Kategorie-Archiv: childhood

…wie ein neues Leben (lalalalalalaa)

SA 5.27
SU 21.21
1 Bft aus Südost

Gespräch mit Kind 1 führt zu einem assoziativen Ohrwurmunfall, den ich aus lauter Gehässigkeit mit allen Lesern dieser Zeilen teilen möchte (Guten Abend, liebe Leser! Ihr seid wunderbar!)

Jedenfalls sagte ich im Gespräch mit Kind 1, dass einen neue Liebe wie ein neues Leben sei, und gleich darauf lalalalalalaa. Weil das Kind ob seiner gnadenlos späten Geburt vor erst 20 Jahren sich nicht auskennt in der Welt, erweitere ich seinen Horizont, indem ich es mit Jürgen Marcus bekannt mache. Dem echten, nicht irgendwelchem Retro-Scheiß. Bitte sehr. Und auch auf die Frisur achten.
https://youtu.be/7SkRiHzjpnE

Das war 1972, in Worten neunzehnhundertzweiundsiebzig.
Kurz zur Erinnerung:
Olympiade in München. Schwarzer September. Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt. Watergate-Affäre und Proteste gegen den Vietnamkrieg . Andreas Baader wird verhaftet. Die erste Folge von Star Trek (Raumschiff Enterprise) wird im Deutschen Fernsehen gezeigt. Robert Fischer wird durch den Sieg über Boris Spasski Schachweltmeister. Heinrich Böll wird der Literaturnobelpreis verliehen (an meinem Geburtstag).

Mehr dazu :
http://wikipedia.org/wiki/1972

So ist das. Mit dem neuen Leben. Durch diesen Schwachsinnsschlager werde ich zurückkatapultiert, volle 43 Jahre zurück. Zurück in die Samstage, an denen man gebadet hat. Ein Badezimmer gibt es nicht, gebadet wird in der Duschwanne in der Küche, die ehemalige Speisekammer ist der modernen Zeit geopfert worden, dem Komfort. FrolleinFreitag sitzt also mit ihrem roten Plastikfisch in der Duschwanne, noch ist Platz, denn es sind die seligen Tage des NochEinzelkindes. Es weiß nicht: sie sind gezählt…gezählt sind im übrigen viele Tage, aber das Frollein in der Duschwanne ahnt rein gar nichts davon. Es lebt in der Ewigkeit. Und in der Besten der Welten. Vor der Dusche riecht der Elektroheizofen nach verbranntem Staub und wärmt die Küche, der Ofen wird in der Übergangszeit nicht geheizt…
Nach dem Bade werden die nassen Haare stramm gescheitelt, der Leberfleck in der Stirnecke zeigt, wo. Dann den Frotteeschlafanzug mit den gutgelaunten großen Blumen anziehen. Wurstbrote und Limo zu Abend; wenn man bettelt, werden die Brote zu Reiterchen geschnitten. (Wer nicht weiß, was das heißt: die Stulle wird in mundgerechte Häppchen zerlegt – ein Liebesbeweis…) und das Blubberbläschenorakelspiel beschäftigt mich, bis es endlich 19.30 Uhr ist.
Und so, mit nassen Haaren, rauhem Frottee, hohem Blutzuckerspiegel und Zahnlücke endlich vor das Schwarzweißfernsehgerät. Irgendwas gibts da immer, jedenfalls im Rückblick. Hitparade zum Beispiel, deswegen komm ich ja drauf.

Nebenrede: natürlich war das eigentlich schlimm. Und keine Musikerziehung. Dieses Aufwachsen fern von Hochkultur. Aber:
Wir haben unseren Wortschatz erweitert. Unsere geographischen Kenntnisse. Das Wissen über die Liebe, die schon damals nicht leicht zu sein schien. Wir haben uns in Mnemotechniken geübt und können noch heute hunderte von Liedtexten auswendig. (By heart trifft es eher.) Wir wussten, dass es Akzente gibt, die das Deutsche verändern, klanglich. Und wir lernten zu unterscheiden. In wirklich schlimm und irgendwie toll. Wir verliebten uns zum ersten Mal (FrolleinFreitag in Chris Roberts ). Und: ich kann mich immer darauf rausreden. Sonst wäre sicher was aus mir geworden. Aber meine Quellen waren nun mal eingeschränkt, 1972.  Hitparade eben. Disco ’72. Erkennen Sie die Melodie (was außer meiner Lebensgefährtin und mir NIEMAND gesehen zu haben scheint, wie groß das Glück, jemanden zu finden!).

Ich beobachte übrigens bei den Spätergeborenen einen Hang zur Kompensation. Die fallen auf die Epigonen rein. Dieter T. Kuhn und sowas. Ich habs verglichen. Nein. Dabei stellt sich kein Samstagabendgefühl ein.
Aber wir, die wir dabei waren! Wir kennen das Glück vor dem  Schwarzweißgerät. Wir wissen, dass Deutschland in heller Kleidung spielt. Dass man Papa bei der Sportschau nicht stören darf. Dass der Internationale Frühschoppen mit seinen rauchenden Experten uns nicht lockt und wir den Vater sonntags freiwillig allein damit lassen können. Wir fahren mit dem Feuerroten Spielmobil (mit Herrn Montag!), wir kennen Ratz und Rübe wie unsere eigenen Zahnlücken. Wir haben die Sesamstraße noch original amerikanisch gesehen, nicht die weichgespülte Version der späten Jahre. Ich selbst halte by the way Oscar für den Gründer und Verursacher des Punk in Deutschland.

Aber zurück zum neuen Leben, darum gings ja.
was einmal war, ist vorbei und vergessen und zählt nicht mehr„, so das  Libretto des Jürgen M., und er hat UNRECHT.

1972 lebt. Für immer. Ich laufe heute durch mein hometown, das kaum noch wiederzuerkennen ist. Und schau, da hopst das kleine FrolleinFreitag zum Kolonialwarenladen an der Ecke. Es hat die rote Einkaufstasche in der Hand und es darf schon allein 10 Brötchen kaufen, obwohl keiner weiß, was das Wort Verkehrsberuhigung bedeutet. Und immer singt es Lieder (denn noch war es keinen Tag in der Schule, wo man ihm sagen wird, dass es Tonarten gebe, an die auch es sich zu halten habe, oder auf immer zu schweigen. Aber das ist eine andere Geschichte…)

Und darum singen wir heute Abend oder morgen früh. Alle. Laut und zur Not falsch. Schlager. Oder Schubert-Lieder, wers braucht.  Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch gut, im Altersheim sitzen wir sicher wieder samstags abends zusammen. Ick froi ma schon! lalalalalalaa…

Bitte um Zuschriften!

 

 

Das Frotteekleid meiner Mutter

Als wir übers Bügeln sprachen, musste ich plötzlich dran denken.
Es gibt Menschen, die sehr gerne bügeln, andere eher weniger. So auch ich, eher sehr viel weniger, ich kanns auch nicht so besonders. Was mir hilft: man muss es performen.
Zum Beispiel im Moment. Schwülheißes Wetter, deshalb dauernder Leinenblüschenzwang beim Lohnerwerb. Hitze und Bügelzwang, ganz schlecht. Plan: lästige Tätigkeit mal DRAUSSEN performen. Im Hof. Outdoor-ironing.
Ich seh mich schon im Hof, bügelnd vor meinem geistigen Auge, da poppt eine Erinnerung auf. Meine Mutter, auf der Terrasse, bügelnd. Frühe 80er Jahre, Mutter noch keine 40. Und weil Sommer ist, hat sie ihr FROTTEEKLEID an.
Das Frotteekleid von Frau F. sen.:
M.E. muss es, das verraten die satten Farben, noch aus den 70ern stammen. Ich kenne es zudem ungefähr seit immer. Sommer, Mutter, Frotteekleid, eine Dreifaltigkeit.
In meiner Erinnerung sieht es so aus:
Das Grundmuster sind sehr breite rote und weiße Längsstreifen. Darauf groß angelegtes  Prilgeblüm. Orange, Grün? Es verschwimmt ein bisschen. Darin meine Mutter, 160 üppige Zentimeter. Das Kleid ist allenfalls überknielang, eher mitteoberschenkelkurz. Unten ist eine Art Rüschensaum angesetzt, 5-7 wellige Zentimeter. Darunter die Beine meiner Mutter, sehr wohlgeformt, damals durfte es noch etwas mehr sein. Ärmellos und leichter V-Ausschnitt. Auf dem Kopf, jenseits des Frotteekleides, gerne mal Lockenwickler. Sommersamstagabend, 1981, 82, 83..
Wo ist das Frotteekleid? Seit wann wird es eigentlich nicht mehr getragen?? Wenn es nun weg ist? Was, wenn sie es echt weggeschmissen hat? Die Kleidwerdung einer Ära, der optische Hintergrund meiner Kinder-, Pubertäts- und Jugendsommer! (Akustischer Hintergrund? Sportschau. Geruchlicher Hintergrund? Man hat in Wohnungen geraucht.-Dies spontanassoziative Antworten) Ich bin sicher, es gibt ein Foto. Fällt mir gerade ein! Wanderung durchs Morgenbachtal, ca 1979. Ich werde es finden! Und gleich morgen ruf ich meine Mutter an. Ich brauche dies Kleid!
Wenigstens für die Bügelperformance. Dazu Sportschau, Bindingbier und HB.
Sommer!