Westberlin, West:Berlin, West-Berlin…

SA 7.41
SU 16.59
2 Bft aus Nordost
(Werte Berlin Mitte)

Eine Insel auf der Suche nach Festland.

So heißt die Ausstellung, die ich heute in Ostberlin im Ephraimpalais besichtigt habe. Das Ephraimpalais liegt sehr schön, man kann in der Nähe zuschauen, wie die U5 weiter gebaut wird. Dazu steigt man auf Türme, die ältere Berlinreisende an die Türme von früher erinnern, nur hat man damals und von da aus auf Grenzsoldaten der Deutschen Demokratischen Republik geschaut, jetzt schaut man in den Tiefbau hinab und die Erde zittert unter meinen Füßen. Die Spree fließt gleich umme Ecke, dazu historisches oder historisierendes Pflaster, wo man hintritt. Nur die Straße vorm Fenster ist mir zu laut, darum ziehe ich doch nicht ein in den Rokkokopalast mit korinthischen Kapitellen, Puttis aufm Balkon und Ananas aus Stein aufm Dach.

Die Ausstellung, die heute von mir besucht wurde, nimmt  Westberlin in den Blick.  (Ich verzichte hier auf den Bindestrich…) Westberlin jibt et nich mehr. Damit sind wir auch gleich wieder ziemlich am Anfang der Geschichte angekommen. Denn, und ich verzichte hier auch auf alle stadthistorischen Betrachtungen, diese sind gewiss in zahlreichen grundlegenden Standardwerken nachzulesen…, denn am Anfang gab es allenfalls Himmelsrichtungen. In Berlin so wie überall sonst auf der Welt. Dabei spricht kein Mensch von Nordberlin. Und heute gibt es „ehemals“. Ehemals Westberlin und ehemals Ostberlin. So ist das mit den Aspekten, den Blickwinkeln und den Ansichten. Aber ich schweife ab.

Ich wandele nicht allein durch die Säle, sondern mit Jugendlichen, die der Sache eher mehr so weniger interessiert gegenüberstehen (ist das die Gnade der späten Geburt?) und mit HerrnMontag, einem Westberliner, der der Sache eher mehr interessiert und selbst betroffen (ohne Betroffenheit) gegenübersteht. Ich komme aus der südwestlichen Provinz und habe einen eher mehr distanziert-interessierten Blick, wodurch die Ausstellung aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet wird. Und die alten Damen, die bei den Hörbeispielen immer mit summen, sind auch noch da.
Und um das Ende gleich nochmal vorweg zu nehmen: absolut lohnend. Läuft noch bis zum 28.6.15 und ich möchte den Besuch  uneingeschränkt empfehlen.
Warum?
Ich finde sie, die Ausstellung, nicht die alten Damen oder die Hörbeispiele,  lehrreich und spannend. Nicht nur kann man vieles erfahren, was man, vor allem als Südwestdeutsche_r, nicht über diese Stadt weiß oder wusste. Man sieht auch, wie zentral Berlin, in dem Fall West-, unser Leben, unser Großwerden, unser Erwachsenwerden, unsere Nachrichtensendungen und Erlebnisse bestimmt hat.  Vieles sehe ich hier wieder, was ich nur aus dem Fernsehen kannte, was aber offensichtlich „wichtig“ war.
Wieso kenne ich die Namen ehemaliger Berliner Oberbürgermeister? Ich kenne keinen einzigen aus z.B. Frankfurt und weiß nur mit Mühe, wer mein eigener gerade ist.
Wieso bekomme ich eine Gänsehaut , wenn ich den Namen Klaus-Peter Rattay lese http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-J%C3%BCrgen_Rattay ,  wieso erkenne ich sofort die Stimme Ernst Reuters?
Wir alle können ad hoc Referate über „den“ Mauerbau halten, kennen die Bernauer Straße -auch wenn wir nie da waren- und wissen, was ein Rosinenbomber ist. Wir sind groß geworden damit, wir sind Ameisen und organisieren das kollektive Gedächtnis unserer (ehemaligen?) BRD. Egal welche Dekade in der Ausstellung gerade dran ist, ich merke: wir waren alle Berliner.  Somehow, always.
Und spätestens ab den 80ern, ich sehe die Fotos aus der Hausbesetzer“szene“, von Punks und von Reagan-Besuchen, waren wir auch im Südwesten Teil der Insel.
Und das finde ich wirklich sehr interessant.
In diesem Sinne:
Keine Macht – für niemand(en)…

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