Kategorie-Archiv: undeinmal

Im Café

SA 7.52
SU 16.34
1-2 Bft aus Nord-Ost

Und einmal, Sonntag Nachmittag, FrauFreitag hat es irgendwie geschaft, pünktlich gegen halb 4 frisch geduscht zu ihrer Martial-Arts- Verabredung zu stiefeln. Gar nicht übel da draußen, es wird sogar noch ein bisschen hell, kurz vor Sonnenuntergang. Der liebe Chef-Kollege hat eingeladen und mir fällt meine gute Kinderstube wieder ein, also geh ich mal eben noch am Vrouwenlopplatz (Name geändert) ins Café, das da schon immer ist, wo ich schon als Kind mit Oma Schokolade mit Sahne hatte. Dingdong die Glocke und der Caféleiter steht an der Tür, gestikuliert und wirkt verzweifelt, irgendwas stimmt hier nicht, das sind nicht die üblichen Sonntagsnachmittagscafévibrations hier drin, denkt FrauFreitag. Im Zentrum der Unruhe sitzt eine alte Dame, die die Aufregung, die sie verursacht, mit stoischer Gelassenheit hinnimmt.  Wie ich aus aufgeregten Wortfetzen des Inhabers entnehme, kommt die alte Frau Weiß täglich, will Kaffee und Kuchen, den sie weder essen darf noch kann, weil sie ihre Arme nicht mehr bewegen kann. Sie wohnt zwei Straßen weiter im Stift, geht da aber nicht hin. Immer muss man die Polizei rufen.
Buarks, denke ich, kaufe Apfelkuchen und Mandelhörnchen und fasse einen Plan. Ja, da sei frei sagt sie, als ich sie frage, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Dann starren wir uns ein bisschen an. Blaue Augen, tiefseetief, die andere Sachen sehen als meine. Zum Beispiel.
Ob ich sie nach Hause bringen dürfe, frage ich. Sie schaut mich lange an. NEIN, sagt sie dann fest und sicher, und ich muss ihr Recht geben. Natürlich lässt man sich nicht von irgendwem nach Hause bringen, den man gar nicht kennt. Hm. Polizei finde ich aber auch keine echte Alternative. Sie wolle Kaffee und Kuchen, sagt sie mit Bestimmtheit. „Darfse nich essen“ ruft der Chef vom Tresen her. Ich versuche es noch einmal. Vielleicht Kaffee und Kuchen zu Hause? NEIN. HIER.
Die Frau hat wirklich Recht. Natürlich. Kaffee und Kuchen. Mit Sahne. Im Café. Wie es sich gehört. Und nicht von irgendwem anquatschen lassen.
Ich verabschiede mich höflich. Was jetzt kommt, wird sicher unerfreulich. Aber so isses nun mal. Und ich muss ja auch weiter, die Kampfkunst ruft.
Vielleicht geh ich da jetzt öfter mal hin, und wir lernen uns kennen. Dann kauf ich der heimlich Kuchen, der Frau Weiß. Wenigstens das muss doch drin sein.

Puschkin auf dem Spielplatz

Den Kohns

Was ich heute früh an den Teichen für eine Geschichte wiedergefunden habe und wie es dazu kam:

An den Teichen war ein spezielles Licht, frühgolden-neblig. Krähen gingen spazieren und riefen sich das Neueste zu. Der Geruch von Pappellaub war es aber, der mich endgültig in die septemberlichen Moskauer Parks katapultierte, dieser medizinische Geruch, gegen den ich mich nicht wehren kann.
Ende September in Moskauer Parks. Zum Beispiel, klar, „namens Gorki“ (im. Gorkogo), Sokolniki, oder, sehr sehr liebenswert „namens Mandelstam“ (im. Mandelstama). http://passportmagazine.ru/workdir/photos3/m1_450.jpg

Da sitzen und riechen, wie die Pappeln ihr Laub verlieren in einem speziellen MoskauLicht. Dazu rufen Krähen, Nebelkrähen allerdings. (In Berlin gibt es auch diese Sorte… wo ist eigentlich die Krähengrenze?)

1991. Putschjahr. FrauFreitag und ihr späterer Gatte leben 2 Monate in Moskau- MOCKBA. Russisch lernen war der Plan. Das haben wir getan, intensiv sogar. Davon ist wenig geblieben. Geblieben ist aber alles, was ich sonst da gelernt habe, gesehen und geschmeckt, es steht in der Abstellkammer abrufbereit. Heute haben die Pappeln die Tür aufgeschlossen.

Russisch wurde in Einzelunterricht exerziert. Dazu trennen sich die jungen Liebenden früh vor dem Haus an der Moskva, es fällt ihnen schwer. FrauFreitag (пятница) fährt mit Bus und U-Bahn zur Station „Universität“ (im. Lomonossova). Ja, Staatliche Moskauer Universität:http://www.inmoskau.de/blog/wp-content/lomonossov-uni-moskau-th.jpg

Ich bin stolz, dort zu sitzen. Mit Gulja, einer Usbekischen Linguistin, die mich völlig überschätzt, lerne ich Russisch, versuche es wenigstens, verzweifle, beiße mich durch, trinke Tee aus einem gigantischen Samovar in der Kafeteria der Philologischen Fakultät, besichtige das Gelände, die Bibliothek und Prunksäle dieser phantastischen Uni. Unter den Apfelbäumen liegen früh Äpfel, die mittags alle eingesammelt sind. Das Wort „Defizit“ habe ich zuerst gelernt und nicht mehr vergessen. Kunststück.

Der Zukünftige hat es anders, aber vergleichbar toll. Er darf zu Ina Kohn fahren, die Ringlinie bis zu den Patriarchen-Teichen. Allein das Wort ist Magie. Bulgakov lesen, den Meister und Magerita treffen…nahe beim Bulgakov-Haus ist die Kohnsche Wohnung.

http://www.unique-online.de/wp-content/2013/07/Patriarch_Ponds_Sign.jpg

„Mit Unbekannten sprechen verboten!“

Dort lehrt Ina. Eine 70jährige Intellektuelle mit dichtem schwarzen Damenbart, einem herrrrzlichen Lachen und schrägen Lehrmethoden, die sie somehow frisch aus Amerika hat.
Sie und ihr Mann Juri, pensionierter Journalist und russische Romanfigur in einer großen Person, leben in einer kleinen Wohnung, die immer nach Kohlsuppe riecht und sonst nur aus Büchern besteht. Sie planen ihre Auswanderung nach Erez Jisrael.
Weil sie so nett sind, laden sie auch mich ab und an ein, teilzuhaben an faszinierenden Unternehmungen. Da ist die Reise nach Leningrad, zu Lew und Anja-eine ganze Novelle,  das Treffen mit Andrew, einem jungen New Yorker (dem jungen Woody Allen vergleichbar), mit dem wir Russisch sprechen, weil es uns allen leichter fällt.
Unsere Wirtin rümpft über all dies nur die Nase: еврейка Jüdin, lautet ihr Kommentar.

Undeinmal soll der Gatte sich sonntags einfinden an einer Metro-Station irgendwo, es geht um ein Experiment. Lernen und die Verknüpfung der Gehirnhemisphären. Ihr Lieblingsthema.
Spazierengehend werden wir in Puschkins „Evgenij Onegin“ eingeführt. Manche Wörter werden erklärt, semantisch verknüpft, auf Mind-maps notiert. Dann wieder sehen wir uns in den Straßen um. Es ist kalt geworden, windig. Der Winter steht im Osten schon bereit, bald werden wir in den Westen heimreisen müssen. Blätter wirbeln, wir frieren, Puschkin kommt uns nicht nah, wir drehen heimlich die Augen himmelwärts, diese verrückte und liebe und besessene alte Dame und ihre Lehr-und Lernexperimente! Schließlich landen wir auf einem kleinen Spielplatz, sitzen auf Wippen, Schaukeln, ich weiß nicht mehr. Schlagen die Kragen hoch und vergraben die Hände in den Taschen.
Da passiert ES.
Ina Kohn stand auf dem Spielplatz und deklamierte den Eugen. Laut, mit etwas brüchiger Altfrauenstimme rief sie die Zeilen in den Wind, wir lauschten stumm und staunend. Hier und da eine Erklärung…weiter…und nochmal von vorn. Ich war sicher, nichts zu begreifen. Und einem skurrilen Schauspiel beizuwohnen, offenen Mundes.

Но, боже мой, какая скука
С больным сидеть и день и ночь,
Не отходя ни шагу прочь!
Какое низкое коварство
Полуживого забавлять,
Ему подушки поправлять,
Печально подносить лекарство,
Вздыхать и думать про себя:
Когда же черт возьмет тебя!

Seltsam jedoch: einiges aus Evgenij Onegin kann ich (und der Gatte erst recht) noch heute nahezu auswendig, ohne Nachzudenken, und ohne es zu begreifen. Dabei für immer mitkonserviert ist die alte Dame, Moskauer Intelligenzia, der Spielplatz, der Wind. Leider kann ich der lieben Ina heute nicht sagen, was für ein voller Erfolg ihre Hirnhälften-Methode war. Sie emigrierte, wir wechselten wenige Briefe mit Jerusalem, dann Stille.

 

#Tempelhofer Feld, 2

SA 7.04
SU 19.39
Berlin-geschätzte 3 Bft aus Südost früh in Tempelhof

Undeinmal sind wir schon früh übers Tempelhofer Feld spaziert, an einem Septembermorgen, wie er herrlicher nicht sein könnte mit Dunst und Sonne und 100% Tempelhofer Feld eben. Und da lag es und war Hallig inmitten der großen Stadt, flach und weit und groß und Wind und mein Herz hob sich wie eine Lachmöwe in die Lüfte. Einen alten Hafen gab es obendrein und der große alte Flughafen-ach.
Schönheit existiert und bestimmt das Tagesbewusstsein.

Zeit und Geld

SA 5.53
SU 21.13
2-3 Bft aus NW

Undeinmal haben wir an der Nordsee, ich glaube im schönen Städtchen Esens, ein s.g. Heimatmuseum besucht, da konnte man auch eine Uhrmacherwerkstatt besichtigen, die dort in memoriam aufgebaut war. Es war die Werkstatt von Hansi Tick-Tack, Gotthabihnselig. Uhrmachermeister. Aus der Zeit, als es so was noch gab. In der Werkstatt da tickerte und tackerte es, dass es eine Art hatte und das war sehr schön.

Wie komm ich jetzt darauf? So:
Heute nach der Arbeit bin ich erstmal zum Trödler. Suche ja immer noch einen Jugendstilsekretär (oder einen jugendlichen Sekretär), war aber wieder nix da. In MZ gibts original einen Trödler, ich muss hier weg.
Dann zur Bank.
Hoho! Soviel zum Thema Prekariat. Erstmal Konto entlasten. Ich hab aber auch hart gearbeitet.

Vorwort zur Rahmenhandlung: ich habe auf dem Anwesen meiner Schwester meine Uhr verschlampt. Das hat mit meiner schlechten Angewohnheit zu tun, diese immer sofort abzulegen, wenn ich irgendwo ankomme, als sei eine Uhr ein Hut. Unauffindbar. Nun war aber diese Uhr ein Geschenk meines Exmannes. Man kann ihr Verschwinden also durchaus werten und interpretieren. Ich lese daraus, dass jetzt keiner mehr über meine Zeit bestimmt. Mein Schwager meinte scherzhaft, ich müsse jetzt jemanden finden, der mir ne neue Uhr schenkt. Das sehe ich ernsthaft komplett anders.
Ich
kauf mir
meine Uhren
ab jetzt
SELBST-
Yeah.
Und in meiner Straße in der Stadt ist dieser Laden „Alte Uhren“, der etwa drei Mal im Monat bei Springtide geöffnet hat. Nämlich heute. Als ich grade frisch von der Bank komme.
„Ein Zeichen!“ denkt FrauFreitag und betritt die Museumswerkstatt.
4
Phantastische Idee! Wie im Heimatmuseum. Überdies belebt, aber dazu gleich.
Ich komme also rein, sage: „Bitte eine Uhr, für diesen Arm passend [Arm vorzeigend], mechanisch, 50er Jahre wäre wünschenswert und ich habe kein Geld. Also wenig. Diese Goldomega da von 1951 wäre ein Traum, aber 900 € sind nich.“
Der Meister trägt Elvistolle in Grau, wie wahrscheinlich seit 1956, und er hat ein Loch zum Atmen im Hals, gleich vorne am Hemdausschnitt, so dass man von außen zuschauen kann, wie er ein-und ausatmet. (Wie heißtn das nochmal?) Ich bin sehr fasziniert von dieser Szenerie. Die Groupies nennen sich selbst so. Sie antworten das auf meine launige Frage „Na Jungs, seid ihr hier Azubis oder Inventar?“ Einer ist vielleicht so mein Alter, eher sportlich, könnte man auch im Studio treffen. Der sitzt da und himmelt die Uhren an. Hat auch kein Geld.
Der andere zeigt mir, dass er an BEIDEN Handgelenken beuhrt ist. Ich frage gleich, wies mit den Knöcheln aussieht. Nö, aber inner Tasche hat er auch noch drei. Aha. Ich bin also in besondere Gesellschaft geraten.
Die aber nett ist. Man legt mir einige original „alte Junghans-Modelle“ (sic) aus den 50ern vor, die ziemlich genau meinen Vorstellungen entsprechen. Muss mich zwischen 2n entscheiden. Geht leicht. Ich folge der inneren Stimme. Bekomme noch ein neues Band. Einer der Groupies erledigt das, hat plötzlich eine Lupe wie ein Monokel ins Auge geklemmt. Ich fühl mich wie im Theater und spiele mit. Die Standuhren, bemerke ich nebenbei, sind auch nicht schlecht…
Der Meister spricht: perfekte Uhr. Sieht toll aus an mir.
Ich finde, ich seh toll aus mit ihr!
Und wenn was ist, wenn die nicht richtig tickt, soll ich kommen.
Glücklich gehe ich im Ticktackschritt heim. Schaue dauernd auf die Uhr. Zum Aufziehen. Freu mich schon drauf. Nix piepst und von wegen Batterie leer. Soviel Spaß für naja, einen guten Preis. Ha. Zuhause- wie die Zeit vergeht! Ganz anders als auf der Digitalküchenuhr…ich stelle nach…und nach ….und nach und nach merke ich, dass wir wirklich super zueinander passen, die Junghans und ich.
Sie geht auf die Stunde gut 20 Minuten vor. Sie rast also geradezu vor. Macht gar nichts…dann geh ich also morgen wieder hin…wenn hoffentlich Springtide ist und der Mond im richtigen Quadranten steht…oder einfach so lassen? Relativitätstheorie und so? Und der Arbeitstag vergeht wie im Fluge und der Nachmittag zieht sich nicht länger wie Kaugummi?? Wer sagt denn, dass die Junghans VORgeht? Gehn die andern vielleicht NACH? Einfach um 16 h gehen, auf Fragen das Handgelenk unter andere Nasen halten: „hier! Schau doch auf die Uhr! Feierabend!“ rufend. Ich überlegs mir noch.

(Mein Exmann hat übrigens immer „Ras doch nicht so!“ gesagt, wenn ich so fürbass gegangen bin.)

Rheinufer

Undeinmal waren wir zu Vieren abends am Rhein.
Picknick für uns und Räucherstäbchen gegen die Mücken.
Zwischen durchaus ernsten Themen soviel gelacht, dass ich kaum noch Luft bekommen habe.
Sehr sehr schöner Abend. Wie immer mit Euch!

Feststellung:
in der richtigen Gesellschaft, am Wasser und bei gutem Licht kanns hier auch hallig sein.
Rheinufer fast ein Sommerdeich.

FrauFreitag geht unter die Fuszballfans

und schon werden alle Weltmeister!

Will sagen:
Undeinmal bin ich abends in eine Kneipe gegangen, wo ich außer den Inhabern niemanden kannte. Um mir zum ersten Mal im Leben öffentlich Fußball anzugucken. Überhaupt richtig dabei zuzugucken. Nach, sagen wir, 1979. Weil ich ja finde, man sollte immer mal Sachen machen, die man noch nie gemacht hat, also wenigstens manchmal.
Und irgendwann habe ich meine Hände an meiner Stirn gemerkt, wie sie dagegen gehauen haben, meine Hände, die meine Haare gerauft haben, ich habe laut „Abseits“ gesagt und Luft zwischen den Zähnen eingesaugt. So Sachen.
Das alles war sehr lehrreich, lustig und auch wahnsinnig gruselig, insbesondere möchte ich hier die Generalmobilmachung NACH dem Spiel hervorheben sowie das gemeinsame Absingen der Hymne vorher.
Insgesamt: eine 1-, großer Film, nur ich bin nicht die richtige Besetzung dafür.

#Badesee 2

Vorwort:
Vor ein paar Tagen hatte ich diese Geschichte geschwind aus der Hand geschrieben, ein feines, fließendes Flow-Erlebnis, ich wars recht zufrieden. Aus mir unerklärlichen Gründen war der Entwurf, ups, verschollen statt veröffentlicht, durchs Netz gerutscht, weg. Schwierig, ihn wieder einzufangen…
Vor einiger Zeit hat mir jemand gesagt, dass er „seine Stimme nicht kenne“. Es ging hierbei zwar um die Singstimme, aber mir hat dieser Ausdruck gefallen, also habe ich ihn für alle Fälle behalten. Inwieweit diese Schönschreibübungen damit zusammenhängen? „Nun“, sagte Eule weise, „alles hat immer mit allem zu tun.“
Worum es genau genommen geht, ist, dass ich hoffe, den Ton von Badesee 2 hier noch einmal zu treffen, zu finden; er ist schön, besonders und schwierig. Ges-Dur.

Für A. -with love.

Undeinmal- ich habe die ganze Zeit, geglaubt, es sei im letzten Sommer gewesen, aber das kann gar nicht sein, denn da war ich completely anderswo, also wohl vor doch vor zwei Jahren- undeinmal war ich alleine im Badeseeland. Keine Erinnerung, wo Mann und Kinder stecken, jedenfalls in den Kulissen, es ist eine Geschichte nur von Zweien.
Treffpunkt, so ist verabredet, ist nach der Arbeit auf dem historischen Marktplatz (Inn-Salzach-Stil) einer kleinen badeseeländischen Stadt. Nach der Arbeit, also Nachmittag. Sommernachmittag genaugenommen, und geplant ist, dass wir zu Fuß am Fluss entlang wandern, bis zum See. Dort natürlich baden, dann zu Fuß wieder nach Hause, alles nicht gerade um die Ecke, aber durchaus machbar. Also treffen wir uns in einem kleinen Kaffee, ich glaube eher, einer Cafébar, eine dieser Einrichtungen, wo man sein Tablett selber schleppen muss…was uns aber keineswegs ärgert heute. A. kommt von der Arbeit. Wie auch FrauFreitag an den meisten Tagen, achtet A. sehr genau darauf, dass das Kostüm zum gespielten Stück passt. Heute also: das reizende Fräulein vom Büro an einem heißen Sommertag: Ausstattung könnte sein- ein dunkelblaues Kleid, vielleicht mit weißen Tupfen, Haare wegen der Hitze sicher hübsch aufgesteckt. Klassische Eleganz, sehr schön. Ich bin ja im Urlaub, da gehts ein wenig legerer, ein buntes ärmelloses Fähnchen, nie zu kurz, Haare sind kurz genug, also auch nicht aufgesteckt.
So treffen wir uns, Badesachen dabei, A. mit ihrem alten Radl an der rechten Hüfte, Sommernachmittag in der Stadt, Kaffee. Dann aber nichts wie raus aus den bunten Mauern, die historischen Gassen entlang zum Wasser runter schlendern wir, Sonnenbrillen, Feierabend, Ferienstimmung. Nee, eher hitzefrei! Eine spezielle Zeit ohne „ich muss jetzt“ oder „eben noch“ oder „X wartet“…freie Zeit, Blaumachzeit, alle können uns jetzt mal, denn wir haben unsre hübschen Sachen an, das Rad trägt die Handtücher, wir kommen am Fluss an und ich glaube, schon da hat es angefangen, so besonders und schön zu werden, dass wir so besonders und schön wurden, dass wir von weitem gegoldet haben, geleuchtet. Plaudend schlendern wir den Weg entlang, aus der Zeit gefallene Schulkinder bei Hitzefrei. Und völlig zurecht, denn heiß ist es, schwül, wir lassen das Städtchen hinter uns und treten ein in das lichte Wäldchen, das das Wasser begleitet. Aus Indien eingewanderte riesige Pflanzen, ein rechtes imperialistische Dreckzeug, aber groß, beeindruckend, blüht weiß, pink, lila am Wegrand und verdrängt URBAYRISCHE Vegetation, Schmetterlinge gaukeln herum, Mücken interessieren sich für uns, Sonne sprenkelt den Weg und wir fühlen uns großartig. „Komm. Steig auf, wir fahren ein Stück.“, sagt A. Sehr anmutig klettert FrauFreitag im bunten Kleid auf den Gepäckträger, Damensitz und Obacht, die Speichen, Bauchmuskeltaining mit hohem Spaßfaktor. A. hat das Wadentraining, behauptet aber fest, ich würde NICHTS wiegen. Somit völlig schwerelos gleiten wir dahin durch die waldigen Sonnensprenkel, Sommersprossen auf der Nase, Badeanzug dabei, sind kein bisschen soundso40, sondern 8, 12, allenfalls 17. Und wir sind uns der Filmreife unserer Szene auf der Metaebene so bewusst, dass wir kichern und Wanderlieder singen, laut und falsch, aber mit Verve.
So kommen wir erhitzt am See an, ganz unwaldig ist es, seit ein schweres Gewitter vor kurzem hier entlang gekommen ist. Herrlich ists trotzdem, das Wasser weich, kühl und klar. Fischlein schnuppern an meinen Zehen, Libellen schwirren.
A. verwandelt sich an Gewässern immer schnell in ein Wassertier und schwimmt weite Strecken. Ich bleibe hydrophob, tändele nur, suche beim Stehen festen Boden und schau mir die Seerosen an, liege auf dem Rücken und schau in den wolkiger werdenden Himmel. Während die Freundin wahrscheinlich schon am anderen Ufer nach dem Rechten schaut, liege ich bereits trocknend im Gras, beobachte Ameisen, wehre Mücken ab, staple kleine Steine. Als die kleine Meerjungfrau zurückkommt, sieht sie ausgeschwommen glücklich aus. Wir trocknen noch ein bisschen zusammen, dann fassen wir nach einigen Blicken zum Himmel den Entschluss, aufzubrechen, ist es doch noch ein gutes Stück bis nach Hause und Gewitter gibts hier, das kann man gar nicht beschreiben.
Drum, und weil es so schön war, wieder zusammen aufs Rad, alles Wasser bleibt zurück, jetzt rollen wir durch Dörfer, Spalierobst an den alten Hofgebäuden, Phlox bis zum Abwinken in den Bauerngärten, Kapuzinerkresse, Zwiebelturmkirchen, wir mitten im Idyll, zwei Goldmarien auf einem alten Fahrrad, die die Leute zum Hinterherschauen und Lächeln zwingen. Über allem wölbt sich wie üblich der Himmel, mehr oder weniger gewittergeneigt, manchmal auch große Kastanien, bald schon reif, Odelgeruch, Blumen duften in Gärten, Heu auf Wiesen, Geräusche von Melkmaschinen. Ewig, ewig könnte es so weiter gehen, noch an einem Kappellerl müssen wir vorbei, an den Linden, dem Maisfeld…da passiert es und das Rad gibt auf, kann nimmer, wen wunderts…also müssen wir doch wieder auf die Erde zurück, laufen das letzte Stückerl, schauen uns an, noch Glückssprenkel in den Augen und Mundwinkeln.
Was für ein schönes Ferienerlebnis.

#Badesee, 1

Es gibt in der Familie die Tradition der „Undeinmalgeschichte“. Diese sind keine wirklichen Kurzgeschichten und auch keine Novellen, es sind Polaroids, allenfalls kurze Aufnahmen in Superacht. Man darf sie gerne immer mal wieder erzählen, sie sind Teil der persönlichen oral-history. Sie beginnen immer mit den inhaltsschweren Worten „Und einmal…“ und spielen in der fernen, der noch fernereren oder der näheren, schon gemeinsamen Vergangenheit.

„Mama, erzähl eine Undeinmalgeschichte!“, krähen manchmal die FrauFreitagKinder. Und man kann ein ganzes miesgestimmtes Abendessen rausreißen, indem man zum Beispiel zum 100sten Mal erzählt, „undeinmal hat meine Schwester beim Essen immer, also nicht nur einmal, immer den Kartoffelbrei durch ihre Zahnlücke wieder rausgequetscht. Nur um mich zu ekeln und immer so, dass die Eltern das nicht mitbekommen haben…“ Wenn ich dann noch in Stimmung bin, Dialoge im Original-Dialekt wiederzugeben, hängt die Brut offenen Mundes und begeistert an meinen Lippen, denn im Gegensatz zu den armen Kleinen ist FrauFreitag zweispachig. Gern schließt ein kleiner dialektologischer Exkurs die Geschichte ab.

Ich möchte an dieser Stelle zwei Undeinmalgeschichten erzählen, die inhaltlich verknüpft sind und daher beide unter #Badesee in die Welt kommen sollen.

1. Für A. und P.
Undeinmal waren wir bei unseren Freunden im Badeseeland zu Besuch. Es war hoher Sommer, ein schwüler Nachmittag, die Wäsche, die A. und ich hinten im Garten aufgehängt hatten, hing schlapp. Das gemeinsame Aufhängen von Wäsche ist, ebenso wie das nächtliche Zähneputzen, greifbarer Ausdruck unserer Freundschaft.

 

Die Wäsche also hing schlapp, wir auch. Ein Gewitter hing ebenfalls, und zwar drohend in der Luft, ich fühlte mich wie in einem Tschechov Stück, welchem nochmal?: „es ist schwül. Es wird sicher regnen…“.
So beschloss die Gesellschaft, dann eben mal jetzt noch schnell, wenn aber dann gleich, weil ja Gewitter angesagt ist, doch noch mal kurz an einen der zahlreichen Badeseen zu fahren, den weiteren mit dem schönen Blick.
Aufi gehts, wir werfen Handtücher und Kinder und A.s Papa in diverse Autos und fahren los durch den Badeseeländischen Sommer, Maisfelder, Blau-Weiß, Musik volle Pulle.
Angekommen am schönen Ort! Die Jugend steht erstmal Schlange vor der einzigen Umkleidekabine. Diese Jugend! Dann planschen wir ein bisschen rum. Ich schaue 360° – Postkartenidylle!
Doch was ist das? Ist es ein schmutziger Bär von geringem Verstand mit einem Ballon in der Hand, um die Bienen zu täuschen? Nein! Es quellen allmählich dunkle Wolken auf.

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Auf diesem Bild sieht man, wie wir -mehr oder minder sorgenvoll – Ausschau halten…

Wir paddeln ein wenig weiter, aber hierzulande quillt es schnell und plötzlich ist es ziemlich dunkel.

P. ist ortskundig. Gelassen steht er neben mir im Wasser und sagt mit tiefer, beruhigender Stimme „DA KOMMT NICHT VIEL“…

Ich rufe trotzdem meine Küken aus dem Wasser und wir rennen geschwind zu den Autos, Faradaysche Käfige, (-> eine andere Undeinmalgeschichte, #München 1972, Deutsches Museum) und lassen darin das Gewitter über uns ergehen. Wir, die wir aus milderen Gefilden kommen, staunen ob der Gewalten und denken nur „aha, dazu sagen die hier NICHT VIEL…“. Auf der Heimfahrt, es hat jetzt doch merklich abgekühlt, wünschen wir uns ab und an schon mal ein Amphibienfahrzeug.
Wir sehen unterwegs

    • Fahrzeuge im Graben
    • liegende Maisfelder
    • Straßen unter Wasser, tief
    • Astbruch, reichlich
    • zerstörte Bauerngärten
    • Berge von Hagelkörnern, die tapfere Bewohner des Landes mit Schneeschaufeln heranbringen
    • Feuerwehren im Einsatz

Zum Glück hat A.s kluger Sohn die Wäsche abgehängt, rechtzeitig. Also alles in Ordnung!

Wenn wir in dieser Runde heute zusammenkommen, sagt eine_r ab und an unvermittelt nach einem Blick zum Himmel (geht auch drinnen) „Da kommt nicht viel…“