Gepappel

SA 5.30
SU 21.18
2 Bft aus Nordost

Fahrradfahren in Rheinhessen ist wie Fahrradfahren. Wenn man es mal gelernt hat, gehts immer.
FrauFreitag verbringt ihr Pfingstwochenende als Hundebetreuerin beim eigenen Hund. Die Familie spielt alle Jahre wieder Woodstock, die Kinder in Pluderhosen mit allerhand Schmuck behängt und schlammigen Füßen. Und der Hund bleibt an mir hängen, macht aber gar nichts, ich hänge ja auch an ihm und vermisse ihn meistentags. Heute kobolzt er wieder mit seinem Dauergrinsen neben meinem Rade her, wir fahren unsere Lieblingswege. Als sei nie was gewesen. War was?
Unter dem Pappelschnee knistern die Blätter des letzten Jahres. Obwohl mir 2, 3 Jahreszeiten hier fehlen, komm ich gleich wieder rein.

Nach vielerlei Gesprächen in den letzten Stunden in der ehemaligen Heimat komme ich zum Schluss, dass „zu Hause“ was mit Licht, Schatten, Geruch und Himmel zu tun hat. Nein, nicht damit, dass der LapTop sich automatically mit dem WLAN verbindet…

Zum Beispiel gerade: über dem vertraulichen rheinhessischen Grünbraun baut sich Schwüle auf, der Himmel behängt sich mit düstren Wolken, die garantiert keinen Regen bringen. Sie erhöhen nur den Druck. Die Wege stauben wie die Sahara, alles blüht und duftet, der Raps, der schon fast durch ist, gibt dem ganzen eine leicht faulige Note, aber auch Süße ist dabei. Am Wasser schwirren ungeheure Scharen von Libellen aller Art dicht über der Oberfläche und über den Wegen, sie erinnern mich an die Schwalben auf Hooge, wenn man dort mit dem Rad Insekten aufgestört hat, Blaue Stäbe, Doppeldeckerlibellen, überall ihr metallisches Surren. Ob andere Insekten unter dieser Art Fluglärm leiden?
Wir fahren bis zu einem verborgenen Lieblingsplatz, ich muss das Rad schieben durch bauchhohe Vegetation, es jenseits des Bächleins stehen lassen, aha, schauschau, da liegen Planken zur Überquerung bereit. Die waren vormals nicht da. Unter Pappeln und neben Schilfgräsern lagern wir uns hin, starren übers besurrte Wasser, der Hund badet ein wenig, ich nicht. Falle um, über mir Grün, der medizinische Pappelgeruch, der für mich zwei Welten  vereint, zwei heimatliche Orte: Rheinhessen und Moskauer Parks, auch ein Oberton von sibirischem Frühsommer ist darin, die PappelWatteBäusche am Ufer des Irtysch.
Ich bade in diesem Geruch. Begrabt mich unter Pappeln!
Topol‘ heißt das auf Russisch, ihr pappelig wisperndes Geräusch klingt darin.  Ach, herrlich. So liege ich ein wenig, der Hund wacht über meiner Andacht, ich fühle mich wie eine selbstaufblasende Isomatte….EINatmen…AAAAH. Ja. So bleiben. Einen Sommer lang. „Topol'“, wispert es in mein Ohr und ich brauche lange, bis ich alle Blättchen, Krümel, Ameisen und was noch alles aus meinen Klamotten geschüttelt habe. Wieder aufgeblasen radeln wir zurück.
Nach Hause? Egal. Jedenfalls mit Dauergrinsen.

2 Gedanken zu „Gepappel“

  1. ….und aus der Ferne sah ich sie dahin radeln! Mit ihrem roten T-Shirt das weithin leuchtete, ihrem Rad und dem Hund in trauter Zweisamkeit!
    Was habe ich mich gefreut, Dich so alltäglich in Rheinhessen zu sehen. Denn auch Du bist Heimat und Erinnerung für andere!

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