das Doppel-L und das Y in Hapag-Lloyd. Worte wie „Amerika-Linie„, „Dock 9„, „Elbtunnel“ und „Landungsbrücken„. Jedenfalls ist man schon schwach in den Knien, wenn man nur angekommen ist.

Dieses Mal ist ganz großes Kino, denn ich wohne bei einem Seemann mit Blick auf die Davidwache. Genauer: deren Rücken. Im Epizentrum. Eines Geschehens, das bewegend surreal ist. Dabei aber ganz echt. Es fällt leichter Regen, man sieht fast gar nichts, aber dann an den #Landungsbrücken entringt sich der Brust ein Seufzer und die Lungen füllen sich mit Elbluft und Duft und man kann einfach so ein Boot besteigen, denn das ist hier Usus und es wackelt ein wenig unter einem, was ein herrlich betrunkenes Gefühl hervorruft. Volle Kraft voraus, vorbei an unzähligen Docks, Schiffe und Containern und am Wort Blohm und Voss. Ziel ist Finkenwerder. Es liegt sehr lieblich im letzten Abendlicht hinter einen Vorhang aus Feuchtigkeit. So sieht das aus:

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Die Siedlung selbst ist auf Ihrer linken Seite ein allerliebstes Puppenstübchen, in dem man sofort einziehen möchte. Aber wir fähren zurück. Vielleicht auch besser so, denn auf ewig in einem Puppenstübchen wohnen und immer nur mit der Fähre hin und her – das ist ja auf Dauer auch nichts. Und diese dauernden Speckschollen.
Also zurück. Hafenstraße. Steht noch.
Dann St. Pauli – bei Nacht. Laut und rot und schön und schrill und verzweifelt und grässlich. Als ich Stunden später, es dämmert schon in der Kajüte liege, höre ich die Stadt. Sie summt, sie flüstert und pocht. Ihr Herz schlägt stetig.

Der nächste Tag schenkt den Hanseaten und ihren Besuchern Sonnenschein und wir schauen uns wirklich ALLES an und es ist so herrlich. Die Vergangenheit ist noch da, die Gegenwart sehr gegenwärtig und die Zukunft schimmert sachte. Eine Stadt mit Gezeiten! Nur wenige Meter abseits des Trubels sitzen wir schließlich auf einem ANLEGER, aber wo, verrate ich nicht. Die Zeit steht kurz still und das Wasser läuft leise und glänzend auf. Die Flut kommt. Sie flutet auch mein Herz. In meinem Kopf Wolfgang Borchert – ich finde die Seite sofort, es liegt ein greiser Zettel darin:

„Hamburg!
Das ist mehr als ein Haufen Steine, Dächer, Fenster, Tapeten, Betten, Straßen, Brücken und Laternen. Das ist mehr als Fabrikschornsteine und Autogehupe – mehr als Möwengelächter, Straßenbahnschrei und das Donnern der Eisenbahnen – das ist mehr als Schiffssirenen, kreischende Kräne, Flüche und Tanzmusik – oh, das ist unendlich viel mehr.
Das ist unser Wille zu sein. […]“

Nicht weniger.
Junge, ich komm bald wieder…

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