Nur zu Besuch

SA 7.45
SU 17.55
3 Bft aus West
(Werte Berlin)

FrauFreitag ist in Berlin und fragt sich, welchen Status sie hat.
Also so richtig wohnen ist das natürlich nicht.  Eine Zahnbürste, ein paar Unterkleider, ein paar Bücher – das macht keinen Hausstand und keinen Daueraufenthalt aus. Obwohl sie auf der Straße schon ab und zu grüßen kann und im Penny weiß, welche Kassiererin die nette ist.
Touristin ist sie aber definitiv auch nicht. Dazu hält sie sich zu selten an den touristischen Plätzen auf und den Plan lernt sie immer schon im Schutz der Wohnung auswendig, um nicht damit an windigen Straßenecken Komödie zu spielen und nicht zu wissen, wie rum denn nun. (Ja, ich weiß. Da gibts auch ne App.)

Also vielleicht „zu Besuch“. Das steckt das schöne Wort suchen drin und außerdem bekommt der Besuch immer den besten Platz und das dickste Stück Torte. Das ist so wegen der Willkommenskultur.
Und was macht der Besuch der deutschen Hauptstadt so?
Also diese (Hauptstadt, nicht FF) trägt gerade die Farben der Saison, viel Gelbgold, Rot, Orange, Braun und Grün. Lässt allerlei davon auf den Boden fallen, zur Dekoration, ganz „als welkten in den Himmeln ferne Gärten“ (R.M. Rilke).  Dazu entweder bayrisch Blau-Weiß mit hoher Strahlkraft oder Steingrau. Jacke auf. Jacke zu. Und weil das alles so herrlich ausschaut und außerdem dringend Prokrastination betrieben werden muss, stürzt sich FrauFreitag erstmal in die U-Bahn. Nach Osten. Hier ist ja immer Osten oder Westen, hab ich schonmal gesagt. Und das ist ganz gut, da geht man wenigstens nicht verloren. Man kann nichts dagegen tun. Wir sind eben die Generation Kalter Krieg.
In der U-Bahn gehts immer schon los mit den ganzen Leuten. Das sind ja nicht nur sehr viele, sondern auch sehr verschiedene und mit vielen verschiedenen Sprachen, man kann hier super das Sendung-mit-der Maus-Spiel spielen. Meistens ist es heute Spanisch.
Dann steigt einer mit Becher ein, der spielt heute aber zum Glück keine Geige, sondern rappt. Von weitem hört sichs ganz cool an, aber dann aus der Nähe spricht er Rap wie Wrap aus, also Dürüm und kommt mir auch mit seiner Geschichte zu nah. Haft reimt sich auf bestraft und Leben auf nicht ergeben.
Nähe/Distanz ist hier eh so ein Thema. Also erstmal schnell raus aus der U-Bahn, ist eh gerade Endstation.
An der Warschauer Straße draußen wird hingegen wirklich cool gebeatboxt und schon wandelt die Stadt ihr Gesicht von deprimierend nach elektrisierend und ich drehe mich um und gehe tschkabummtschkabummkschsch nach Westen zurück, weil auf dieser Seite (natürlich Westen) des Ufers HerrMontag kunstschaffend tätig ist. Hier in Kreuzberg, genauer 52° nördlicher Breite, 13° östlicher Länge, entsteht gerade ein Schmuckstück, das Berlin hoffentlich bald einen neuen Touristenmagneten hinzufügen wird. Nur gewinnen muss er noch:
http://www.machtkunst-berlin.de/de/
In der Werkstatt ist alles in Ordnung, die Männer haben schmutzige Finger und Deutschlederhosen mit den sexy Zimmermannsreißverschlüssen an und es riecht nach Metall. Wenn man mich fragt: absolut preisverdächtig und wer Zeit hat bitte dann auch hingehen und abstimmen.
Aber bis dahin bitte nicht stören.
Also schwimme ich durch Kreuzberg und frage mich, was mir diese Stadt will. Ich beobachte sie wie einen Kerl, der spannend ist, aber von dem ich noch nicht weiß, ob ich ihn wirklich gut finde, ob ich ihn will. Und von dem ich nicht weiß, ob er mich will. Will Berlin FrauFreitag? Ich glaube, es schert sich einen Dreck um mich. Was mir ein glitzerndes Gefühl von Freiheit verleiht. Und von Glück, wenn ich mein bipolares Leben so betrachte. In Dinxheim in Rheinhessen ist es durchaus möglich, auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause keiner Menschenseele zu begenen – zumal nach 20 h. Denkt FrauFreitag, als sie sich durch die Oranienstraße drängt, in die sie irgendwie hineingespült wurde, ganz ohne zu suchen. Verrückt! Und wie sie so ausweicht, fällt ihr Blick auf einen Straßenaufsteller, der auf ein Museum im Hof hinweist.
Und schon ist klar, dass Berlin mich will, aber sowas von sehr, denn das Museum heißt „Museum der Dinge“ und da haut mich ja allein der Name schon um. Es ist im Seitenaufgang, 3. Stock und das Treppenhaus sieht aus, als müsse man zweifarbige Schuhe tragen (als Herr) oder einen Bubikopf unterm Hut (als Dame). Das finde ich schon immer sehr schön hier. Die Zeitsprünge. Eben noch 80er, dann, nur wegen einer Schrifttype in der S-Bahn: 1926. Und zurück nach heute, ins Museum der Dinge, das in 90 Minuten zumacht, aber der nette HERR an der Kasse sagt, das könne ich (die DAME) locker schaffen.
Sehr lehrreich.
Hier kann man was dazu lesen und anschauen:
http://www.museumderdinge.de/
Und hier lernt man sehr interessante Dinge über den Deutschen Werkbund:
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Werkbund

In diesem Museum gibt es zahlreiche Dinge aller Art und Machart und man reist durch seine eigene/n Geschichte/n, denn den Kitschfischaschenbecher hatten meine Eltern und ich habe gern mit ihm gespielt, als ich noch FrolleinFreitag hieß. Und dann die Sachen, die Oma noch hatte! Oder die im Osten. Oder man selbst, im Westen, als man in den 80ern einen ersten eigenen Hausstand gegründet hat mit den schönen Flohmarktsachen, die hier als Designklassiker exponiert sind. Also wirklich sehr empfehlenswert für alle, die gern Dinge anschauen.
Trotzdem ist man wirklich nach gut einer Stunde fertig und stürzt sich wieder in die U-Bahn, die man ganz ohne zu suchen findet, und in der verirrte Spanier nach dem Deutschen Theater suchen – ja, richtig, in der U-Bahn. Zum Glück hab ich da diese App…diese jungen Leute mit ihren City-maps sind aber auch wirklich zu unbeholfen.

Hach, schon schön hier als immer wiederkehrende Besucherin mit Touristenvisum und dem besten Platz. Ja, ich glaube, ich will.

 

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