Oder

SA 6.49
SU 20.09
2 Bft aus Nord

Das Oderbruch. *
Ferien. Kein Internet. Kein I-Phone 6.
FrauFreitag und HerrMontag fahren kurz vor Ostern mit dem WO-RT Auto aus der Hauptstadt Richtung NordOst. Ziel ist ein kleines Dorf im Epizentrum ehemaliger Deichaufregungen, darin wiederum ein verborgenes Häuslein. Meine neue Hallig.

Mein erstes Mal so weit im Osten der Republik. Ich hatte lange darauf gewartet. Jetzt schaue ich mehr oder weniger aus dem Fenster nach Polen. Viel Himmel über uns mit noch mehr Wolken, die teilweise dramatische Stücke inszenieren. Wir liegen  auf natürlich gegebenen Schilfmatten am Ufer und sonnen uns, gehen ein paar Meter weiter und werden mit Säcken voller Hagelkörner beworfen, und auch noch voll ins Gesicht. Kämpfen uns durch den Sturm über den Deich nach Hause durch, restlos ermattet, mir helfen die Bratkartoffeln, Herrn Montag nicht. FastVollmond über dem Wasser.

Am nächsten Tag  über die polnische Grenze hinweggesetzt und den sg. Polenmarkt besucht. Wildkapitalismus in Reinkultur, Bazar in alten Hallen/Gebäuden/Fabrikanlagen, stabil improvisierte Plastikabteilungen mit zum Teil unausdenklichen Angeboten. Joggingware beherrscht den Kleidermarkt, auch Jacken von Thor Steinar (sic?) im Sortiment – bestimmt hier die Nachfrage das Angebot? Sehr schöne Baumarktabteilungen in Bretterbuden, wir kaufen das Notwendigste ein. Vikovs Autoteilehandel mit angeschlossenem Sex-Shop, unvergessen. Blumen und Gartenkitsch neben verfallenden Fabrikgebäuden – was war hier vorher?
Mit vollem Tank und vollem Bauch (Kartoffelpuffer vs. Pirogi russkie) verlassen wir nach Stunden das Jahrmarktgelände und schauen uns das Oderufer von der östlichen Seite an, dabei immer ein Auge auf potentielle Hausverkäufe. Schön ist es hier, so schön, dass ich mich natürlich prompt verliebe in diese Landschaft unter dem großen OstHimmel.
Wolken werden über uns getrieben, als wir auf Dralon gebettet am Rande der Sümpfe lagern. Kein Laut, nur eine Krähe. Der Frühling ziert sich noch, unter dem Wind fühlt man ihn dennoch, egal wie er sich verstecken möchte.
Vor uns weite Schilfländer und dahinter der Fluss. Momente für die Lebensschatzkiste. Auf dem Parkplatz am Waldrand finden wir uns von Konsonanten umzingelt, Ls sind durchgestrichen und so verstehe ich leider die Naturerklärtafeln nicht so sehr gut.
Auf dem eher indirekten Weg zurück lernen wir Straßen der gänzlich anderen Art kennen, handgepflastert und voller tiefer Krater schraubt sich der Weg durch den Wald bergan, rechts Teiche mit Fischreihern, Bienenstöcke, offensichtlich von Bibern gefällte Bäume. Nach 6 (60?) km die Ortschaft, verfallene Kolchosanlage? Ehemalige Ställe? Selbst ich würde hier nicht bleiben wollen. Es gibt aber Menschen, Hunde auch, sie liegen an der Kette.
Kraniche balzen auf den großen Freiflächen.

Jetzt, schon nach Ostern und wieder zurück im Südwesten, wo der Frühling sich völlig unverstellt gibt und alle Menschen auf der Straße (vor mir) zu laufen scheinen, habe ich Sehnsucht. Sehnsucht nach dem Himmel, der Stille, dem Haus, dem Garten, dem Nichts. Die Straße führt Richtung Osten. Oder?

*Etymologisches PS:
Zur Frage, die FrauFreitag tagelang zwanghaft begleitet hat:
„Wieso eigentlich Oderbruch?“ [und wieso eigentlich „das„?]
Wers also wissen will:
Kluge, Etymologisches WB, 22. Auflage, Berlin 1989, S. 108  gibt Aufschluss:

Bruch [2], m/n (aha, darum also DAS!!)
„Sumpfland“, mhd. bruoch, ahd. bruoh, vgl. auch *brak, für „Sumpf, stehendes Wasser“ (s. Brackwasser!, Anmerkung FF)
etc.etc…
häufig in Ortsnamen, s. auch Ndl. broek

Wunderbar. Wieder was gelernt.

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