Frei. -tag

SA 6.45
SU 20.12
2 Bft aus Süd

Generell lehne ich es ja ab, allzu private Dinge an dieser Stelle zu berichten. Aber heute muss ich einen kleinen BesinnungsAufsatz schreiben. Das Thema:
Wie ich mich mal habe scheiden lassen:

Intro:
Alles ging FORMAL mit einem gelben Brief in meinem Postkasten los, der mir ausnahmsweise mal korrekt zugestellt wurde. Und zwar FÖRMLICH, wie darauf zu lesen stand.  Drinnen war eine „Ladung zu Scheidungs- und Folgesachen Kramer /Kramer im Amtsgericht A., Saal 114, 10 Uhr 45 [s.t.]“. Darin wurde ferner mein persönliches Erscheinen ANGEORDNET, sonst Geldbuße ab 1000 EUR etc.

Da ich selbst als Antragstellerin ein gewisses Interesse an meinem Erscheinen hatte, beschloss ich, zugegen zu sein. Gestern ging ich zum Friseur.
Am Abend erörterten die Lebensgefährtin und ich die Kleiderfrage, die, wie erwartet, zugunsten des neuen kleinen Schwarzen entschieden wurde. Drunter musste es auch hübsch sein. Irgendwie wäre mir, für besseren Halt, auch nach Stützstrümpfen gewesen, es musste aber ohne gehen.

Am Scheidungsmorgen erwacht FrauFreitag mit Heuschnupfen. Die Nacht war unruhig. Es sind einige Restaurierungsarbeiten nötig, aber am Ende verlasse ich pünktlich und dezent geschminkt die Stadt und fahre mit der Eisenbahn zum Gerichtsort. Unterwegs das schöne Rheinhessen, das sein Frühlingskleid trägt und in all seiner Langweiligkeit heute einfach gut aussieht. Darin ähneln wir uns und ich fühle eine tiefe Verbundenheit zu meiner Heimat.
Ich erreiche den Gerichtsort lange vor Prozessbeginn, setze mich mit Kaffee und Rosinenbrot in die Sonne, arbeite als Fotografin mit Mobiltelephonen von Passanten und mache sehr schöne Bilder von Kleinfamilien vor malerischen Hintergründen. Die freuen sich sehr.
In einer Apotheke versorge ich mich mit Allergiemitteln, der freundliche Apotheker reicht mir das Wasser. Ein schöner Tag zum Scheiden, denke ich. Alle scheinen prächtig gelaunt, die Sonne strahlt, das Städtchen auch, es wirkt wie eine Idyllenkulisse in einem Erich-Kästner Film, 1952.
Ich suche das Amtsgericht, finde es und staune. Eine Burg. Herrlich ist es. Immer noch Zeit genug habend, sitze ich im Innenhof, bedenke das Leben im Allgemeinen und Besonderen, bins zufrieden und erwarte dabei minütlich eine Busladung japanischer (oder anderer) Touristen in den Innenhof strömen zu sehen, weil es gar zu putzig ist hier. Die Kamera habe ich in all der Aufregung leider vergessen.
Die Touristen kommen nicht, statt dessen der Nochgatte. Gemeinsam entern wir das historische Gebäude und wundern uns, dass wir in diesem entsetzlichen Mainzer Rathaus heiraten mussten und jetzt in diesem prachtvollen Ambiente geschieden werden. Man kann sich darüber ohnehin nur wundern.

An dieser Stelle möchte ich doch kurz das ganze Scheidungsprocedere anprangern. Ich persönlich finde es unnötig, dass man derartig verfahren muss. Im Russischen sagte man  – zumindest früher – „wir haben uns zusammenschreiben lassen“ zur Hochzeit. Und zur Scheidung folgerichtig „wir haben uns auseinanderschreiben lassen“. So gehört sich das, wenn man nicht das große Programm mit Gott und bis dass der Tod und so haben will.  Diese systemimmanente Kriminalisierung, diese hohen Strafen, die man zu zahlen hat, finde ich demütigend. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen.

Nebenrede: Natürlich kenne ich alle Argumente, die grundsätzlich die Ehe in Frage stellen, sie waren mir dereinst egal, nein, lachend habe ich mich über jede Vernunft hinweggesetzt. Aber lassen wir das. Man wird ja klüger. Oder abgeklärter. Gut, zumindest älter.

Im Gebäude wird es spannend. Ich bekomme auf dem Gang zwei Komplimente wegen meines Mantels von Unbekannten. Danke! Ich finde die Farbe auch phantastisch (Koralle).
Dann Auftritt meine Anwältin. Sie findet meine Frisur (s.o.) toll. Danke abermals. Gutes Aussehen ist schon wichtig in manchen Situationen im Leben einer Frau.
Es herrscht gespannt-entspannte Atmosphäre im Neonlicht des Ganges vor Saal 114. Wo bleibt der Anwalt der Gegenseite? Da kommt er, 1 Minute vor Beginn der Sitzung.
Die Anwälte werfen sich ihre anachronistischen Roben über, die Richterin trägt sie bereits, wir sind die 4. oder 5. Partei an diesem herrlichen Vormittag.
Mir wird klar: ich war noch nie vor Gericht.
Die Richterin sitzt am Fuß eines Us, rechts die Antragstellerin (ich) neben der RAin, uns gegenüber die Jungs, also der Beklagte und sein Verteidiger. Draußen rheinhessische Landschaft hinter Kleinstadt im Frühlingsdunst. Ich entscheide mich für den Blick in die Ferne, während die Richterin in ein Mikrofon einen festen und ebenso fernen Text abliest, sie spricht Absätze aus, was mich fasziniert und befremdet. Absatz.
Manchmal muss ich „Ja“ sagen oder nicken. Nach 12 Minuten sind wir geschiedene Leute. Es hat nur ganz kurz gepiekt.
Dann fahre ich im Jaguar meiner Anwältin zurück in die Landeshauptstadt, es sitzt sich auch auf der Rückbank recht komfortabel. Am Stadthaus stehen Hochzeitspaare draußen, Reis und Rosenblüten, man freut sich sichtlich und soooo schönes Wetter.
Ich gehe in den Betrieb und köpfe mit den Kolleg_innen den Sekt und esse wie auf einer Beerdigung gegen alle Schwächeerscheinungen an.

Geht doch. War aber trotzdem das letzte Mal.
Jetzt also wieder Frollein. Freitag.

 

PS:
Geschenke, Glückwünsche etc. gerne jederzeit an mich. Oder Kommentare hierher. Wird eh etwas dünn in letzter Zeit.
Danke, Danke, Danke!

Ein Gedanke zu „Frei. -tag“

  1. Zusammenfassung Frei.-Tag:
    Freibrief, Freinacht, Freifahrt, Freizeit, Freiburg, Freifrau, Freiherr, Freispruch, Freibier –
    jetzt freilich Freiheit, Frei.-Frollein, und?
    Freigeist, Freiland, Freibetrag, Freiflug, Freiberg, Freizeichen, Freiwild, Freibad, Freitext, Freimaurer, Freigang, Freispiel, Freigabe, Freischnitt, Freidenker, Freiluft, Freigepäck, …?
    freiweg Alles Gute
    Eva

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