Wäsche

SA 7.58
SU 17.23
3 Bft aus West

Was ist das mit der Wäsche?
Diverse Hintergrundinformationen sind nötig, um den Wäschekult zu verstehen.
Dabei ist mit Wäsche nicht die kleine Wäsche gemeint, die zarte schwarze, die man mit der Hand wäscht und auf der Heizung trocknet und die trocken sein sollte, ehe die Kinder aus der Schule kommen. Mit Wäsche ist die handfeste Wäsche gemeint, der Wäschekorb, vorzugsweise aus Korb, der auf der Hüfte zur Waschmaschine getragen wird und der nach der eigentlichen Wascherei schwerwiegend rückengerecht eng am Körper zur Wäschetrockenstelle getragen wird und die Bizeps stolz anschwellen lässt. Denn darum geht es eigentlich. Ums Wäschetrocknen. Dies wird eine Liebeserklärung ans Wäschetrocknen.
Es tun FrauFreitag alle Menschen leid, die ihre Wäsche immer in einen Trockner stecken, denn sie bringen sich selbst um so viele Vergnügen.
Ich sprach vor längerer Zeit schon davon, vom gemeinsamen Wäschetrockenkult der FrauFreitag und ihrer Badeseefreundin. Wäscheaufhängen und Zähneputzen. Das tun wir am liebsten zusammen.
Nun begab es sich aber, dass FrauFreitag das Jahr mit einem langen Schweigen begann, welches gut begründet war, aber auch unbefriedigend. Und kein Thema schien eines zu sein. Bis die Badeseenfreundin sprach: „Ich habe unsere gemeinsame Hymne gefunden.“ Und sie zeigte sie mir und in mir brach ein Sturm los, der alle Wäsche von der Leine riss und in einer großen schönen Bewegung in den Himmel hob.
Wäsche.
Welch geistreiches Libretto! Welche Wahrheit! Welche Flut von Erinnerungen!
Und man muss wissen, dass OmaFreitag eine schöne Münchnerin war und das Bairische (ja: Bayern, aber das Bairische [Sprache]) mir deswegen lieblich vertraut und omalich warm in den Ohren streichelt, wenn auch HerrMontag seine edlen preußischen Augenbrauen verächtlich hochziehen mag.
Das also als Vorrede.

Vielleicht hat meine Mutter mich in den ersten Frühlingstagen meines ersten Frühlings schon in einem Wäschekörbchen zart gebettet und unter blühenden Bäumen mit einem mehr gehauchten als gesungenen Liedchen eingelullt, ich erinnere es nicht. Aber es braucht nicht vielmehr als einen Großwaschtag, eine Draußenleine welcher Art auch immer, ein lindes Lüftchen und reichlich Klammern, um mir wirklich gute Laune zu bereiten und zwar nachhaltig.
Die erste Leine, an die ich mich gut erinnere, war mittels eines ausgeklügelten Rollensystems vom Fenster unserer Küche (1. Stock rechts Altbau) zum gegenüber liegenden Balkon (1. Stock links) gespannt. Die Metall- äää-dinger, die die über zwei Rollen laufende Leine verbanden, waren mir Schiffe, die man hin und her fahren lassen konnte. Dabei konnte man, wenn man unbeobachtet war, sogar starken Seegang simulieren, indem man ordentlich an den Leinen ruckte. (Ich muss feststellen, wenn man „Verbindung Wäscheleinen“ googelt, findet man nicht, was man sucht. Sollte es diese schlauen „Schiffe“ wirklich nicht mehr geben? Oder was lehrt es uns über google?)
All das war wahnsinnig aufregend, galt es doch, bei all den Freuden nicht aus dem Fenster zu stürzen. Und man konnte der Mutter die Klammern angeben. Welche selbstredend Krokodile waren und gefährlich. Man konnte Klammern aneinanderklammern und so fast endlose Schnüre produzieren. Und es gab BÄRENKLAMMERN. In orange, pastellgrün, vanille und gelb. Und vielleicht auch anders. So sahen die aus und waren so feierlich und besonders und auch wäscheschonend, dass ich sie der Mutter nur für Lieblingskleidung anreichte:
Sodann flatterte die Wäsche aufs Traulichste zwischen dem Küchenfenster und dem Balkon der Nachbarin und trocknete in Sonne, Wind und Licht. Und FrolleinFreitag saß da und schaute zu und passte auf und fiel auch nicht aus dem Fenster. Wenn aber der Sommer sehr warm und schwül war, dann nahm die Mutter den Wäschesprenger (es waren die Zeiten vor der Dampfbügelstation – ein Wäschesprenger war eine Flasche aus Plastik mit einen gelochten Aufsatz,  mit dem man störrische Trockenwäsche vor dem Bügeln mit Wasser benetzte, lässig faltete, in den Korb warf, wartete und diese dann, wenn sie wieder nachgiebig geworden,  mit leichter Hand bügeln konnte . UND ES GING BESSER ALS MIT JEDER DAMPFBÜGELSTATION!)
Also mit diesem Wäschesprenger wurde die steinerne Fensterbank nass gemacht und es erhob sich der schönste Duft der Welt: verdampfender Sommerregen auf warmem Stein. Und meine Mutter war zu der Zeit eine rechte Zauberin, da sie solche Dinge vollbringen konnte.
Das war Wäscheleine die erste.
Es folgte: die Wäschespinne.
In dieser Ära konnte man im Garten stehen, ein Element das erst jetzt dazukam und das Glück komplettierte, und man konnte beobachten, wie man wuchs und im nächsten Jahr schon eine Etage höher Wäsche aufhängen konnte. Und man konnte darunter liegen und dem Geflatter zuschauen – bunte 70er Jahre und viel Frottee. Nicht mehr so voll kindlicher Poesie, aber immer noch schön.

Irgendwann der erste eigene Balkon, jetzt wieder urban und Hinterhof. Ein paar Reihen jenseits der Balkonbrüstung. Weniger Geflatter, da Studentinnenhaushalt. Aber das Eigene!

Erst mit der eigenen Familie und deren Ausbau und Wachstum wuchs die Wäsche zur Obsession. Es war viel.  Es gab lange Leinen.  Erst wieder zwischen Balkon und Scheune, dann auch im Garten. Und beides war großartig.
Man konnte HINAUS gehen. Da war Luft und manchmal Sonne und meist Licht. Man konnte die Symphonie komponieren – erst die Hosen, dann die Hemden, dann die Windeln. Oder nach Größen. Oder nach Farben. Oder Personen. Oder ganz wild durcheinander. Und die Kinder reichten die Klammern an, die natürlich Krokodile waren und gefährlich und es roch nach frischer Wäsche, die nass anders riecht als trocken und vor allem nach Luft und das ist gar kein Vergleich! Und wenn alles flatterte, konnte man mit der Gießkanne den heißen Hof nass machen und es roch herrlich wie Sommerregen und das war echte Zauberei.
Das geübte Auge erkennt natürlich, wenn die Wäsche trocken ist. Das, liebe Trocknerbenutzer_innen, sieht man an der Art des Geflatters. Aber das hindert keinen, ab und an mal HINAUS zu gehen, und zu FÜHLEN. Ob oder wie lange noch. Oder das Wetter im Auge zu behalten, mit dem man manche Wette abgeschlossen hatte. „Wetten, dass ich diese Maschine noch trocken bekomme, ehe es gewittern wird?“
Wenn ich mir mal was wünschen darf, dann eine schöne Wäscheleine, gerne vor schönem Hintergrund.
Die schönste Leine meines Lebens war nebenbei bemerkt auf Hallig Hooge auf der Hanswarft (remember #webcam), unvergessen meine roten T-Shirts vor dem grünen Gras und der Nordsee weiter hinten. Und was für ein Wind!

Und jetzt hören wir alle nochmal den bayrischen Burschen und unserer Hymne zu!

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