Kategorie-Archiv: Verdichtung

Der November

von Erich Kästner

Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor …
Der Sturm ritt johlend durch das Land der Farben.
Die Wälder weinten. Und die Farben starben.
Nun sind die Tage grau wie nie zuvor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Der Friedhof öffnete sein dunkles Tor.
Die letzten Kränze werden feilgeboten.
Die Lebenden besuchen ihre Toten.
In der Kapelle klagt ein Männerchor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Was man besaß, weiß man, wenn man’s verlor.
Der Winter sitzt schon auf den kahlen Zweigen.
Es regnet, Freunde, und der Rest ist Schweigen.
Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor.
Und der November trägt den Trauerflor…

Danke, Erich.

Erich Kästner

Der Oktober

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter. Bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei’s zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen.
Hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Geh nicht wie mit fremden Füßen,
und als hätt’st du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Laß den Herbst nicht dafür büßen,
daß es Winter werden wird.

An den Wegen, in den Wiesen
leuchten, wie auf grünen Fliesen,
Bäume bunt und blumenschön.
Sind’s Buketts für sanfte Riesen?
Geh nur weiter. Bleib nicht stehn.

Blätter tanzen sterbensheiter
ihre letzten Menuetts.
Folge folgsam dem Begleiter.
Bleib nicht stehen. Geh nur weiter.
Denn das Jahr ist dein Gesetz.

Nebel zaubern in der Lichtung
eine Welt des Ungefährs.
Raum wird Traum. Und Rauch wird Dichtung.
Folg der Zeit. Sie weiß die Richtung.
„Stirb und werde!“ nannte er’s.

September von Erich Kästner

SA 6.45
SU 20.05
2 Bft aus Ost

Folgendes Gedicht fand ich heute Morgen im Posteingang und so schön, dass es von Mehren gelesen werden soll:

Der September

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

[Erich Kästner]

Statt dessen

SA 6.24
SU 20.34
2 Bft aus SW

FrauFreitag, was machsten? Alles und nichts gleichzeitig, davon zu viel auf einmal und wahrscheinlich wieder mal zu schnell. Chill doch mal…

Statt dessen-
teste ich Falaffeln,
und trinke Limonade,
beobachte die Welt
beim Durch- und Weiterdrehen.

Les ich gute Bücher,
denke nicht an Therapeuten,
und beschäftige mich
mit Rap-Geschichte/n.

Träum ich tiefgreifend und wirr,
tausche Küsse (gegen was?),
ich wache zu früh auf
und schlafe viel zu lange.

Lege Akten zu den Akten
und Arme um Schultern,
vergesse schnell Zusammenhänge,
fahre auf und lass es sein.

Ich raufe mir die Haare,
rasier mir dann die Beine,
und nehme einen walk
on the wild side, far away.

Prüfe ich den Kontostand
und höre laut Lou Reed,
grüble lange über Wörtern,
buchstabiere einen Namen.

Beiß ich mir auf die Zunge
und lutsche Eiswürfel in Bars,
brause kurz in private,
und laufe Flüsse auf und ab.

Sammle ich Geschichtchen,
ernte Brombeeren und Tomaten,
betrachte still das Licht
höre zu und denk an andres.

Spreche nichts richtig aus,
und verstehe immer weniger,
organisiere und zitiere
Gedichte aus dem Kopf.