Strange, stranger, strangest

SA 7.32
SU 18.57
2 Bft aus Ost

Das ruhige Herbstwetter hält an. Am Morgen quillt Zuckerwatte aus den Wiesen und in den Flüssen rauchen Wassermänner, man sieht es genau.
Im Ort fegen die alten Weiber die Straße und entfernen erste gefallene Blätter. Sie tragen Westen und wenn man sie grüßt, antworten sie leicht verwundert und man hört an ihrem Innehalten, dass sie einem noch eine kleine Weile nachblicken. Wer war das denn?
Wenn man ein paar Meter durch die frische klare Luft gegangen ist, bekommt man kalte Hände, ein Gefühl, das man bei aller Erfahrung beinahe vergessen hatte und das einen überrascht. Man bekommt rote Wangen und wenn man in den Zug einsteigt, einen Schweißausbruch, von dem man nicht weiß, ob er ok oder klimakterisch ist. Was nichts ändern würde.

FrauFreitag ist mal wieder als Alleinreisende unterwegs. Den Mittelrhein hinauf, warum es da so schön ist – wer weiß?
Undeinmal, vor langer, langer Zeit kam sie einmal aus Sibirien zurück, hatte Tage im Zug verbracht und unterwegs vieles gesehen und erlebt. In Köln musste sie umsteigen und das letzte, vertraute, heimatliche Stück wieder in einem normalen Sitzabteil der guten alten Deutschen Bahn zurücklegen. Es fühlte sich seltsam an, alles war seltsam, die Würstchenbuden am Bahnhof, die Leute und ihre Geschäftigkeit. Der Geruch bzw. seine Abwesenheit. Das deutsche Stimmengewirr. Und die Vertrautheit. Das Gepäck wurde mit Hilfe eines netten Gentleman in die Ablage gewuchtet, der dann auch neben ihr zu sitzen kam. Dieser Gentleman kam aus China und war das erste Mal in Deutschland. Er sprach Chinesisch und Englisch, FrauFreitag erklärte die Sehenswürdigkeiten rechts und links, die der frühe Morgen in rosiges Licht tauchte. Wir fuhren den Rhein, den längsten Fluss Deutschlands (der gegen die sibirischen Flüsse mit ihren schönen Namen wie ein Bächlein wirkte), entlang und es war FrauFreitags Aufgabe, in relativ regelmäßigen Abständen „Look, another castle!“ zu sagen, was den Gast zu stets neuen überschwänglichen Äußerungen hinriss und am Ende, jenseits von Bingen, wenn die Bilderbuchhaftigkeit langsam abebbt, schenkte er ihr ein winziges Fläschchen mit einem nach Wintergrün duftendem grünen Balsam, das ihr steter Begleiter gegen Kopfschmerzen und Insektenstichjucken wurde und dessen reiner Geruch schon die Moral hob, das Fläschchen kam also auch als eine Art „Riechsalz“ zum Einsatz, was heute bekanntlich viel zu selten passiert.
Kurz gesagt, wann immer ich heute diese Strecke fahre („Look, another castle“), denke ich an diese Fahrt, an mein Nachhausekommen oder was immer es war, an das Gefühl, bekannte Dinge mit neuem Blick zu sehen und sich in einen Fremden und seine mögliche Sichtweise der uns umgebenden Welt im weitesten Sinne hineinzuversetzen. Und an meine damalige olfaktorische Neuentdeckung, das Wintergrün.
Also den Rhein hinauf oder hinunter, wie mans sieht oder nimmt und ab Koblenz dann die Mosel entlang, steile Rebhänge als ewige Mahnung an den alten Germanistikprofessor und sein Lebenswerk, den „Atlas der kontinentalgermanischen Winzerterminologie“. Ortsnamen, die jedes Namensforscherherz lachen machen und weiter und weiter weg von allen Mitten des Landes, man kommt in absolute Randlage, macht Bekanntschaften in Bahnen, die wirklich und ich schwöre an jeder noch so kleinen Siedlung halten, die Landschaft nimmt immer mehr Raum ein, und eine der Bekanntschaften sieht aus wie ein bekannter und erfolgreicher Kabarettist, der immer Bananen am Flügel isst, nur dass diese Ausgabe die Entsprechung darstellt, wenn jener es damals nicht geschafft hätte, wenn er gestrandet wäre und jetzt mit 50 schon am Stock und in Rente. Zufälligkeiten des Lebens.

Diese sind denn auch ein Gesprächsthema.
Und natürlich: Die Flüchtlinge. Und ach und weh.
FrauFreitag wird immer wahnsinnig müde, wenn es zu diesem Thema kommt, zu „Asylmissbrauch“ , zu „Wirtschaftsflüchtlingen“, all diese Dreckswörter, die sich irgendwer mal ausgedacht hat, die dann von unbedachten Schreibern wie Viren verbreitet wurden wie Schnupfen, der allen eitrig das Gehirn verstopft, es macht mich müde, aber sie lassen einen nicht in Ruhe, sie wollen Meinungen, Antworten, alle wollen wissen, was man denkt.
Was ich denke.
Ich habe an diesem Tag mit sechs Menschen aus Syrien gesprochen, die meinen professionellen, also beruflichen Rat wollten. Diese Menschen sitzen mir gegenüber, in einem Büro, im hellen Herbstlicht, das ruhige Wetter dauert an. Sie haben Fragen, die ich ihnen zu beantworten versuche. Sie sitzen mir gegenüber und legen oft ihre Hände auf den Tisch, die ich dann bei meinen Erklärungen immer wieder anschaue, um ihnen nicht die ganze Zeit ins Gesicht sehen zu müssen, wo ich zu viel lese, vor allem, wenn ich unangenehmem Dinge erklären muss, Dinge, die mit Behörden, mit Verwaltung, mit großen Apparaten zu tun haben, Dinge, die geschürte Hoffnungen zerstören können, wenn man sie zu schnell erzählt oder falsch erklärt. Die Hände liegen vor mir auf dem Tisch und erzählen Geschichten, manchmal passen sie scheinbar nicht zu ihren Besitzern und den Vorstellungen, die man sich von ihnen macht.
Da ist der junge Mann mit nerdigem Aussehen, der wie Woody Allen agiert und alles umwirft, was er erreichen kann und der mich bekniet, an seiner Stelle ein einfaches Formular im Computer auszufüllen, was ich tue, weil er mich rührt, weil er so nett ist, sich zu stark parfümiert hat mit einem Duft, den ich eher in einem Bordell in Paris in der Belle Epoche erwarten würde, und auch, damit er mir nicht noch mehr Flurschaden anrichtet. Seine Hände sind im Vergleich zu seiner Größe klein, die Nägel zu lang, ungleichmäßig gekürzt, schartig. Computerexperte.
Der ältere Chirurg, gerade erst angekommen, sorgt sich darum, wie ein Pianist seine feinmotorischen Fähigkeiten zu verlieren, mit jedem Tag, an dem er nicht operiert. Seine Hände sind nicht, wie ich mir Chirurgenhände immer vorgestellt habe. Er hat seine Nägel so weit wie nur möglich abgekaut. Vor ihm liegt ein Stapel mit Zertifikaten und obwohl ich das für die Sache nicht müsste, schaue ich mir alle bunten Stempel gerne an, sie sind ein Symbol für ein Arbeitsleben, für Geleistetes, für die Hoffnung, durch sie auch hier, in dieser Fremde, noch einmal jemand sein zu können.
Das Arztehepaar, das von der Hauptstadt träumt, denn hier gibt es keinen Sprachkurs, der aber Voraussetzung für eine Arbeit wäre. Sie ist mutlos, hat im Kampf gegen Bürokratie Kraft verloren, ihr Mann und ihre Kinder halten sie aufrecht, sie ist kaum 40 und hat das Gefühl, das Leben liege schon hinter ihr. Ihre Hände tanzen und zucken und können nicht zur Ruhe kommen.
Menschen, Schicksale, Lebensgeschichten. Sie sitzen vor mir, erzählen, und wenn ich gut bin, werden sie ruhiger, lächeln, fassen Mut. Was kann ich sonst machen, außer Mut? Wenigstens kurz.
Ist es ein Wunder, wenn mich dieses Thema müde macht? Wenn ich nicht mehr an Stammtischen, in Zügen, egal wo, mit allen und jedem darüber reden möchte? Über all die persönlichen Ängste, die das Fremde macht?
Ach, was weiß ich? Wir dürfen nicht nachlassen.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>