Kategorie-Archiv: NeuStadt

Im Café

SA 7.52
SU 16.34
1-2 Bft aus Nord-Ost

Und einmal, Sonntag Nachmittag, FrauFreitag hat es irgendwie geschaft, pünktlich gegen halb 4 frisch geduscht zu ihrer Martial-Arts- Verabredung zu stiefeln. Gar nicht übel da draußen, es wird sogar noch ein bisschen hell, kurz vor Sonnenuntergang. Der liebe Chef-Kollege hat eingeladen und mir fällt meine gute Kinderstube wieder ein, also geh ich mal eben noch am Vrouwenlopplatz (Name geändert) ins Café, das da schon immer ist, wo ich schon als Kind mit Oma Schokolade mit Sahne hatte. Dingdong die Glocke und der Caféleiter steht an der Tür, gestikuliert und wirkt verzweifelt, irgendwas stimmt hier nicht, das sind nicht die üblichen Sonntagsnachmittagscafévibrations hier drin, denkt FrauFreitag. Im Zentrum der Unruhe sitzt eine alte Dame, die die Aufregung, die sie verursacht, mit stoischer Gelassenheit hinnimmt.  Wie ich aus aufgeregten Wortfetzen des Inhabers entnehme, kommt die alte Frau Weiß täglich, will Kaffee und Kuchen, den sie weder essen darf noch kann, weil sie ihre Arme nicht mehr bewegen kann. Sie wohnt zwei Straßen weiter im Stift, geht da aber nicht hin. Immer muss man die Polizei rufen.
Buarks, denke ich, kaufe Apfelkuchen und Mandelhörnchen und fasse einen Plan. Ja, da sei frei sagt sie, als ich sie frage, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Dann starren wir uns ein bisschen an. Blaue Augen, tiefseetief, die andere Sachen sehen als meine. Zum Beispiel.
Ob ich sie nach Hause bringen dürfe, frage ich. Sie schaut mich lange an. NEIN, sagt sie dann fest und sicher, und ich muss ihr Recht geben. Natürlich lässt man sich nicht von irgendwem nach Hause bringen, den man gar nicht kennt. Hm. Polizei finde ich aber auch keine echte Alternative. Sie wolle Kaffee und Kuchen, sagt sie mit Bestimmtheit. „Darfse nich essen“ ruft der Chef vom Tresen her. Ich versuche es noch einmal. Vielleicht Kaffee und Kuchen zu Hause? NEIN. HIER.
Die Frau hat wirklich Recht. Natürlich. Kaffee und Kuchen. Mit Sahne. Im Café. Wie es sich gehört. Und nicht von irgendwem anquatschen lassen.
Ich verabschiede mich höflich. Was jetzt kommt, wird sicher unerfreulich. Aber so isses nun mal. Und ich muss ja auch weiter, die Kampfkunst ruft.
Vielleicht geh ich da jetzt öfter mal hin, und wir lernen uns kennen. Dann kauf ich der heimlich Kuchen, der Frau Weiß. Wenigstens das muss doch drin sein.

Leerstand

SA 7.06
SU 19.34
2 Bft aus Ost

Für M.
Die Pizzeria hier um die Ecke steht leer. Schon länger. Das treibt mich aus mehreren Gründen um. Diese wiederum passen hervorragend in die Reihe „Neustadt, früher, heute und immer mal zwischendurch“. Ganz  unlängst war ich da mal drin, in der Pizzeria, weil Kind2 mich in der Stadtwohnung besuchen kam. Und dann will man dem Kind natürlich was bieten und es wünschte Pizza. Also bin ich rein. War nicht ganz leicht, denn Erinnerungen quollen durchs Schaufenster. Weggewischt wie Spinnenweben. Drinnen war dann alles- anders. Man muss wissen
– da gabs neben Pizza in der letzten Zeit auch „indisch“
– alles stand falschrum, also im Vergleich zu früher
– FrauFreitag ist nicht heikel, also was so Fragen angeht, wann was „eklig“ ist. Da wars-grenzwertig.
Kind war glücklich mit seiner Pizza Funghi und die Samosa war OK, nur die Remoulade dazu hat mich irritiert. Gut, ich bin dann nicht mehr hin. Habe aber natürlich wieder dran gedacht, wie es früher war.
Als alles noch richtigrum stand. Da sind wir manchmal dorthin, denn es war in der Nähe meiner Wohnung und es gab auch, ganz wichtig, Pizza Pazza, das war vor der psychischen Erkrankung (‚ich vertrag keine Sahne‘) und vor diesem elenden weltverbesserndseinwollenden Vegetarismus, als alles noch unproblematisch war und man alles und immer und egal wo gegessen und gemacht hat. Und genau damit waren wir beschäftigt. Wenn man nicht mehr konnte, musste man eben mal raus und was essen. Dieser Moment wurde immer so lange wie möglich rausgezögert, denn man musste sich anziehen und die Treppe runter… halb tot vor Hunger. Aber eben erst wenn aller Sekt und Wodka leer war und die Nutella-Gläser ausgelöffelt.  Also auf wackligen Knien raus ums Eck zur Pizzeria…und schnell noch Zigaretten geholt im Regen am Automaten unten, dann zurück. Ein Wochenende war kurz und Zeit nicht zum Vertrödeln mit Essen da- von solch reproduktiven Tätigkeiten wie Einkaufen oder gar Kochen ganz zu schweigen.
Früher hab ich damit grob erzählt. Zwischendurch war komisch. Heute also steht der Laden leer. Was mich reizt. Denn ein Ladengeschäft ist ein heimlicher Traum, wenn Anleger schon nicht geht auf Dauer. Leute kommen rein, bekommen was Schönes und gehen glücklich wieder. Kollegin Frau Z. und ich hatten schon eine gute Idee, wenigstens für den Namen. Schließlich bangen wir um unsere Arbeitsplätze, da muss man auch mal über Selbständigkeit nachdenken. Der Name ist
BrotLoseKunst
Und was soll da verkauft werden?
Na, überlegt mal!

Dolomiti vs. Brauner Bär

Und weiter in unserer kleinen Reihe NeuStadt- früher, heute und immer mal zwischendurch.

Auf der heute dumm und verlassen daliegenden Verkehrsinsel in der Hinnburchstr. (Name geändert) war früher der Spielplatz, eigentlich sogar zwei. Von mir aus gesehen links war der Bereich für Kleine. Sandkiste, drei Wippen, auch Bänke für die Betreuer_innen. Ein kleines Klettergerüst? Unglaublich, ich habs vergessen.
In der Mitte irgendein Stromhäuschen, dann, also rechts jetzt, ein bogenartiges Klettergerüst zum Rumhangeln, ferner zwei Schaukeln. Dahinter, schon an der Keiserstr. (Name geändert) der KIOSK, auch die TRINKHALLE, Zentrum meiner frühen Begierden. Zuerst: Capri. Dann: Dolomiti. Drittens: Brauner Bär, aber da war ich schon fast weg.
Dolomiti war eigentlich am genialsten. Damit hab ich meinen ersten Kontakt mit „über Namen nachdenken“ gehabt. (”wieso heißtn das so komisch?“) und MeinOnkel erzählte mir poetisch von den Dolomiten, und ja, bei jedem Eis am Stiel träumte ein kleines Mädchen mit Zahnlücke und Seitenscheitel von den grünen Matten derselben. Bis sie irgendwann die Rezeptur änderten, wahrscheinlich war da Original giftig, seitdem, ich schwöre, schmeckts nicht mehr richtig und die Dolomiten sind mir egal. Schweinsohren (also Gebäck jetzt, dieses zerbrechliche), das nur mal eben hier erwähnt, waren auch nie wieder richtig gut nach 1975. Wiesu denn bluß?! Ich prangere das an dieser Stelle an. Also zwangsweise Umstieg zu Brauner Bär, krasser kann der Wechsel kaum sein. Winnetou! Oh, Winnetou!

An der Trinkhalle gabs auch, was sonst, HB und Binding Bier (bestimmt auch Peter Styvesand (sic?), Reval, Eckstein, WY (? so gelbe Packungen) und last but not least ROTHHÄNDLE, was mein sozialistischer Urgroßvater meistens geraucht hat). Und als 1972 Ölkrise war und Sonntagsfahrverbot, durfte ich erstmals für MeinenVater einkaufen gehen, stolz und aufgeregt, kurz vor 5 Jahre alt.
Dieser kleine Satz enthält viel Unglaubliches.
1. Ölkrise
2. Sonntagsfahrverbot
3. eine Bier und Zigaretten kaufende 4 Jährige (noch ohne Zahnlücke, nur mit Seitenscheitel).
Was sehen wir? The times they are a-changing.
Sonntagsfahrverbot, ich muss es einfach nochmal sagen.

Mit eisverschmiertem Mund und babbischen Fingern auf der Schaukel, Metallketten. Geruch von Sand-Eis-Metall. Kurzum „Spielplatz“. Da vertändelte man die Zeit, anfangs noch straff betreut, dann zunehmend frei und locker verabredet mit Schulkamerad_innen, Ich sehe noch die ersten Skateboards, rot, gelb, blau oder grün, die hießen Rollbrett und ich frage mich, was die Skater heute dazu
1. sagen würden und
2. ob sie sie fahren könnten.
Hat wer noch eins? Ein Rollbrett?

Heute immer noch schön, wenngleich, vgl. Dolomiti, nicht mehr echt:
Die Gaslaternen.
Von außen gleich.
Aber, wer erinnert sich?
Ich wurde noch betreut und MeinOnkel sagte mir, wir müssten nun langsam nach Hause gehen, denn das Gasmännchen käme bereits, die Laternen zu entzünden.
???
Wir gingen zur nächsten Laterne, da hörte ich ein leises Geräusch oben in ihr, das sei das Laternenmännchen, das die Streichhölzer anreiße. Klickklickklack und die Laterne ging langsam an, satt gelbes Licht. 10 Meter weiter, die nächste Laterne. Ich halte fieberhaft Ausschau nach dem kleinen Männchen mit den Zündhölzern, da, das Geräusch, es war wohl zu schnell oder zu klein?, nächste Laterne brennt. Und die nächste und die danach und immer 10 Meter weiter und wie durch ein Wunder stehen wir zur genau richtigen Heimkommmzeit vor genau unseren roten Haus und die grüne Laterne brennt gelb. Bis noch in die 90er habe ich manchmal das Laternenmännchenspiel gespielt, aber plötzlich, tout à coup, suddenly und schlagartig gingen die äußerlich gleichen Laternen ferngesteuert zeitgleich an, weswegen man nie mehr genau zur richtigen Zeit vor der eigenen Tür stehen kann, sondern immer überrascht wird vom plötzlich seltsam giftigen orangen Glimmen einer ganzen Laternenlegion, umzingeln sie mich und vor allem ohne anzuklopfen scheinen sie einem alle gleichzeitig zu. „Und was macht das Männchen?“, fragt etwas, was mich an meine frühere Stimme erinnert und ich antworte „Das ist in Rente. Und frag nicht so kindisch.“
Das schwer zu beschreibende Geräusch übrigens hört man heute noch, wenn man einen zeitgenössischen Gasherd mit dem automatischen Anlasser anzündet…

 

NeuStadt. Früher, heute und immer mal zwischendurch.

Was man nicht unbedingt vermutet – Teile der FrauFreitag-Familie waren gar nicht mal unbürgerlich. Sagen wir kleinbürgerlich.
Irgendwann so um die letzte, die echte Jahrhundertwende, wurde ein rotes Haus in der Mainzer Neustadt gebaut. Ich KÖNNTE natürlich ins Archiv, Grundbuchamt etc. gehen und das recherchieren, persönlich fragen kann ich keine_n mehr. …aber ich komme nicht dazu. Das Haus also wurde gebaut, rot mit gelbem Sandstein, sehr schön, wie ich meine. Parterre: 2 Ladengeschäfte. Eines nur ein Räumchen, das andre ein kleines Labyrinth aus Verkaufsraum, Regalen und einem ungewöhnlich stinkenden Abtritt. Wichtige Szenerie, komme darauf zurück.
Drüber 3 ganze Stockwerke, tolle Wohnungen, 6 Zimmer, Balkone vorne raus, repräsentativ, hinten raus auch, zum Hinterhof, Wäscheleinen. Hohe Decken, wie schon gesagt, 3,80 m.
Oben ein niedrigeres Stockwerk – die Mansarde?
Gewölbekeller, Boden aus gestampftem Lehm. Ein kleiner Hinterhof mit Außenklo und Teppichklopfstange.
2. Weltkrieg.
Der Hausherr absentiert in Russland, „beim Iwan“ , wie er zu sagen pflegte, der ihm undankbarweise ein Bein zerschießt und so kommt er zurück, an Krücken, nicht der Held seiner Vorstellung. Zwei Söhne sind da, auch nicht nach seiner Vorstellung, das Haus nur noch halb so hoch, der Keller „LSR“ (Luftschutzraum), noch in den 90er Jahren kann man sehen, was mit Kerzen während der Bombenangriffe an die Decken gemalt und geschrieben wurde, später dazu. Schutt, Asche und Trümmer, die Familie lebt Parterre im Laden, das Haus wird wieder aufgebaut, hat aber an Pracht verloren. Nur noch 2 Stockwerke und ein 3/4. Den Riss kann man heute noch außen an der Haushaut sehen. Wiederaufbau, „mit eigenen Händen“, wenn ich ihm glauben darf, was ich bezweifle. Herrliche Holztreppen, werden stets samstags gewachst, (remember: Vorsicht, frisch gewachst), ein Geruch der mir seit ca. 25 Jahren fehlt. Terrazzo-Treppenhaus, Sprünge und Kriegsversehrtheiten auch hier.
Nachkriegszeit…
Im Hinterhof entsteht das „Treibhaus“, ein mattschmutziggelblichweißes Plastikgewächshaus, in dem dem Pflanzen- und Kakteenhobby gefrönt wird, Geruch nach Erde, Feuchtigkeit, nach „Palmenhaus“ und Dünger darin, kein Kinderspielplatz. Draußen die Brombeerhecke, die eine Mauer komplett dornig-gefährlich verrankt, ein kleines Blumenbeet, Mülltonnen, zu der Zeit noch aus gutem Grund „Aschetonne“ genannt (remember: bitte keine heiße Asche einfüllen), aus Metall, runder Grundriss, mit diesem speziell-ergonomischen Griff, obwohl Ergonomie m. W. noch nicht erfunden war. FrauFreitag kommt in den späten 60er Jahren dazu.
1.Stock links, die großen Wohnungen jetzt praktisch zweigeteilt, Kohleöfen im Wohnzimmer, auch in der Küche. Dusche in der ehemaligen Speisekammer, also irgendwie auch in der Küche. Schön!
Neustadtkindheit!
Sehr frühe Erinnerung: Die Eingangstür unten noch hölzern, sollte bald durch das klassische 70er Jahre Glas-Metall-Einbruchschutzeinheitsmonstrum ersetzt werden, was, nur um das vorweg zu nehmen, einen veritablen hysterischen Anfall bei mir bewirken wird und ich werde solange ich dort wohne und wieder wohne diese türgewordene Geschmacklosigkeit hassen, der Terrazzo-Hausflur, mein Spielplatz, in meinem Rücken, Tür weit offen, stehe ich im Türrahmen an der Seite der geliebten, geliebten Großmutter und sehe das aufregendste Spektakel meines jungen Lebens.
Blick die Laypnitzstr. (Name geändert) Richtung Kaiserstr. hinunter stehen wir in Erwartung von etwas Großem, auch in anderen Haustüren ab und an Menschen („Guuden Tach, FrauFreitach!), eine Spannung baut sich auf, ich greife die Omahand und zapple, da kommt das große orangefarbene Auto in die Straße, biegt ein, Männer springen ab, auch sie in Orange, Männer, anders als alles bisher dagewesene, klingeln an noch geschlossenen Türen, verschwinden in Hauseingängen, auf beiden Straßenseiten, während das große grollende Auto laaaangsam weiterfährt, etwa auf unserer Höhe anhält und wartet. Ich stehe atemlos, warte auch, „pass auf, jetzert“ sagt meine Oma- sie ist aus dem Badeseeland- und drückt meine Hand.
Die Männer in Orange kommen wieder aus den Hausfluren, eine meisterhafte Choreographie, auch wenn ich das Wort noch nicht kenne, sehe ich die perfekte Schönheit, sie treten wieder auf die Straße hinaus und das Getöse beginnt, in jeder Hand rollen sie kraftvoll-tänzerisch je eine Mülltonne, die Hände kreisen um die runden Deckel, Metall lärmt, jede Tonne hat -wahrscheinlich je nach Füllung- ihren eigenen Klang. So rollen sie die Tonnen bis ans Auto, das den Inhalt verschluckt und mir ein bisschen Angst macht, die leeren Tonnen scheppern zurück und werden schneller zurückgekreiselt, lauter und schriller. Ich stehe da, Mund offen.
Da kommen sie auch zu uns, die Müllabfuhr, so heißt das, erfahre ich, kommt direkt durch unseren Hausflur, riecht nach ich weiß nicht, nach GERUCH, aber gut, und holt unsere Asche, unseren unsortierten bescheidenen nicht verbrannten Müll, ich drücke mich an die Hauswand und schaffe es nicht, ihr Winken zu erwidern, schaue ihnen noch lange nach, wie sie weiterreisen, die Straße hinauf.

http://youtu.be/jS1owXMIHFc

Lösungen sind nicht in Sicht

der Stachelbeerkuchen hingegen wurde bis auf ein „Anstandsstück“ aufgegessen.
Wir bleiben dran…

SA 5.59
SU 21.05
1 Bft aus SW

Es gibt noch so viel zu klären, im Sinne von „sich über Dinge klar werden“.
Bin aber guten Mutes.
Woher nehme ich eigentlich diese Gewissheit, dass schließlich alles, alles gut wird und welches Buch hört so auf? Aus dem Leben eines Taugenichts, glaube ich. Na denn. Ist ja nicht das schlechteste. Von den Romantikern kann man viel lernen. Sonette schreiben zum Beispiel. Naturerfahrungen. Geniebegriff u.v.m.

Das reizende kleine verwirrte Genie hat gestern nach allerhand Naturerfahrungen sein WortAuto vollgepackt mit Tischen und allerlei Zeug für die Stadtwohnung und ist durch den schönen Abend in die Stadt gefahren. Am Prenzlauer Berg von Mainz, wo es ab und zu auch wohnt, war mal wieder Event angesagt. Die Hipster begnügen sich nicht mehr mit Eis essen, sie feiern unaufhörlich irgendwelche Partys, laut und gegenüber.
indexNaja. Ich hab zu tun.

Muss das ganze Mobiliar in mein Boudoir tragen, ächz.
Da stehe ich und frage mich: wie verteile ich die Dinge? Schon wieder Umstellungen!
Die Kommode wird 5 mal verrückt – ich hoffe, sie hält es aus – das Bett wechselt auch endlich den Platz, das war ohnehin höchste Zeit. Jetzt sieht alles ganz anders aus und wenn die Szenerie sich verändert, kann man selbst auch leichter Abstand gewinnen. Hoffe ich.
Der Schreibtisch der reizenden kleinen Sonettdichterin sucht nach einem Platz, er braucht 3 Anläufe. Jetzt steht er, Feng-Shui-technisch sicher nicht optimal, aber praktisch an der Wand, so dass man zum Fenster raus schauen kann (links), Lüften ist jetzt leichter möglich, guter Nebeneffekt. „Berlin – die Sinfonie der Großstadt“ hat die Seite gewechselt. Über dem Tisch ein Gedankennetz, eine Pheromonfalle für Einfälle. Also ein großes Stück Papier. Bin mit dem Ergebnis recht zufrieden. Jetzt kann ich im Sitzen arbeiten, das ist pysiologisch betrachtet sicher besser als im Kauern. Apropos „physio-“
Morgen geh ich hin. Zum Physio. Es sind von meiner Arbeit 117 Schritte. Dazu kommen Treppenhäuser. Also: 3 Stockwerke runter, 2 Schritt, Tür auf, 117 Schritte, Flur, dann 5 Stockwerke rauf. Ich nehm besser den Aufzug, ausnahmsweise. Um nicht verschwitzt und atemlos anzukommen. Das macht so einen nervösen Eindruck…
(Die Peinlichkeit von neulich, als ich mit dem Folgerezept ankam und ganz lässig Termine bei Herrn XY ausmachen wollte und der andre kam dazu und die Helferin sagt, „nee, die will unbedingt zum XY“ und ich versinke vor Scham im Boden, drehe mich um und stoße mit XY zusammen, der mich (natürlich) nicht sieht (er sieht ja nicht), mich aber auch nicht ERFÜHLT, hab ich hier nicht veröffentlicht. Es hat seine Grenzen. Das ist eine private Undeinmal-Geschichte…) A. hat sich gut darüber amüsiert. Zurecht.
Also morgen geh ich hin. Wird cool. Urlaub ist vielleicht ein gutes Thema. Da erfährt man so allerlei. Wer mit wem wohin fährt und wozu. Er fährt jedenfalls nach den Schulferien, aber ich tu einfach so, als wüsste ich das nicht…ob ich beim Geheimdienst anfangen soll? Das wäre vielleicht eine Lösung!
117 sind übrigens 3 mal 39
39 steps…

http://www.filmstarts.de/kritiken/38580-39-Stufen/trailer/19339367.html

 

Zeit und Geld

SA 5.53
SU 21.13
2-3 Bft aus NW

Undeinmal haben wir an der Nordsee, ich glaube im schönen Städtchen Esens, ein s.g. Heimatmuseum besucht, da konnte man auch eine Uhrmacherwerkstatt besichtigen, die dort in memoriam aufgebaut war. Es war die Werkstatt von Hansi Tick-Tack, Gotthabihnselig. Uhrmachermeister. Aus der Zeit, als es so was noch gab. In der Werkstatt da tickerte und tackerte es, dass es eine Art hatte und das war sehr schön.

Wie komm ich jetzt darauf? So:
Heute nach der Arbeit bin ich erstmal zum Trödler. Suche ja immer noch einen Jugendstilsekretär (oder einen jugendlichen Sekretär), war aber wieder nix da. In MZ gibts original einen Trödler, ich muss hier weg.
Dann zur Bank.
Hoho! Soviel zum Thema Prekariat. Erstmal Konto entlasten. Ich hab aber auch hart gearbeitet.

Vorwort zur Rahmenhandlung: ich habe auf dem Anwesen meiner Schwester meine Uhr verschlampt. Das hat mit meiner schlechten Angewohnheit zu tun, diese immer sofort abzulegen, wenn ich irgendwo ankomme, als sei eine Uhr ein Hut. Unauffindbar. Nun war aber diese Uhr ein Geschenk meines Exmannes. Man kann ihr Verschwinden also durchaus werten und interpretieren. Ich lese daraus, dass jetzt keiner mehr über meine Zeit bestimmt. Mein Schwager meinte scherzhaft, ich müsse jetzt jemanden finden, der mir ne neue Uhr schenkt. Das sehe ich ernsthaft komplett anders.
Ich
kauf mir
meine Uhren
ab jetzt
SELBST-
Yeah.
Und in meiner Straße in der Stadt ist dieser Laden „Alte Uhren“, der etwa drei Mal im Monat bei Springtide geöffnet hat. Nämlich heute. Als ich grade frisch von der Bank komme.
„Ein Zeichen!“ denkt FrauFreitag und betritt die Museumswerkstatt.
4
Phantastische Idee! Wie im Heimatmuseum. Überdies belebt, aber dazu gleich.
Ich komme also rein, sage: „Bitte eine Uhr, für diesen Arm passend [Arm vorzeigend], mechanisch, 50er Jahre wäre wünschenswert und ich habe kein Geld. Also wenig. Diese Goldomega da von 1951 wäre ein Traum, aber 900 € sind nich.“
Der Meister trägt Elvistolle in Grau, wie wahrscheinlich seit 1956, und er hat ein Loch zum Atmen im Hals, gleich vorne am Hemdausschnitt, so dass man von außen zuschauen kann, wie er ein-und ausatmet. (Wie heißtn das nochmal?) Ich bin sehr fasziniert von dieser Szenerie. Die Groupies nennen sich selbst so. Sie antworten das auf meine launige Frage „Na Jungs, seid ihr hier Azubis oder Inventar?“ Einer ist vielleicht so mein Alter, eher sportlich, könnte man auch im Studio treffen. Der sitzt da und himmelt die Uhren an. Hat auch kein Geld.
Der andere zeigt mir, dass er an BEIDEN Handgelenken beuhrt ist. Ich frage gleich, wies mit den Knöcheln aussieht. Nö, aber inner Tasche hat er auch noch drei. Aha. Ich bin also in besondere Gesellschaft geraten.
Die aber nett ist. Man legt mir einige original „alte Junghans-Modelle“ (sic) aus den 50ern vor, die ziemlich genau meinen Vorstellungen entsprechen. Muss mich zwischen 2n entscheiden. Geht leicht. Ich folge der inneren Stimme. Bekomme noch ein neues Band. Einer der Groupies erledigt das, hat plötzlich eine Lupe wie ein Monokel ins Auge geklemmt. Ich fühl mich wie im Theater und spiele mit. Die Standuhren, bemerke ich nebenbei, sind auch nicht schlecht…
Der Meister spricht: perfekte Uhr. Sieht toll aus an mir.
Ich finde, ich seh toll aus mit ihr!
Und wenn was ist, wenn die nicht richtig tickt, soll ich kommen.
Glücklich gehe ich im Ticktackschritt heim. Schaue dauernd auf die Uhr. Zum Aufziehen. Freu mich schon drauf. Nix piepst und von wegen Batterie leer. Soviel Spaß für naja, einen guten Preis. Ha. Zuhause- wie die Zeit vergeht! Ganz anders als auf der Digitalküchenuhr…ich stelle nach…und nach ….und nach und nach merke ich, dass wir wirklich super zueinander passen, die Junghans und ich.
Sie geht auf die Stunde gut 20 Minuten vor. Sie rast also geradezu vor. Macht gar nichts…dann geh ich also morgen wieder hin…wenn hoffentlich Springtide ist und der Mond im richtigen Quadranten steht…oder einfach so lassen? Relativitätstheorie und so? Und der Arbeitstag vergeht wie im Fluge und der Nachmittag zieht sich nicht länger wie Kaugummi?? Wer sagt denn, dass die Junghans VORgeht? Gehn die andern vielleicht NACH? Einfach um 16 h gehen, auf Fragen das Handgelenk unter andere Nasen halten: „hier! Schau doch auf die Uhr! Feierabend!“ rufend. Ich überlegs mir noch.

(Mein Exmann hat übrigens immer „Ras doch nicht so!“ gesagt, wenn ich so fürbass gegangen bin.)